Wann ging’s das letzte Mal nach Hollywood? Immer weniger Jugendliche und junge Erwachsene wachen wohl mit einem Filmriss auf, weil sie seltener Alkohol trinken, als in den vergangenen Jahrzehnten. Das zumindest hat eine aktuelle Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ergeben. Darauf sollten wir anstoßen, mit Rhabarberschorle wenigstens. Es sind wirklich gute Nachrichten.

Vor 30 Jahren trank noch mehr als jeder zweite 18- bis 25-Jährige und fast jeder dritte 12- bis 17-Jährige mindestens einmal die Woche. 2017 ist Alkohol zwar immer noch beliebt, doch junge Menschen reizt er weniger, sagen sie. Nur noch jeder zehnte Jugendliche und fast jeder dritte junge Erwachsene trinkt regelmäßig, berichten sie in repräsentativen Umfragen.

Und weil das so freut, noch zwei weitere Sauftrends: Den ersten alkoholischen Drink nehmen Jugendliche immer später, heute mit fast 15 Jahren – und auch der erste Vollrausch findet im Vergleich zu 2004 ein Jahr später statt. Er kommt bei vielen heute mit sweet sixteen.

Regelmäßiges Trinken unter jungen Menschen

Quelle: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung

Damit lässt es sich bestens in den Sommer starten, am See entspannen und beruhigt die Festival-Saison einläuten. Aber Moment, Sie ahnen schon: Das wäre dann doch zu schön.

Denn seien wir ehrlich: Deutschland ist alkoholabhängig. Wir gehören weltweit zur saufenden Elite. Jeder Deutsche trinkt jährlich eine Badewanne voll mit alkoholischen Getränken (130 Liter), das sind 11,4 Liter reines Zellgift in Form von Ethanol. Prost!

In kaum einem anderen Land ist der Vollrausch billiger, schneller und praktisch überall zu haben. Ob im Discounter um die Ecke, an den Kiosken und Spätis der Großstädte, im Restaurant, im Club, an der Tanke: Es gibt fast keinen Ort ohne das Bierchen, den Wein oder den Wodka Redbull (im Zweifel lediglich zum Selbermixen). 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche.

Da ist das wachsende Verantwortungsgefühl unter jungen Menschen geradezu erstaunlich. Schließlich ist es trotz Jugendschutz wirklich nicht schwer, schon mit zwölf Jahren an Wodka oder Rum zu kommen. Jeder Teenie weiß das.

Was die wenigsten Deutschen aber wahrhaben wollen: Alkohol ist die mit Abstand schädlichste Droge für den Einzelnen und andere. Mindestens 9,5 Millionen Menschen trinken riskant, 1,3 Millionen sind abhängig und geschätzt 74.000 sterben jedes Jahr an den Folgen von mehr als 200 Erkrankungen, die Alkohol verschlimmert oder auslöst – von Hirnschäden bis Darmkrebs.

Durchschnittsalter beim ersten Alkoholrausch

Quelle: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung

Und was das alles kostet! 60 Milliarden Euro für Behandlungen, Arbeitsausfälle und nicht zuletzt Polizeieinsätze, weil Betrunkene einander, die eigenen Kinder oder Partner angreifen, sich und andere in Lebensgefahr bringen.

Genau deswegen sind es gute Nachrichten, dass junge Menschen vorsichtiger zu werden scheinen. Die Drogenbeauftragte ist ebenfalls glücklich und sagt, das liege an guten Kampagnen wie "Alkohol? Kenn Dein Limit", die Jugendlichen verdeutlichen, wie riskant Bier, Wein und Schnaps sind. Recht hat sie.

Was sie aber verschweigt: Ganz so groß ist das Interesse nicht, die Folgen von Alkohol wirklich effektiv zu verringern. Denn in Deutschland gibt es eine starke Lobby aus Brauern und Spirituosenherstellern. Sie beeinflusst Politiker und verhindert strengere Alkoholregeln. Die Industrie verdient gut am Rausch. Zwar gilt seit Sommer 2015 ein neues Präventionsgesetz mit dem Ziel, den Alkoholkonsum im Land zu verringern. Wie das gehen kann, wissen Forscher: höhere Steuern auf Bier und den Rest an Alkohol, Verkauf nur in wenigen lizenzierten Geschäften und keine Werbung. Doch an einem Bericht, der genau solche Maßnahmen diskutiert, wird bis heute gearbeitet. Ohne Ergebnis, weil die Lobby jegliche Ansätze aus den Entwürfen streichen lässt, wie Recherchen etwa der Journalistin Sanaz Saleh-Ebrahimi zeigen. So viel zur Drogenpolitik.

© Mary Turner/Getty Images
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Alkohol? Gibt es überall, fast jeder trinkt. Meist mehr, als einem gut tut. Sieben Tipps, wie sie die schlimmsten Folgen vermeiden können.

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Alkohol-Tipps

Das sind unsere Quellen

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ZEIT ONLINE arbeitet mit dem Global Drug Survey zusammen, der weltweit größten Umfrage unter Drogennutzern. Mehr als 70.000 Alkoholtrinker gaben an, wie sie negative Folgen zu verringern versuchen. Zusammen mit Suchtexperten sind daraus Tipps zum Konsum entstanden.

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#1 – Besser sein lassen ...

... machen aber nur die wenigsten.

Keine Droge gehört so selbstverständlich dazu wie Alkohol. Selbst Jugendliche kommen trotz Verbot leicht an Bier, Wein und Schnaps. 1,3 Millionen Deutsche sind abhängig, 9,5 Millionen übertreiben es meist, 74.000 sterben jährlich an den Folgen.

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Der männliche Körper verträgt Alkohol besser. Er hat prozentual mehr Muskelzellen. Deshalb wird mehr Wasser gebunden als im weiblichen Körper. Trinkt ein Mann die gleiche Menge wie eine Frau, verdünnt sich der Alkohol stärker. Allerdings: Männer neigen deutlich häufiger zum Rauschtrinken.

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Offiziell wird Männern empfohlen, an einem Tag nicht mehr als einen halben Liter Bier oder zwei Gläser Wein (0,2 l) zu trinken. Für Frauen liegt die Grenze bei einem kleinen Glas Bier (0,25 Liter) oder Wein (0,1 Liter). Klingt komisch? Ist auch so. Kenn Dein Limit? Gut gemeint, aber glaubt ernsthaft irgendwer, dass sich jeder da draußen an solche Vorgaben hält?

Viele trinken gerade weil sie sich berauschen wollen. Das ist eine Binse und hin und wieder auch nicht schlimm. Wer es übertreibt, braucht Hilfe und Tipps, wie er sich weniger schadet. Immer mehr junge Menschen scheinen das zu erkennen. Wer will schon in der eigenen Kotze aufwachen?