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Er stresst gewaltig. Sie wissen, um wen es geht. Kein Mensch in der Geschichte hat wohl je so viel Aufmerksamkeit bekommen wie er jetzt gerade. Morgens verstopft er die Timeline, noch bevor es draußen hell wird. Abends kurz vorm Schlafengehen leuchtet er auf dem Display, wenn es um uns herum bereits dunkel ist. Er trendet, jeden Tag, überall, auf Twitter, Facebook, in den Nachrichten, auf der Arbeit, im Alltag, zu Hause, nun auch – und das ist neu – in den Praxen vieler Psychotherapeuten in den USA.

Viele Amerikaner sind aufgekratzt, schlafen schlechter, klagen über Kopf- und Bauchschmerzen, sind nervös, misstrauisch, haben Angst. Weshalb? Wegen der neuen politischen Realität. "So etwas hat es noch nie gegeben, nicht einmal ansatzweise", sagt William Doherty. "Noch nie" heißt für ihn: in 40 Jahren als Therapeut. Der Ausgang von Wahlen sei immer aufwühlend gewesen, besonders für Menschen, deren Kandidat verloren habe. "Aber früher gab es einen Stoßdämpfer zwischen Politik und Persönlichem. Wir konnten nachts noch schlafen." Dieses Mal ist es anders und es hält an.

Im August 2016 gab mehr als jeder zweite US-Bürger (52 Prozent) an, die Präsidentschaftswahlen seien für ihn ein großer bis sehr großer Stressfaktor. Derartig nervös wurden die Amerikaner in den vergangenen zehn Jahren hauptsächlich, wenn es um den Job, Geld und die Wirtschaft ging. Dann gewann er und nicht sie die Wahl im November. Also fragte der größte US-Psychologenverband, die American Psychological Association (APA) fünf Monate später noch einmal nach. Diesmal gaben acht von zehn US-Bürgern an, dass sie psychische oder körperliche Stresssymptome hätten. Oder beides.

Er provoziert Ängste, ob er will oder nicht

"Das erste Mal in der Geschichte unserer Stress-in-America-Umfrage sind die Stresslevel signifikant angestiegen", sagt Katherine Nordal von der APA. Nachdem die Präsidentenwahl entschieden war, äußerten zwei von drei Befragten, sie hätten Angst um die Zukunft des Landes. Mehr als die Hälfte stresste das politische Klima, unabhängig davon, wem sie zuvor ihre Stimme gegeben hatten. "Das beschäftigt uns sehr", sagt Nordal. "Stress kann ernste gesundheitliche Konsequenzen haben". Unwohlsein und Nervosität können langfristig zu Angststörungen, Schlaflosigkeit und einem geschwächten Immunsystem führen. Letztlich kann dies Herzerkrankungen, Fettleibigkeit und Depressionen begünstigen.

Doch kann für all das ein Mann allein verantwortlich sein? "Psychologen berichten uns, dass viele Patienten ihre Ängste über die politische Situation in Therapiesitzungen äußern", sagt Nordal. Besonders Minderheiten, Migranten, Überlebende sexueller Gewalt, Flüchtlinge und Frauen fühlen sich vom US-Präsidenten und seiner Politik bedroht, geringschätzig behandelt, in ihrer Person herabgewürdigt, zur Zielscheibe gemacht oder schlichtweg ignoriert. Nun leiden die gestressten Staaten von Amerika unter einer Trump-traumatischen Belastungsstörung.

"Das ist natürlich keine anerkannte psychische Erkrankung", sagt die klinische Psychologin und Ärztin Jennifer Sweeton. "Allerdings scheint diese Bezeichnung unter vielen Menschen Anklang zu finden, deren traumatische Erlebnisse wieder aufkommen, durch das, was der Präsident entscheidet und wie er sich verhält." Sweeton selbst arbeitet im US-Bundesstaat Missouri mit Überlebenden sexueller Gewalt. Für ihre Patienten sei es extrem verstörend, einen Mann an der Spitze des Landes zu sehen, dem mehrere Frauen sexuelle Übergriffe vorwerfen.

Viele schauen auf die Menschen, die sie kennen und lieben, und fragen sich, ob sie ihnen noch trauen können.
Angela Londoño-McConnell, Psychologin

Dieser Mann, seine Regierung, sie schüren Ängste, ob sie wollen oder nicht. Die Furcht vor Polizeigewalt ist etwa innerhalb weniger Monate angestiegen. Ganz gleich, wen man fragt, ob weiße Amerikaner, Afro- oder Hispanoamerikaner oder solche mit asiatischen Wurzeln. Das Einwandererland USA wird fremdenfeindlicher. Selbst US-Bürgern, deren Vorfahren einst aus allen Teilen der Welt ins Land kamen, wird von vielen Seiten zugerufen oder suggeriert, sie sollten sich auf ihre Abschiebung gefasst machen.

Es ist ein Klima, das selbst den Zusammenhalt von Familien auf die Probe stellt. Wer hat für den Mann im Oval Office gestimmt, wer nicht? "Viele haben das Gefühl, ihr sozialer Rückhalt habe sich fundamental verändert", berichtet die Psychologin Angela Londoño-McConnell aus dem Bundesstaat Georgia. "Sie schauen auf die Menschen, die sie kennen und lieben, und fragen sich, ob sie ihnen noch trauen können."