Haare, die ausfallen, andauernde Schwäche, ständige Übelkeit – eine Krebserkrankung zu bekämpfen, bedeutete früher zumeist, die Qualen einer Chemotherapie ertragen zu müssen, die hart und ungerichtet gegen Krebs und Körper zugleich anging. Am Ende starben viele Patienten trotzdem. In den vergangenen zwei Jahrzehnten aber haben sich die Chancen drastisch verbessert: Nicht nur gibt es heute mehr Behandlungsmöglichkeiten als je zuvor. Die Therapie ist vor allem spezifischer geworden. Sie richtet sich mittlerweile gezielt auf die Mutationen, die ein bestimmter Krebs aufweist und macht es sich zunutze, dass jeder Krebs einzigartig ist.

Der neueste, heilversprechende Ansatz: die Epigenetik. Sie kann helfen, Tumore genauer zu charakterisieren als bisherige Methoden. Die epigenetische Therapie greift nicht die Tumorgene selbst an, sondern beeinflusst ihre Aktivität. Was sich nicht rühren kann, kann auch nicht schaden, so die Devise. Unter dem Titel Frontiers in Cancer Therapy hat die Fachzeitschrift Science der verheißungsvollen Behandlungsmethode nun eine Sonderausgabe gewidmet (Science, 2017). In mehreren Artikeln beschreiben Mediziner hier, warum Krebs so tückisch ist, welche Hoffnungen sie in die Epigenetik setzen und welche ersten Enttäuschungen es bis heute zu verkraften galt. 

Eine gesunde Zelle weiß, wann sie sich teilen muss, wie sie sich an ihren Nachbarzellen festhält und wann es an der Zeit ist, in den programmierten Selbstmord zu gehen. Eine Krebszelle hat mindestens eines davon verlernt: Sie pflanzt sich fort, ohne dass der Körper ihr dafür das Signal gibt, sie löst sich aus dem Zellverbund, um als Metastase an einer anderen Stelle im Körper Wurzeln zu schlagen. Und keine Krebszelle geht freiwillig in den programmierten Zelltod. Unzählige genetische Mechanismen ermöglichen die Wucherungen. Das besonders Perfide: Jeder Tumor läuft ein wenig anders ab, hat gewissermaßen seine eigene Persönlichkeit. Genau hier setzt die gezielte Therapie an.

Die Genetik birgt den Bauplan, die Epigenetik ist der Baumeister

"Genetische Veränderungen sind die Voraussetzung für Krebs", erklärt Mark Dawson, Leiter des australischen Peter MacCallum Cancer Centres in seinem Artikel (Science: Dawson, 2017). "Aber die epigenetischen Veränderungen sind mindestens genauso wichtig, um ihn zu verstehen und besser behandeln zu können", sagt Dawson. Die Genetik beschäftigt sich mit dem langen DNA-Faden, der unsere Erbinformation kodiert, dem Bauplan unseres Körpers. In allen unseren Körperzellen befindet sich die gleiche DNA, jede Zelle des Körpers enthält all unsere Gene. Die Epigenetik hingegen beschäftigt sich mit allem, was rund um den DNA-Faden passiert: wie das Erbgut verpackt ist und an welchen Stellen kleine Kohlenstoffgruppen an die Bausteine der DNA geklebt wurden. Das Epigenom beschreibt die Gesamtheit dieser Veränderungen. Aus ihm lässt sich ablesen, welche Gene aktiv oder inaktiv sind. Es erklärt, warum eine Zelle zu einer Muskelzelle, Leberzelle oder zu einem Blutkörperchen wird. Und wie sich Zellen in unserem Körper verhalten – auch Tumorzellen.

Krebszellen verändern gezielt das Epigenom, damit sie sich besser vermehren oder als Metastasen auch an anderen Stellen des Körpers wachsen können. Jeder Tumor nimmt ganz bestimmte Veränderungen vor. Er hinterlässt dabei eine Signatur. Diese benutzen einige Mediziner seit Kurzem, um Tumore richtig zu klassifizieren. Die entscheidenden Fragen: Welcher Zelltyp ist entartet? Wie stark? Und wie aggressiv wachsen die Zellen?

Verschiedene Hirntumore zum Beispiel sehen sich sogar oft noch unter dem Mikroskop frappierend ähnlich. Um sie richtig zu behandeln, ist es aber wichtig, sie im Detail zu kennen. Deshalb untersuchen Pathologen normalerweise ihre Oberflächenmoleküle. Es geht noch genauer: "Bei 2.000 Kindern mit Hirntumoren haben uns und dem Pathologen die epigenetischen Signaturen sehr geholfen, die Art des Tumors sicher zu bestimmen", erklärt Stefan Pfister vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg (Science Signalling: Liu et al., 2017). Bis zu zehn Prozent der Kinder hätten sein Team dann eine andere, gezieltere Therapie zukommen lassen.

Die epigenetischen Veränderungen eines Tumors helfen aber nicht nur bei der Diagnose. Sie sind auch wichtiger Angriffspunkt einer Therapie, wie Dawson erklärt. Denn anders als Veränderungen des genetischen Codes, lassen sich die epigenetischen Veränderungen rückgängig machen. Wer es also schafft, ins Epigenom einzugreifen, könnte mutierte Tumorzellen gezielt dazu bringen, sich selbst abzuschalten oder sie zumindest hindern, weiter zu wuchern.

Das bisher wirksamste epigenetische Medikament ist Azacitidin. Seit 2008 ist es in Deutschland zugelassen. Es hilft schon heute bei bestimmten Formen von Blutkrebs besser als herkömmliche Chemotherapien, weil es verhindert, dass sich die Krebszellen unkontrolliert teilen. Es inaktiviert Enzyme, die vom Krebs stimuliert werden und so Gene ruhig stellen, die eigentlich die Zellteilung aufhalten.