Rund 38.000 Menschen sind einer Hochrechnung zufolge wegen nicht eingehaltener Abgasgrenzwerte bei Dieselfahrzeugen allein im Jahr 2015 vorzeitig verstorben, 11.400 von ihnen in Ländern der EU. Das hat ein Team um die Forscherin Susan Anenberg von der Organisation Environmental Health Analytics (LLC) in Washington berechnet.

Die Wissenschaftler ermittelten auch, dass Dieselfahrzeuge jährlich rund 4,6 Millionen Tonnen Stickoxide mehr ausstoßen, als sie nach geltenden Abgasgrenzwerten dürften. Im Jahr 2015 habe der Gesamtausstoß bei 13,1 Millionen Tonnen gelegen, schreiben die Forscher im Fachmagazin Nature (Anenberg et al., 2017)

Die Gesamtzahl vorzeitiger Todesfälle durch Stickoxide aus Dieselabgasen liegt nach den Berechnungen der Forscher für die weltgrößten Automärkte bei 107.600 im Jahr 2015. Die bereits genannten 38.000 Todesfälle sind hier mit eingerechnet – sie wären jedoch vermeidbar gewesen, hätten die Dieselfahrzeuge die Grenzwerte eingehalten. Die Forscher gehen also davon aus, dass Dieselabgase etwa Erkrankungen der Atemwege und des Herz-Kreislauf-Systems begünstigt und verschlimmert haben, und diese mitunter tödlich geendet sind.

Stickoxide sind giftige Gasmischungen, die bei der Verbrennung von Öl, Gas, Holz oder Kohle entstehen. Sie gehören zu den Vorläuferstoffen bodennahen Ozons. Bei starker Sonneneinstrahlung lösen sie chemische Reaktionen aus, in deren Verlauf Ozon entsteht. In Deutschland verschmutzen Stickoxide zu großen Teilen die Luft. Manchmal werden sie ebenfalls als Feinstaub bezeichnet, per Definition aber bilden sie eine eigene Gruppe. In der Stadtluft gelten Stickoxide als größte Gesundheitsgefahr. Schuld seien in den Städten vor allem alte Dieselautos, bestätigte Anfang des Jahres auch das Umweltbundesamt. Alte Diesel- und Verbrennungsmotoren stoßen verhältnismäßig viel Stickstoffdioxid (NO₂) aus.

NO₂ kann in Konzentrationen von mehr als 200 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft zu akuten Entzündungen der Atemwege führen, langfristig kann dies Asthma und Bronchitis auslösen. In Deutschland wurde 2016 der Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft an mehr als jeder zweiten verkehrsnahen Messstation im Jahresmittel überschritten.

Studie berücksichtigt weltgrößte Automärkte

Seit Beginn des Volkswagen-Abgasskandals vor zwei Jahren wurde nach und nach bekannt, dass viele Dieselfahrzeuge auf der Straße deutlich mehr Schadstoffe ausstoßen als auf dem Abgasprüfstand. Durch Systeme, die Abgase direkt im Straßenverkehr messen, konnte in einer Reihe von Untersuchungen festgestellt werden, wie groß der Mehrausstoß ist.

Anenberg und Kollegen nutzten diese Ergebnisse und etablierte Modelle zur Ausbreitung von Schadstoffen, um den über den Grenzwerten liegenden Ausstoß und die Folgen abzuschätzen. Die Forscher konzentrierten sich auf die weltgrößten Automärkte. Das sind Australien, Brasilien, China, die 28 EU-Staaten, Indien, Japan, Kanada, Mexiko, Russland, Südkorea und die USA. In diesen Ländern und Regionen werden rund 80 Prozent aller Dieselfahrzeuge verkauft.

"Europa trägt die größte Gesundheitslast"

Insgesamt entfallen auf fünf Märkte – Brasilien, China, die EU, Indien und die USA – 90 Prozent des Zusatzausstoßes. Bei ihren Modellberechnungen unterschieden die Wissenschaftler nach Pkw, Lkw und Bussen. "Der Schwerlastverkehr – größere Lkw und Busse – trug bei Weitem am meisten zu den überschüssigen Stickoxiden bei, zu 76 Prozent", sagt Josh Miller vom International Council on Clean Transportation (ICCT) in Washington, Mitautor der Studie. 

Lediglich in der EU ist die Situation anders, da Diesel-Pkw dort erheblich weiter verbreitet sind. Sie verursachen in den EU-Ländern etwa 60 Prozent des Mehrausstoßes an Stickoxiden pro Jahr. "Europa trägt die größte Gesundheitslast durch zusätzliche Stickoxidemissionen", sagte ICCT-Experte und Mitautor Ray Minjares. Von insgesamt 28.500 vorzeitigen Todesfällen durch Stickoxide aus Dieselabgasen in der EU entfallen demnach rund 11.400 auf den Zusatzausstoß infolge nicht eingehaltener Abgasgrenzwerte. Das ist prozentual ein höherer Anteil, als in den gesamten elf größten Automärkten.

"Eine überfällige Studie"

Als überfällig bezeichnet Benjamin Stephan von Greenpeace die Studie: "Sie stellt Daten zur Verfügung, die wir bisher in der Diskussion vermisst haben". Die Studie sei solide durchgeführt, allerdings fehlten genauere Angaben zu Autoklassen und -marken. Er erhofft sich durch die Studie einen anderen Schwerpunkt in der Aufarbeitung des Dieselabgasskandals. "Bisher stand oft der Betrug an den Autobesitzern im Mittelpunkt. Jetzt wird klar, welche Größenordnung der Skandal hat und welche Auswirkungen dies auf die Umwelt und die Gesundheit der Menschen hat." 

Im Abschlussbericht des Untersuchungsausschusses des Deutschen Bundestags zum Abgasskandal, der in Kürze veröffentlicht wird, steht allerdings: "Epidemiologisch ist ein Zusammenhang zwischen Todesfällen und bestimmten NO₂-Expositionen im Sinne einer adäquaten Kausalität nicht erwiesen."

Dem widersprechen eine Reihe wissenschaftlicher Experten. So sagt Nino Künzli vom Schweizer Tropen- und Public-Health-Institut (TPH) in Basel, die Kombinationswirkungen von NO₂ mit anderen immer präsenten Schadstoffen seien toxikologisch kaum erforscht, weshalb es nicht angemessen sei, NO₂ als unbedenklich zu bezeichnen.

Weniger Privatleute wollen Dieselautos kaufen

Immer mehr private Autokäufer wenden sich ohnehin vom Diesel ab. Im April wurde mit 23,8 Prozent der niedrigste Dieselanteil bei Neuwagenkäufern seit Beginn des Jahres 2010 gemessen, sagte der Direktor des Car-Instituts an der Universität Duisburg-Essen, Ferdinand Dudenhöffer. Die Kunden fürchteten einen Wertverfall von Dieselfahrzeugen und seien abgeschreckt durch Berichte über erhöhte Stickoxidausstöße, selbst bei neuen Euro-6-Diesel-Pkw.

Noch im Dezember 2015 hatten Dudenhöffer zufolge 36,1 Prozent aller Neuwagen von Privatkunden Dieselmotoren. Ab Januar 2016 sei es dann "im Steilflug bergab" gegangen. Der Dieselanteil sei bei Privatkäufern um 12,3 Prozentpunkte zurückgegangen. Das trifft Dudenhöffer zufolge vor allem Premiummarken wie Audi, Mercedes und BMW, aber auch Volvo. Bei ihnen lägen die Anteile von Dieselfahrzeugen deutlich über dem Durchschnitt.