Arbeiten, Geld verdienen, Kinder großziehen – immer mehr Paare wechseln sich ab bei Karriere und Elternzeit. Ein Bereich aber ist seit Jahrzehnten vor allem Frauensache: die Empfängnisverhütung. Mehr als die Hälfte der deutschen Paare, die verhüten, nutzt nach Informationen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) die Antibabypille. Die gibt es seit mittlerweile einem halben Jahrhundert – aber eben nur für die Frau. Eine hormonelle Verhütung für Männer hingegen haben Pharmafirmen nie zur Marktreife gebracht. Warum eigentlich nicht? 

In einer Kolumne, die auf ZEIT ONLINE erschien, erhebt die Berliner Autorin Sabine Kray einen schweren Vorwurf: Was Frauen infolge der Pille seit Jahrzehnten erleiden müssten, würden Wissenschaftler Männern einfach nicht zumuten wollen. Hauptanlass für ihre Kritik: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatte eine Studie (Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism: Behre et al, 2016) zu einem hormonellen Verhütungsmittel für Männer überraschend abgebrochen. Die Begründung: zu starke Nebenwirkungen. Nebenwirkungen, schreibt Kray, wie sie im Beipackzettel jeder Antibabypille stünden, wie Frauen sie seit Jahrzehnten nehmen – und nehmen müssen, wenn sie nicht ungewollt schwanger werden wollen. 

Was ist dran an diesem Vorwurf? Was den Status quo angeht, hat die Autorin recht – tatsächlich sind es meist die Frauen, die für die Verhütung körperliche Folgen hinnehmen. Aber wurde wirklich nicht ernsthaft genug an einer "Pille" für den Mann – die wohl eine Spritze wäre – geforscht, oder gibt es Gründe, weshalb die Wissenschaft hier noch nicht weiter ist und bisher kein Hormonpräparat zugelassen wurde, mit dem Männer verhüten könnten?

Zweierlei Maß oder biologisch begründet?

Mann und Frau sind biologisch, vor allem hormonell, sehr verschieden. Ihre jeweiligen Sexualhormone sorgen etwa dafür, dass die Keimzellen – also Eizellen oder Spermien – reifen, beim Mann Barthaare sprießen oder Mädchen Brüste wachsen. In Verhütungsmitteln ist je nach Geschlecht also ein anderer Cocktail aus Sexualhormonen enthalten, die auf die Fruchtbarkeit einwirken: Bei der Frau hemmen zum Beispiel Östrogene den Eisprung, während Testosteron die Spermienbildung des Mannes unterdrücken soll.

Die Pille für den Mann wirkt? Keine voreiligen Schlüsse!

Allerdings ist es medizinisch zunächst tatsächlich einfacher, den Zyklus der Frau zu beeinflussen: Denn die Produktion von Spermien ist deutlich robuster als der Prozess der Eizellreifung, erklärt Eberhard Nieschlag, emeritierter Professor für Reproduktionsmedizin in Münster und Spezialist für männliche Verhütung: "Das sieht man schon an den Zahlen. Männer produzieren viele Millionen Spermien jeden Tag, bei Frauen springt eine Eizelle alle 28 Tage." Und während die Psyche großen Einfluss darauf hat, ob Eizellen reifen, werden auch in seelischen Extremsituationen immer fleißig Spermien gebildet.

Trotzdem zeigen einige groß angelegte Studien, dass eine Hormonspritze für den Mann zur Verhütung taugen kann (siehe Kasten). Allerdings mit Einschränkungen, wie Nieschlag betont: "Es gibt noch keine großen Feldversuche und wenig langfristige Erfahrung. Wir können also nicht mit Sicherheit sagen, ob die hormonelle Verhütung für den Mann genauso effektiv ist wie die Pille für die Frau." Zumal es immer einige Männer gebe, deren Spermienproduktion sich auch mit Hormonen nicht stoppen lasse.

Umso ärgerlicher findet der Mediziner, dass die WHO-Studie abgebrochen wurde. Er hätte sich gewünscht, man hätte noch an der Dosierung und Zusammensetzung gefeilt. Auch wenn es überwiegend milde Nebenwirkungen waren, die während der Testphase auftraten: "Am Ende waren es einfach zu viele", rechtfertigt Mario Philip Festin die Entscheidung. Der Reproduktionsmediziner ist Mitglied im Kontrollgremium der WHO, das die Studie stoppte.

Neben den leichteren Nebenwirkungen wie Akne, gesteigerter Libido oder Schmerzen von der Spritze, kam es unter den Männern, denen das Mittel gespritzt wurde, zu einer Reihe affektiver Störungen. Michael Zitzmann, Professor für Andrologie in Münster und einer der Studienleiter, musste einige Patienten deshalb sogar in die Psychiatrie einweisen: "Das ging so nicht mehr. Ungefähr zehn Prozent der Männer ging es wirklich schlecht unter der Hormonspritze, viele waren förmlich wesensverändert." In Europa beobachteten er und seine Kollegen Antriebsarmut, in Australien Depressionen. In Indonesien seien sogar Männer infolge der Hormonspritze aggressiv und gegenüber ihren Frauen gewalttätig geworden.

Auch von der Antibabypille weiß man, dass einige Frauen sie nicht vertragen – sowohl psychisch als auch physisch. Scheidentrockenheit und Stimmungsschwankungen zählen zu den Nebenwirkungen ebenso wie ernstere gesundheitliche Probleme (Therapeutic advances in drug safety: Brynhildsen, 2014). Bei Frauen, die die Pille nehmen, gerinnt das Blut schneller. Es entstehen venöse Gerinnsel, die schlimmstenfalls in die Gefäße der Lunge transportiert werden und dort eine lebensgefährliche Lungenembolie verursachen können. Zusätzlich zum Thromboserisiko scheinen Frauen, die die Pille schlucken, auch häufiger an Depressionen zu leiden (JAMA Psychiatry: Skovlund et al, 2016). Eine neue Studie legt nahe, dass auch das allgemeine Wohlbefinden leiden kann (Fertility and Sterility: Zethraeus et al, 2017).