Blut fließt aus seinem Gesicht. Waids Vater ist tot. Erschossen von den Männern mit den Bärten. Die Elfjährige ist zu Hause, sie hört ihre Mutter vor Schmerz und Angst schreien. Die Männer sind mit ihr nebenan, werfen sich auf sie. Sie sprechen in fremden Worten. Dann entdecken sie Waid, schleppen das Mädchen zu ihrer Schule. Dort zerren sie ihre Mitschüler aus dem Klassenzimmer nach draußen. Wer sich wehrt, bekommt einen Schlag mit einer Waffe ins Gesicht. Auf dem Hof müssen sich alle in einer Reihe aufstellen.

Nur einer von Tausenden Fällen

Einer der Männer legt dem Klassenlehrer ein Seil um den Hals, zwei von ihnen ziehen an den Enden bis er stirbt. Einen weiteren Lehrer schlagen sie nieder, übergießen ihn und den anderen mit Benzin und zünden sie an. Waid dreht sich weg, der Gestank verbrannten Fleisches treibt ihr Tränen in die Augen. Der Schaft einer Waffe trifft ihren Hinterkopf, zwingt sie, der Hinrichtung zuzuschauen. Dann lassen die Männer die Elfjährige laufen. Waid rennt nach Hause. Ihre Mutter klaubt ein paar Sachen zusammen und beide fliehen. Raus aus Homs.

Wenn Mohamad Hamza von Waid erzählt, stockt er immer wieder am Telefon. Die Stimme des Arztes bricht. "Ganz gleich, wie gut du ausgebildet bist, so etwas trifft dich", sagt der Neuropsychologe, der für die unabhängige Syrisch-Amerikanische Medizinische Gesellschaft (SAMS) Tausende Syrer in den vergangenen fünf Jahren betreut hat.

"Waids Geschichte ist nur ein Beispiel. Es gibt Tausende." Vielleicht auch Millionen. Sie erzählen von den Kindern und Jugendlichen aus und in Syrien. Geschätzte 2,3 Millionen sind seit Beginn des Krieges vor sechs Jahren geflohen, viele leben in Camps der Nachbarländer, einige sind bis nach Deutschland gekommen. Rund 5,8 Millionen sind noch im Land.

Diagnose: Human Devastation Syndrome

Ihr Alltag ist bestimmt von Bomben, die vom Himmel fallen, verwüsteten Gebäuden in denen schreiende Menschen, blutende und zerfetzte Körper liegen – von Schüssen, die durch die Straßen peitschen, toten oder sterbenden Geschwistern, Eltern, Freunden. Viele haben ihr Zuhause verloren, wurden vertrieben, harren in zerstörten und belagerten Städten aus.

Wer bis jetzt überlebt hat, hungert und hat Durst, wurde nicht selten verletzt und gefoltert, zur Arbeit und zum Sex gezwungen. Die äußeren Wunden der Kriegskinder enden nicht immer tödlich, wenn die wenigen Ärzte und Helfer eine Chance haben, sie zu versorgen. Die seelischen, nicht sofort sichtbaren Verletzungen aber lassen Psychotherapeuten und Psychologen fast verzweifeln.

(Mein Sohn) wacht nachts schreiend auf. Ein Kind wurde vor ihm abgeschlachtet, also fing er an zu träumen, dass jemand kommt, um ihn abzuschlachten.
Firas, Vater des dreijährigen Saeed (Quelle: Save the Children)

"Sie sind derart tief, dass nur Gott weiß, ob sie jemals zu heilen sein werden", erzählt Mohamad Hamza.

Wie, fragt er sich, solle man etwas behandeln, für das es nicht einmal einen Namen gibt? Die Traumata, die Syriens Kinder erleben, seien jenseits jeder psychologischen Definition. Diagnosen wie Depression, Trennungsangst, Angststörung oder selbst Posttraumatische Belastungsstörung können nicht einmal ansatzweise beschreiben, was die Psyche im Krieg durchmacht – davon ist Hamza überzeugt. Deshalb hat er einen neuen Begriff gefunden. Er nennt das Grauen "Human Devastation Syndrome", auf deutsch etwa "Menschliches Vernichtungssyndrom".

