Angst und Wut genießen zur Zeit kein hohes Ansehen. Sachlich solle man bleiben und sich nicht von Gefühlen leiten lassen. Aber führt die ständige Disziplinierung von Gefühlen und Versachlichung des Lebens wirklich zu einem besseren gesellschaftlichen Miteinander? Aus psychiatrischer Sicht gibt es Grund zur Skepsis: Gerade in Zeiten großer gesellschaftlicher Differenzen und realer Gefahr angesichts der politischen Entwicklungen in den USA und der Türkei und den anstehenden Wahlen in Europa brauchen wir unsere Gefühle mehr denn je. Denn wer nur Kosten und Nutzen gegeneinander abwägt, der steht kaum auf für eine bessere Welt.

Zwar sollten wir versuchen, öffentliche Diskussionen wieder konstruktiv und manchmal weniger emotionsgeladen zu führen – wer zusammenarbeiten will, muss Gefühle auch in sich halten können. Aber das heißt noch lange nicht, dass wir Angst und Wut einfach beiseite schieben sollten. Eine rein pragmatische Debatte über die Grundwerte einer Gesellschaft als Ausgangspunkt politischen Fortschritts war auch in der Vergangenheit eher die Ausnahme. Auch Mark Rutte hat sich bei der Wahl in den Niederlanden nach Einschätzung einiger politischer Kommentatoren nicht zuletzt deshalb so klar gegen seinen populistischen Herausforderer Geert Wilders durchgesetzt, weil er sich kurz vor der Wahl in einer hochemotionalen diplomatischen Auseinandersetzung mit der türkischen Regierung die Schultern breit gemacht hat für die demokratischen Grundwerte und die Souveränität seines Landes.

Wer das Gefühl hat, Einfluss nehmen zu können, wird selbstbewusster

Die Angst ist zunächst ein sehr wirksamer Mechanismus, um in gefährlichen Situationen das Überleben zu sichern. Wer keine Angst hat, dessen Überlebenschancen sind vermindert, weil er nicht aus Gefahren lernt und unnötige Risiken eingeht. Das lässt sich auch auf die Gesellschaft übertragen: die Ängste in Bezug auf die globalen politischen Entwicklungen haben zu einer lebhaften öffentlichen Debatte geführt, wie wir sie zumindest in Deutschland schon lange nicht mehr hatten. Über soziale Ungerechtigkeit, über Meinungsfreiheit, über die Rolle von Politikern und Medien. Die Angst, dass es wieder so kommen könnte, wie es Anfang des 20. Jahrhunderts schon einmal kam, lässt viele Menschen aktiv werden.

Jan Kalbitzer, 38, ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Er leitet das Kolleg Internet und seelische Gesundheit an der Charité Berlin. Vergangenes Jahr erschien sein Buch "Digitale Paranoia: Online bleiben, ohne den Verstand zu verlieren". © Praxis Kalbitzer

Aus psychiatrischer Sicht ist das eine ausgesprochen positive Entwicklung: Die Angst als Motivation zu nutzen, um sich für eine bessere Gesellschaft einzusetzen. Wer das Gefühl hat, Einfluss nehmen zu können, wird selbstbewusster. Er kann aufkommende Angst gezielter nutzen, um klug mit bedrohlichen Situationen umzugehen. Selbstwirksamkeit nennen wir diese wichtige psychische Ressource. In den heutigen Zeiten ist die Angst vor Destabilisierung und Terror möglicherweise einer der wenigen gemeinsamen Anknüpfungspunkte, anhand derer die Gesellschaft wieder zusammenfinden und gemeinsam nach Lösungen suchen kann.

Doch: Damit das möglich wird, müssen wir zuerst unsere Unterschiede anerkennen. Zu lange hat sich ein führender Teil der Gesellschaft mit der Illusion begnügt, es gebe bereits einen allseits akzeptierten, progressiv orientierten Konsens für unser Zusammenleben, den ein Teil der Welt nur noch nicht eingesehen hat.

Nun sieht dieser progressive Teil nicht nur plötzlich, dass ein anderer Teil der Gesellschaft den vermeintlichen Konsens ablehnt. Dieser andere Teil formuliert auch sehr deutlich, dass er sich eine nationale Identität zurück wünscht, weil bei ihm zunehmend der Eindruck entstanden ist, dass eine erfolgreiche Elite des Landes sich lieber mit den erfolgreichen Eliten anderer Länder trifft und sich für die "Hinterwäldler" im eigenen Land schämt. Und so aus Sicht dieser Zurückgelassenen eine Solidarität aufgekündigt hat, die dem nun schwächeren Teil unserer Gesellschaft lange Sicherheit gegeben hat.

Hass entmenschlicht das Gegenüber

Die Wut auf beiden Seiten lässt mitunter vergessen, dass es gerade in Deutschland auch immer noch eine breite Mitte gibt. Sie prägt zurzeit die öffentliche Debatte, macht bestehende Unterschiede deutlich – und damit verhandelbar. Das gilt nicht nur auf nationaler Ebene, sondern auch für die diplomatischen Beziehungen mit Ländern wie der Türkei. Wichtig dabei ist jedoch die Abgrenzung zum Hass. Denn der Hass entmenschlicht das Gegenüber, sein Ziel ist nicht die Durchsetzung der eigenen Interessen, sondern die endgültige Vernichtung des Gegners.

Aus psychologischen Arbeiten über die großen Kriege des 20. Jahrhunderts wissen wir, dass Hass dort gedeiht, wo Regellosigkeit herrscht. Er dient als Bollwerk gegen die Angst vor der eigenen Vernichtung, wenn das Gefühl permanenter Bedrohung besteht. Dem Hass können wir nicht durch Diskurs begegnen. Genau deshalb gilt es, die Angst und die Wut, die in unsicheren Zeiten wie diesen in unserer Gesellschaft entstehen, als Triebfeder zu nutzen, für eine gerechtere Zukunft zu kämpfen und die Grundlagen unseres Zusammenlebens neu auszuhandeln.

Am 23.3.2017 um 19 Uhr ist Jan Kalbitzer zu Gast in der Hamburger Botschaft, um über den Umgang mit der Angst vor dem Internet und gesellschaftlichen Veränderungsprozessen zu sprechen und mit dem Publikum zu diskutieren.

Niederlande - Das Populisten-Experiment Der österreichische Künstler Peter Reischl hat die Amsterdamer mit Redeausschnitten von Geert Wilders beschallt. Ist das Propaganda, fragten sich einige und griffen ein. © Foto: Ruben Gischler/ZEIT ONLINE