ZEIT ONLINE: In Ihrem Buch schreiben Sie, die Impfmüdigkeit der Eltern hänge untrennbar mit der zunehmenden Individualisierung unserer Gesellschaft zusammen. Wieso?

Reich: Die Gesellschaft vermittelt den Menschen, dass jeder für seine eigene Gesundheit verantwortlich ist: Sport machen, Kalorien zählen, gesund essen. Und sie tut so, als wäre es die rein individuelle Verantwortung der Eltern, Kinder groß zu ziehen. Viele Eltern nehmen sich deshalb als Experten für die Gesundheit ihrer Kinder wahr. Sie glauben, jedes Kind hat ein einzigartiges Immunsystem und braucht unterschiedliche Impfungen. Das fühlt sich wahr an, auch wenn die Wissenschaft das so nicht stützt. Ihnen ist ein starrer Impfplan nicht individuell genug.

Ein Beispiel: Viele Eltern wollen nur ihre Söhne gegen Mumps impfen lassen, weil Mumps Jungen unfruchtbar machen kann, und nur ihre Töchter gegen Röteln, weil Röteln für Schwangere gefährlich sein können. Dadurch entsteht eine Riesenkluft zwischen Eltern und Forschern. Die Eltern denken, ihr Kind ist einzigartig, sie wollen Informationen, die ganz spezifisch auf ihr eigenes Kind zugeschnitten sind. Die Forscher hingegen denken auf der Bevölkerungsebene. Nur so funktioniert Wissenschaft.

ZEIT ONLINE: Aber trägt nicht auch die Medizin selbst an individualisierten Impfplänen Mitschuld, weil sie immerzu betont, dass die personalisierte Therapie zugeschnitten auf jeden Einzelnen die Therapie der Zukunft ist?

Reich: Da ist etwas dran. Wir reden über Impfungen zunehmend so, als wären sie ein individueller Eingriff zum persönlichen Nutzen. Eltern verrechnen den wahrgenommenen Nutzen und das wahrgenommene Risiko. Pharmaunternehmen in den USA werben: "Wenn Sie ihr Kind lieben, impfen Sie es!" Worüber wir aber nie reden, ist, dass wir alle eine geteilte Verantwortung für die Gesundheit der Gemeinschaft haben. Bei ansteckenden Krankheiten geht es nicht nur um das eigene Kind, sondern um die Gemeinschaft. Die Kinder gehen gemeinsam zur Schule oder zum Supermarkt, sie fahren gemeinsam auf Sommercamps. Kinder, die nicht geimpft sind, sind ein Risiko für andere Kinder, insbesondere, wenn diese zum Beispiel wegen einer Chemotherapie nicht geimpft werden können.

ZEIT ONLINE: Impfungen sind eine der Erfolgsgeschichten der öffentlichen Gesundheit. Durch sie wurden etwa die Pocken ausgerottet. Schaffen sich Impfungen also gefühlt durch ihren eigenen Erfolg selbst ab?

Reich: In vielerlei Hinsicht sieht es momentan danach aus. Die jungen Eltern von heute sind in einer Welt groß geworden, in der sie dank Impfungen viele Erkrankungen wie Kinderlähmung nie gesehen haben. Aber diese Infektionskrankheiten kommen zurück: Mumps zum Beispiel oder Masern, die in den USA vor 15 Jahren als ausgerottet galten und an denen vergangenes Jahr auch ein Kind in Deutschland gestorben ist.

ZEIT ONLINE: Und was können wir tun, damit Eltern ihre Kinder wieder impfen lassen?

Reich: Wir brauchen mehr Transparenz, damit Eltern dem wissenschaftlichen Fortschritt, staatlichen Institutionen und den Pharmaunternehmen wieder vertrauen. Gerade letztere sind oft nicht besonders vertrauenswürdig. Und der Staat arbeitet in der Entwicklung von Impfstoffen eng mit ihnen zusammen. Es ist doch eine berechtigte Frage, die Eltern stellen: Warum sollte ich die Gesundheit meines Kindes solchen Konzernen überlassen? Außerdem arbeite ich daran, den Gemeinschaftssinn in kleinen Gruppen zu stärken. Viele Familien leben heute vereinzelter denn je. Dagegen sollten wir etwas tun.

* Anmerkung der Redaktion: Wir haben das Titelbild ausgetauscht, weil auf dem vorherigen Bild Kinder erkennbar waren.