"Es ist das körperlich und emotional zerstörerischste Trauma, das ein Mensch erleiden kann", sagt Hamza. Und es hört für all jene in Syrien nicht auf, es spielt sich in Dauerschleife ab, Tag für Tag. "Niemand nimmt etwa diese Kinder in den Arm und kann ihnen sagen, es ist vorbei."

Mindestens drei Millionen Kinder in Syrien sind im Alter von bis zu sechs Jahren. Sie kennen keine Welt ohne Gewalt, Zerstörung, Trauer und Schmerz. Einige, die alt genug waren, um befragt zu werden, haben kürzlich der Hilfsorganisation Save the Children von ihren Ängsten erzählt (Invisible Wounds, 2017).

Viele verletzen sich selbst, sind aggressiv und zutiefst traurig, in sich gekehrt, nässen sich ein, können weder schlafen noch sich konzentrieren. Sie zucken zusammen, wenn sie ein Flugzeug am Himmel hören. Und es gibt Kinder, die versuchen, sich selbst zu töten. "Ich habe von Sechsjährigen gehört, die in Aleppo Rattengift geschluckt haben, als die Stadt im vergangenen Jahr von Truppen des Regimes eingekesselt war", erzählt Yasser Kanawati. Die syrische Psychiaterin, die seit 1990 in den USA lebt, arbeitet mit Mohamad Hamza zusammen, reiste mehrmals in Flüchtlingscamps in Jordanien, um zu helfen. Nicht wenige Kinder, vor allem in Syrien, etwa in der belagerten Stadt Ghouta, verkaufen ihre Körper für Sex, um ihren Hunger und Durst zu stillen, seit Hilfslieferungen den Ort nicht mehr erreichen. Schlimmstenfalls entwickeln die Kinder schwere Depressionen, denken an Suizid, betrinken sich oder greifen zu härteren Drogen.

Die Kinder sind psychisch am Boden und müde. Wenn wir mit ihnen singen, reagieren sie nicht. Sie lachen auch nicht mehr.
Lehrer in der belagerten syrischen Stadt Madaya (Quelle: Save the Children)

In Syrien, heißt es im Save-the-Children-Bericht, sei das Risiko einer gebrochenen Generation, die sich an Traumata und extremen Stress verliert, nie größer gewesen. "Wenn solche Erfahrungen nicht verarbeitet werden, kommen sie immer wieder hoch", sagt die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Elise Bittenbinder, die seit mehr als zwei Jahrzehnten mit Menschen arbeitet, die Kriege überlebt haben oder vor Folter, Leid und Verfolgung geflohen sind. "Extreme Erlebnisse lassen Menschen oft ein Leben lang verletzlich zurück."

Ein Vergessen gibt es nicht. Aber es könne gelingen, das Grauen als real erlebten Teil der Lebenserfahrung zu akzeptieren und Dinge wichtig werden zu lassen, die das Leben wieder sinnvoll und lebenswert machen. Wichtig sei es, sagt Bittenbinder, das Gespräch mit traumatisierten Kindern zu suchen, sie dabei zu unterstützen, sich auszudrücken. "Es kann hilfreich sein, Erklärungen für das Erlebte zu finden, Strategien zu entwickeln, um Stress zu bewältigen, Zugänge über Bilder zu finden, die Kinder malen, vor allem aber auch ihnen klarzumachen, dass sie nicht Schuld sind an dem, was passiert ist."

Doch für die allermeisten Syrerinnen und Syrer gibt es diese Hilfe nicht. Selbst wer es geschafft hat, zu fliehen, wie das Mädchen Waid und ihre Mutter, erlebt weiter Grausamkeit. In den Camps in Nachbarländern wie Jordanien und im Libanon leben Geflüchtete in Zelten, notdürftig geschützt vor Wind, Kälte und dem harschen Klima in der Region. Während die Kinder in Syrien Angst haben, jeder Tag könne der letzte sein, gibt es auch auf der Flucht wenig Aussicht auf Besserung. Das zermürbt Menschen, wie sollen es Kinder erst ertragen, die eigentlich in die Schule gehen und mit Freunden spielen sollten?