Disneyland Kalifornien, 2014: Die Masern brechen aus. 127 Menschen aus verschiedenen Ländern stecken sich mit dem Virus an. Es ist die größte Epidemie in den USA seit Jahrzehnten. Eigentlich sollte die Infektionskrankheit fast ausgerottet sein. Die Eltern eines Kindes, das wegen Krebs nicht geimpft werden konnte, berichten: "Meine größte Angst ist, dass ich mein Kind verliere oder es taub wird." Einer der Gründe für den Ausbruch: Eltern, die ihre Kinder nicht impfen lassen. In ihrem neuen Buch Calling the Shots. Why parents reject vaccines (auf deutsch: Warum Eltern Impfungen ablehnen) versucht Jennifer Reich diese Eltern zu verstehen. Obwohl die Soziologin und mit ihr die Wissenschaft überzeugt sind, dass Impfungen sicher und notwendig sind.

ZEIT ONLINE: Wer sind die Eltern, die ihre Kinder nicht impfen lassen?

Jennifer Reich: Es gibt die, die einfach keinen Zugang zur Gesundheitsversorgung haben. Das betrifft die USA natürlich viel stärker als Deutschland. Aber es gibt eben auch jene, die sich bewusst dagegen entscheiden. Diese Eltern sind meist weiß, haben einen Hochschulabschluss und verdienen mehr als der Durchschnitt.

ZEIT ONLINE: Impfungen haben Millionen Menschen in den vergangenen Jahrzehnten das Leben gerettet. Warum entscheiden sich Eltern bewusst gegen sie?

Reich: Sie vertrauen ihrem eigenen Urteil mehr als Ärzten, Forschern oder Regierungsstellen. Gefühl und Expertise werden gleich gesetzt: Es gibt keinen Unterschied mehr zwischen Impfexperten der Regierung und Promis, die gegen Impfungen Stimmung machen.

ZEIT ONLINE: Weshalb gibt es diese Stimmung, ist es die Angst vor schwerwiegenden aber äußerst seltenen Impfschäden?

Reich: Viele Eltern sind überzeugt, dass Impfungen nicht so sicher sind wie behauptet. Allerdings haben sie oft gar nicht so große Angst vor schweren Impfschäden. Stattdessen gibt es ein großes Unbehagen. Sie sind sich nicht sicher, ob der Eingriff in das Immunsystem eines kleinen Kindes nicht Jahrzehnte später einmal ein chronisches Leiden verursachen könnte. Sie beziehen sich dann darauf, dass Autoimmunerkrankungen und Diabetes häufiger werden. Dass aber Impfungen und solche Leiden kausal etwas miteinander zu tun haben, ist extrem unwahrscheinlich. Einen Zusammenhang komplett zu widerlegen, ist wissenschaftlich aber wahnsinnig schwer.

ZEIT ONLINE: Aber woher kommen diese Mutmaßungen?

Jennifer Reich ist Privatdozentin für Soziologie an der University of Colorada Denver. In ihrem neuen Buch "Calling the Shots" steckt fast ein Jahrzehnt an Forschung über die Einstellungen und Motive von Eltern, die ihre Kinder nicht impfen lassen. © privat

Reich: Tatsächlich sind die Eltern oft nicht nur Impfungen gegenüber skeptisch. Sie misstrauen den Institutionen, die Medikamente oder Nahrung auf ihre Sicherheit kontrollieren. Sie haben Angst vor Umweltgiften, und lehnen gentechnisch veränderte Nahrungsmittel ab. Diese Eltern versuchen ein natürliches Leben zu leben.

ZEIT ONLINE: Und was verstehen sie unter Natürlichkeit?

Reich: Das ist sehr schwammig definiert und verändert sich ständig. Was als natürlich und unnatürlich gilt, lässt sich nicht scharf voneinander trennen. Es gibt zum Beispiel Eltern, die kaufen nur Matratzen, die aus Naturstoffen bestehen, aber haben kein Problem damit, Auto zu fahren. Das Baby jedoch ist für die meisten der Inbegriff eines perfekten und natürlichen Körpers. Und die Eltern haben Sorge, dass ein Eingriff wie eine Impfung diesen natürlichen Zustand verdirbt. Viele glauben auch, dass natürliche Immunität, die dadurch zu Stande kommt, dass ein Kind eine Krankheit durchlitten hat, besser sei als eine künstliche durch Impfungen. Das ist wissenschaftlich nicht haltbar. Was viele Eltern vergessen: Natürliche Immunität heißt auch, dass einige Kinder sterben oder dauerhaft Schäden davontragen.

