Verärgerte Ärzte meldeten sich diese Woche, weil ihnen das wichtige Narkosemittel Remifentanil auszugehen droht. Und alles nur, weil beim Haupthersteller GlaxoSmithKline die Produktion stockte. Das deutete sich schon vergangenen Dezember an, damals wurde auch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArm) erstmals über den Versorgungsengpass informiert. Zwar wird nun wieder hergestellt, doch Krankenhäuser und ambulant operierende Ärzte kommen vorerst nicht in ausreichenden Mengen an Remifentanil.

ZEIT ONLINE: Herr Bernard, sind solche Schwierigkeiten Einzelfälle?

Rudolf Bernard: Nein, absolut nicht. Seit ungefähr fünf Jahren werden Lieferengpässe immer häufiger. Davor waren sie überhaupt kein Thema. Momentan habe ich aber den Eindruck, es wird jedes Jahr ein bisschen schlimmer. Gerade in deutschen Krankenhäusern sind sie ein sehr großes Problem. Es fehlen oft wichtige Medikamente; nicht allein Betäubungsmittel wie Remifentanil, sondern zunehmend auch Zytostatika, die etwa in der Krebstherapie wichtig sind, und Antibiotika. Und teilweise eben auch Arzneien, die man nicht so einfach durch einen ähnlichen Wirkstoff ersetzen kann.

ZEIT ONLINE: Wie gefährlich ist das für Patienten und Menschen, die auf bestimmte Medikamente angewiesen sind?

Bernard: Bisher ist es meist glimpflich ausgegangen. Aber einige Male haben uns die Engpässe schon an Grenzen gebracht. Es mussten zum Beispiel schon Transplantationen aufgeschoben werden, weil es im vergangenen Jahr Lieferschwierigkeiten für das Zytostatikum Melphalan gab. Das müssen Patienten vor Knochenmarkstransplantationen nehmen. Und als eine Fabrik in China, die das wichtige Antibiotikum Tazobac herstellt, explodiert ist, mussten wir Apotheker auf andere Antibiotika-Klassen umstellen. Auch auf solche, die wir nur vorsichtig einsetzen sollten, um Resistenzen zu verhindern.

Rudolf Bernard leitet die Krankenhausapotheke des Klinikums rechts der Isar in München und ist Präsident des Bundesverbands deutscher Krankenhausapotheker. © privat

ZEIT ONLINE: Woran liegt es, dass wichtige Arzneien knapp werden?

Bernard: Pharmafirmen sind international aktiv und rationalisieren ihre Produktionswege. Das führt dazu, dass ein Präparat weltweit oft nur noch in einer Fabrik hergestellt wird. Und wenn sie dann ein Unglück haben, wie die Explosion in China, eine politische Krise oder Aufsichtsbehörden Mängel feststellen und die Produktion untersagen, führt das zu Lieferausfällen. Gerade bei Antibiotika sind wir oft abhängig von Herstellern in China oder Indien.

ZEIT ONLINE: Was muss sich ändern?

Bernard: Wir müssen uns auf europäischer Eben darüber unterhalten, ob wir wichtige Arzneimittel nicht wieder in Europa produzieren lassen, um die Liefersicherheit zu gewährleisten.

ZEIT ONLINE: Wieso lagern deutsche Apotheken nicht einfach größere Mengen von Medikamenten, um besser auf Engpässe vorbereitet zu sein?

Bernard: In meiner Apotheke im Klinikum rechts der Isar in München sind die Vorräte bereits aufgestockt. Aber wir haben eine begrenzte Lagerkapazität. Zusätzlich zu den Lagerhaltungspflichten, die für Apotheken und den pharmazeutische Großhandel bereits gelten, fordern wir deshalb, dass auch die Pharmaunternehmen zur Lagerung verpflichtet werden. Wenn die Krankenhausapotheken zwei Wochen lagern, der Großhandel eine und die Pharmaunternehmen noch einmal drei, dann hätten wir sechs Wochen Sicherheit und Zeit zu reagieren. Das würde viele Fälle entschärfen, denn die meisten Engpässe sind nach wenigen Wochen behoben.

ZEIT ONLINE: Ein weiteres Problem ist, dass Krankenhausapotheken oft gar nicht informiert werden, dass es eng werden könnte.

Bernard: Oft werden wir von der Lieferunfähigkeit überrascht. Wir erfahren dann erst davon, wenn wir bestellen, die Medikamente aber nicht geliefert werden. Aber da greift in Kürze das Arzneimittelversorgungsstärkungsgesetz. Es sieht vor, dass Hersteller die Krankenhausapotheken informieren müssen, wenn Lieferengpässe drohen.

ZEIT ONLINE: Aber es gibt doch schon ein Register für Lieferengpässe beim BfArm?

Bernard: Ja, aber dorthin melden die Unternehmen nur auf freiwilliger Basis. Es ist also unvollständig und daher unbrauchbar. Wir benötigen ein verpflichtendes Meldesystem, um wirklich planen zu können.

ZEIT ONLINE: Hersteller von Generika, also Medikamenten, die nicht mehr patentgeschützt sind, beschweren sich regelmäßig über den harten Preiskampf in Deutschland. Sie sagen, es lohne sich kaum noch, bestimmte Medikamente herzustellen. Ist das ein Problem für die Versorgung?

Bernard: In öffentlichen Apotheken greifen Rabattverträge der Krankenkassen und das hat die Preise in der Tat sehr stark gedrückt. Aber in Krankenhäusern sehe ich das Problem nicht. Ich als Krankenhausapotheker sage den Pharmaunternehmen immer wieder: "Wichtiger, als den letzten Cent rauszuquetschen, ist mir die Liefersicherheit. Was muss ich zahlen, damit Sie zuverlässig liefern?" Das hat bisher aber nichts gebracht.