Narzissten verdrehen die Fakten. Sie erheben falsche Anschuldigungen, dramatisieren, manipulieren und fühlen sich dabei auch noch im Recht. Sie schwärmen von sich selbst, fühlen sich überlegen und außergewöhnlich. Bestes Beispiel dieser Tage: Donald Trump, der Präsident der Vereinigten Staaten. Schon im Wahlkampf war er mit drastischen Äußerungen und Lügen aufgefallen. Seit er im Amt ist, kamen radikale Entscheidungen wie der Einreisestopp für Menschen aus Syrien oder der geplante Bau einer Mauer zu Mexiko hinzu.

Manche Psychotherapeuten und Psychologen haben sich daher zu einer umstrittenen Aussage hinreißen lassen: Aufgrund seines gestörten Geisteszustands sei Trump unfähig, die USA zu führen. Einige schreiben ihm gar bösartigen Narzissmus zu. Schlagzeilen machten zuletzt etwa der Psychotherapeut John Gartner und die politisch motivierte Gruppe Citizen Therapists for Democracy.

Gartner hatte Journalisten gegenüber gesagt: "Trump hat eine gefährliche psychische Krankheit und ist charakterlich außerstande, Präsident zu sein." Damit verstieß er bewusst gegen die Goldwater-Regel, die Psychiatern eine Diagnose aus der Ferne untersagt (siehe Infobox). Er ist nicht der erste Fachmann, der sich dazu verpflichtet fühlt, schon im Wahlkampf hatten sich Kollegen deutlich negativ über Trump geäußert. Und er ist nicht der Letzte. Den Citizen Therapists hatten sich nach der Wahl Tausende Psychologen, Psychiater und Psychotherapeuten angeschlossen. In einem Manifest vertreten sie die Botschaft: Die Freiheit der Menschen in den USA, gar weltweit, ist durch Narzissten wie Trump bedroht.

Doch was verbirgt sich hinter dem Begriff "Narzissmus"? Wann geht es um schlechte Charaktereigenschaften, wann um eine anerkannte Krankheit? Und selbst wenn es sich um eine behandelbare Störung handelt, steht es Psychologen überhaupt zu, aus der Ferne solch eine Diagnose zu stellen?

Grandiositätsvorstellungen, Anspruchsdenken, fehlende Empathie

Das international gültige Handbuch zur Diagnose psychischer Leiden hilft weiter, kurz DSM-V. Es definiert, wo normales Verhalten aufhört und eine psychische Störung beginnt. Die Narzisstische Persönlichkeitsstörung ist im DSM-V zu finden, obwohl unter Fachleuten umstritten ist, ob es sich dabei wirklich um eine Krankheit handelt (Innovations in Clinical Neuroscience: Pies, 2011). Sie geht demnach beispielsweise mit Grandiositätsvorstellungen, einer übermäßigen Beschäftigung mit dem eigenen Selbst, Anspruchsdenken, Abhängigkeit von der Bewunderung anderer und fehlender Empathie einher.

Der Größte sein und zugleich gefallen wollen – gewissermaßen haben Narzissten also zwei Gesichter, wie auch aktuelle Studien zeigen. So geht ihr Bedürfnis nach Bewunderung mit vergleichsweise größerem Selbstbewusstsein, positiverer Stimmung und extrovertierterem Auftreten einher; im ersten Moment sind Narzissten sogar beliebter als andere (Journal of Personality and Social Psychology: Back, Mitja D., et al., 2013). Auf längere Sicht aber führt narzisstische Rivalität zur Abwertung anderer, einer geringeren Beliebtheit in sozialen Gruppen und damit zu mehr Konflikten (Journal of Personality and Social Psychology: Leckelt, Marius, et al, 2015).

Von bösartigem Narzissmus wiederum ist im DSM-V nichts zu lesen. Der Begriff findet sich allerdings in einem anderen Lehrbuch, Campbell's Psychiatric Dictionary. Die Definition: eine Mischung aus Narzissmus, antisozialer Persönlichkeitsstörung, Aggression und Sadismus. Klingt gleich noch mal besorgniserregender und erinnert alles irgendwie an den neuen Mann im Weißen Haus.

"Aber wir müssen an dieser Stelle betonen: Es macht einen bedeutenden Unterschied, ob jemand ein narzisstisches Wesen hat oder wirklich psychisch krank ist", sagt Mitja Back, der an der Universität Münster Narzissmus erforscht. Extrem hohe Ausprägungen in Narzissmus können zwar in eine narzisstische Persönlichkeitsstörung übergehen, müssen das aber nicht. "Man spricht nur dann von einer klinisch relevanten Störung, wenn Personen ihr Leben und ihren Narzissmus nicht in Einklang bringen und deshalb psychische Leiden haben", sagt Back. Ansonsten ist Narzissmus nichts weiter als ein Persönlichkeitsmerkmal ähnlich der Körpergröße, das mal schwach, mal stark ausgeprägt ist – so wie bei Trump.

Der 70-Jährige twittert Beleidigungen, verweigert Interviews und entlässt die kommissarische Justizministerin*, reagiert also äußerst aggressiv auf Kritik, während er in höchsten Tönen von sich selbst und seinen vergangenen und zukünftigen Erfolgen schwärmt. Mimik, Gestik, seine Wortwahl und der Umgang mit Personen – es gibt ausreichend viele übereinstimmende Belege, um sein Verhalten zu charakterisieren.