"Es geht nicht nur um das eigene Kind, sondern um die Gemeinschaft"

ZEIT ONLINE: In Ihrem Buch schreiben Sie, die Impfmüdigkeit der Eltern hänge untrennbar mit der zunehmenden Individualisierung unserer Gesellschaft zusammen. Wieso?

Reich: Die Gesellschaft vermittelt den Menschen, dass jeder für seine eigene Gesundheit verantwortlich ist: Sport machen, Kalorien zählen, gesund essen. Und sie tut so, als wäre es die rein individuelle Verantwortung der Eltern, Kinder groß zu ziehen. Viele Eltern nehmen sich deshalb als Experten für die Gesundheit ihrer Kinder wahr. Sie glauben, jedes Kind hat ein einzigartiges Immunsystem und braucht unterschiedliche Impfungen. Das fühlt sich wahr an, auch wenn die Wissenschaft das so nicht stützt. Ihnen ist ein starrer Impfplan nicht individuell genug.

Ein Beispiel: Viele Eltern wollen nur ihre Söhne gegen Mumps impfen lassen, weil Mumps Jungen unfruchtbar machen kann, und nur ihre Töchter gegen Röteln, weil Röteln für Schwangere gefährlich sein können. Dadurch entsteht eine Riesenkluft zwischen Eltern und Forschern. Die Eltern denken, ihr Kind ist einzigartig, sie wollen Informationen, die ganz spezifisch auf ihr eigenes Kind zugeschnitten sind. Die Forscher hingegen denken auf der Bevölkerungsebene. Nur so funktioniert Wissenschaft.

ZEIT ONLINE: Aber trägt nicht auch die Medizin selbst an individualisierten Impfplänen Mitschuld, weil sie immerzu betont, dass die personalisierte Therapie zugeschnitten auf jeden Einzelnen die Therapie der Zukunft ist?

Reich: Da ist etwas dran. Wir reden über Impfungen zunehmend so, als wären sie ein individueller Eingriff zum persönlichen Nutzen. Eltern verrechnen den wahrgenommenen Nutzen und das wahrgenommene Risiko. Pharmaunternehmen in den USA werben: "Wenn Sie ihr Kind lieben, impfen Sie es!" Worüber wir aber nie reden, ist, dass wir alle eine geteilte Verantwortung für die Gesundheit der Gemeinschaft haben. Bei ansteckenden Krankheiten geht es nicht nur um das eigene Kind, sondern um die Gemeinschaft. Die Kinder gehen gemeinsam zur Schule oder zum Supermarkt, sie fahren gemeinsam auf Sommercamps. Kinder, die nicht geimpft sind, sind ein Risiko für andere Kinder, insbesondere, wenn diese zum Beispiel wegen einer Chemotherapie nicht geimpft werden können.

ZEIT ONLINE: Impfungen sind eine der Erfolgsgeschichten der öffentlichen Gesundheit. Durch sie wurden etwa die Pocken ausgerottet. Schaffen sich Impfungen also gefühlt durch ihren eigenen Erfolg selbst ab?

Reich: In vielerlei Hinsicht sieht es momentan danach aus. Die jungen Eltern von heute sind in einer Welt groß geworden, in der sie dank Impfungen viele Erkrankungen wie Kinderlähmung nie gesehen haben. Aber diese Infektionskrankheiten kommen zurück: Mumps zum Beispiel oder Masern, die in den USA vor 15 Jahren als ausgerottet galten und an denen vergangenes Jahr auch ein Kind in Deutschland gestorben ist.

ZEIT ONLINE: Und was können wir tun, damit Eltern ihre Kinder wieder impfen lassen?

Reich: Wir brauchen mehr Transparenz, damit Eltern dem wissenschaftlichen Fortschritt, staatlichen Institutionen und den Pharmaunternehmen wieder vertrauen. Gerade letztere sind oft nicht besonders vertrauenswürdig. Und der Staat arbeitet in der Entwicklung von Impfstoffen eng mit ihnen zusammen. Es ist doch eine berechtigte Frage, die Eltern stellen: Warum sollte ich die Gesundheit meines Kindes solchen Konzernen überlassen? Außerdem arbeite ich daran, den Gemeinschaftssinn in kleinen Gruppen zu stärken. Viele Familien leben heute vereinzelter denn je. Dagegen sollten wir etwas tun.

* Anmerkung der Redaktion: Wir haben das Titelbild ausgetauscht, weil auf dem vorherigen Bild Kinder erkennbar waren.