*Anm. d. Red.: In einer früheren Version hieß es, er habe eine Richterin entlassen. Das ist korrigiert.

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"Ein Narzisst aus dem Lehrbuch"

"Menschen aus der Nähe zu analysieren heißt, sie zu interviewen und Fragebögen ausfüllen zu lassen", sagt Back. "Sie bekommen dann aber auch nur das, was die Personen Ihnen verraten. Wie eine Person sich verhält, ist die Königsdatenquelle. Und sein Verhalten ist eindeutig", sagt der Psychologe. Selten sei ein so konsistentes Muster zu beobachten wie beim US-Präsidenten. "Trump ist in all seinen Extremen ein Narzisst aus dem Lehrbuch", sagt Back.

Doch möge Trump auch ein Mann zweifelhaften Charakters sein: "Aus der Ferne eine klinische Diagnose zu stellen, ihm also eine Krankheit zu attestieren, ist nicht nur unangemessen, sondern auch unmöglich."

Das wissen auch die Autoren des Manifests Citizen Therapists Against Trumpism. Wie sie explizit betonen – was aber oft falsch berichtet worden ist – geht es ihnen daher nicht um Trumps Wesenszüge, sondern vor allem um die Form und den Inhalt seiner Politik. Sie warnen nicht vor seiner Person, sondern vor seiner Ideologie, dem "Trumpismus".

"Die sozialen Kräfte, die es Donald Trump erlaubt haben, Präsident zu werden, und die weltweit erstarken, sind so viel größer als seine Person", schreiben sie auf ihrer Website. Statt sich auf eine Diagnose zu konzentrieren, müsse man sich jenem Gedankengut zuwenden, das die Freiheit und Demokratie bedrohe – und verstehen, woher es rührt. Dazu gehöre etwa, Gruppen zu verbannen, Kritiker zu degradieren, verhöhnen und erniedrigen und den Kult um den 'Starken Mann' zu unterstützen, der an Angst und Wut appelliert, die Geschichte für seine Zwecke neu erfindet und dabei niemals Fehler eingesteht, geschweige denn sich dafür entschuldigt.

Die narzisstische Persönlichkeit ist ernst zu nehmen

"Die Initiative ist strikt zu trennen von der Frage, ob es angebracht ist, dass einzelne Therapeuten und Psychiater Trump per Ferndiagnose eine Narzisstische Persönlichkeitsstörung attestieren", sagt Back. Mit ihrem Manifest lehnen die Unterzeichner schlicht die politische Ideologie von Trump und seiner Regierung ab. "Das halte ich für lobenswert, nachvollziehbar und sogar notwendig", sagt er weiter.

Gleichzeitig aber sei es wichtig, Trumps narzisstische Persönlichkeit ernst zu nehmen. Seit Jahren zeigen Studien, dass Führungskräfte überdurchschnittlich viel Geltungsdrang haben. Das Maß aber ist entscheidend. Sich mit den narzisstischen Zügen des Politikers Trump auseinanderzusetzen ist daher aus drei Gründen relevant:

  • Trumps Charakter bedient gleich zwei Bedürfnisse seiner Wählerschaft: "Indem er selbstbewusst proklamiert, Amerika werde wieder erstarkten, füllt er für viele Menschen eine Leere", erklärt Back. "Millionen Amerikaner scheinen den Gedanken zu teilen, dass Land und Gesellschaft derzeit schwach sind. Sie fühlen sich abgehängt und Trump bietet ihnen die imaginierte Chance auf Veränderung." Indem er zugleich davon spricht, andere müssten dafür zahlen, liefere er seinen Anhängern ein Ventil für aufgestaute Emotionen, sagt Back: "Trumps Selbstbewusstsein liefert Hoffnung, seine Aggressivität befeuert Unmut." 
  • Informationen über die Persönlichkeitsausprägungen erlauben Wahrscheinlichkeitsaussagen über das zukünftige Verhalten. "Basierend auf den bisherigen Erfahrungen ist nicht davon auszugehen, dass Herr Trump seine politischen Entscheidungen durch Umsicht und auf der Basis eingehender Beratungen fällen, oder dass er mit der nötigen Vorsicht auf Konflikte reagieren wird", sagt Back.
  • Weiter sei unwahrscheinlich, dass die Kritik an seiner Person sein Verhalten ändert, wie der Psychologe betont. Daher sei nicht davon auszugehen, dass Trumps politische Beziehungen künftig auf langfristigem Vertrauen basieren. Wahrscheinlicher seien kurzfristige politische Deals – ein fragiles Konstrukt.

Es klingt zwar wie eine Binsenweisheit, aber: Wer ganz oben steht braucht ein gewisses Selbstbewusstsein, um der Rolle als Anführer gewachsen zu sein. Ganz ohne Empathie, Kompromissbereitschaft und Respekt für das Umfeld allerdings geht es auch nicht. Wer ein Land führt, wer seinen Platz in der Welt behaupten und es in Sicherheit wissen will, muss sich kritisch hinterfragen können – und akzeptieren, dass einen nicht alle so großartig finden, wie man selbst, um dadurch besser zu werden.