Erst lachen sie noch. Bis ihnen die Kinderärztin oder der Arzthelfer die Nadel ins Bein sticht. Wenn Babys ihre erste Spritze bekommen, tut das Eltern weh. Da haben sie in den ersten zwei Monaten alles getan, damit dieser neue, hilflose, junge Mensch keinen blauen Fleck abbekommt, um nun in sein schmerzverzerrtes Gesicht zu schauen. Spätestens jetzt könnte sich die Frage stellen: Muss das sein?

Natürlich muss es. Impfungen gegen Krankheiten wie Diphtherie, Kinderlähmung und später Masern schützen das eigene Leben und retten das vieler anderer.

Damit ist eigentlich alles gesagt. Trotzdem wird fast jedes Mal, wenn das Wort Impfung fällt, diskutiert. Wie sicher und sinnvoll sind sie? Dabei ist der Trick, den Körper zum Bilden von Antikörpern anzuregen, indem man ihn harmlos gemachten Krankheitserregern aussetzt, eine der größten Erfolgsgeschichten der modernen Medizin. Millionen Menschenleben wurden so schon gerettet. Wer also meint, sein Kind brauche das nicht, kann es auch unangeschnallt ins Auto setzen. Fahrlässig und im Zweifel tödlich ist beides. Dabei ist die Gruppe derer, die Impfungen infrage stellen, viel kleiner, als die Debatte darum vermuten lässt: Es ist eine sehr kleine Minderheit, was sich auch an den seit Jahren bundesweit hohen Impfquoten zeigt.

Unwillige Eltern zu verpetzen reicht nicht

Dennoch starb zuletzt eine Mutter von drei Kindern an den Masern. Sie hatte die zweite notwendige Schutzimpfung gegen den Infekt, der sich mit roten Flecken ankündigt, nie bekommen. Kindern ab zwölf Monaten empfehlen die Mediziner der Ständigen Impfkommission die erste Impfdosis gegen Masern. Die zweite soll bis zu einem Alter von zwei Jahren gespritzt werden. Erst dann sind sie ausreichend gegen das Virus geschützt. Und hier beginnt das Problem.

Kinder, die 2013 geboren wurden, bekamen bundesweit zu 95,9 Prozent ihre erste Masernimpfung. Doch mit zwei Jahren hatten erst 73,7 Prozent von ihnen die zweite Dosis bekommen. Regional gehen die Impfquoten noch stärker auseinander: Wer etwa in Sachsen aufwächst, hat mitunter das höchste Risiko, sich die Masern einzufangen: Denn in dem Bundesland gilt die unsinnige Sonderempfehlung, Kinder erst bis zur Einschulung zweitimpfen zu lassen.

Entsprechend wenige Zweijährige (2015 nur 28,8 Prozent) sind in Sachsen gegen die Viren immun (siehe die Impfquoten auf VacMap.de). "Damit ist jedes Jahr bei rund 180.000 Zwei­jährigen ein ausreichender Masernschutz ungewiss, oder sie sind gar nicht geimpft. Das ist ein unhaltbarer Zustand", sagt Deutschlands oberster Seuchenwächter, Lothar Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI). Recht hat er.

Zwar steigt die Quote bis zur Einschulung noch deutlich. Aber nicht stark genug. Deshalb verschärft Gesundheitsminister Gröhe nun das Präventionsgesetz. An diesem Donnerstag wird der Gesetzesentwurf (hier als PDF) im Bundestag beraten. Die tiefgreifendste Änderung: Kitas sollen sich nicht mehr nur, wie seit 2015 vorgeschrieben, den Impfausweis der Kinder vorlegen lassen. Künftig sollen sie Mutter und Vater beim Gesundheitsamt melden, wenn diese sich der schon heute vorgeschriebenen Impfberatung verweigern. Eltern müssen, wenn sie die Beratung dann nicht wahrnehmen, mit Geldbußen von bis zu 2.500 Euro rechnen.

Impfen darf keine Entscheidung sein

Eltern zu zwingen, Kindern die Spritzen zuzumuten – davor drückt sich der Gesetzgeber weiterhin. Sie lediglich zu verpetzen, reicht aber nicht. Deutschland muss die Impfpflicht einführen. Auch wenn die Impfquoten im Durchschnitt hoch sind, gibt es regional gefährliche Lücken, und für Erreger wie Diphtherie, Kinderlähmung, Tetanus oder Hepatitis B gehen die Quoten sogar bundesweit leicht zurück. Ein riskanter Trend, vielleicht auch ausgelöst dadurch, dass die wenigen Impfgegner seit Jahren so eine große Plattform bekommen?

Eltern abwägen zu lassen, ob und welche Impfungen ihr Kind erhält, ist falsch. Impfen darf keine Entscheidung sein.

Das zeigt sich besonders am Beispiel der Masern. Sie sind keine Kinderkrankheit. Was so niedlich und harmlos klingt, führt bei jedem zehnten Erkrankten zu Komplikationen und bringt einen von 1.000 Erkrankten um (Robert Koch-Institut). Weltweit starben 2015 jede Stunde 15 Menschen daran (siehe Weltgesundheitsorganisation). Zudem kann, wer einmal Masern hatte, noch später im Leben eine lebensgefährliche und unheilbare Hirnentzündung entwickeln. Menschen fallen deshalb ins Wachkoma oder sterben an den Folgen. Gerade unter Säuglingen ist diese Gefahr deutlich größer, als bislang gedacht: Eines von 609 Kindern, das sich in den ersten zwölf Lebensmonaten mit Masernviren infizierte, bekam die Hirnentzündung (Wendorf et al., 2016). In dieser Zeit sind Säuglinge noch zu jung, um gegen Masern geimpft zu werden.

Genau aus diesem Grund sollten alle anderen so pünktlich wie möglich die beiden wichtigen Spritzen bekommen. Denn nur so entsteht eine Herdenimmunität. Wer sich nicht anstecken kann, verhindert, dass sich ein Erreger ausbreitet und die trifft, die ungeimpft sind. Das können Säuglinge sein oder auch die wenigen Menschen, die krank oder geschwächt sind und deshalb nicht geimpft werden können. Die Herdenimmunität setzt aber gerade bei Masern erst ein, wenn 95 Prozent der Bevölkerung zwei Spritzen bekommen haben. Bei Kinderlähmung reicht es, wenn 80 Prozent geschützt sind (Epidemiologisches Bulletin 16/2017). Jeder Geimpfte mehr ist ein Lebensretter.

Einigen wenigen Eltern reichen diese Gewissheiten nicht. Sie sind verunsichert oder überzeugt, dass manche Impfungen mehr schaden als nützen, sprechen von giftiger Chemie im Kinderkörper, fürchten schwere Erkrankungen und Behinderungen für ihr Kind. Sie glauben, Impfungen seien nicht so sicher, wie sie es sind, zitieren die verbreitete Lüge, dass Impfungen Autismus auslösten, und misstrauen der kompletten Pharmaindustrie. Dabei erleidet nur im seltensten Fall anhaltende Schäden, wer geimpft wurde. Insgesamt werden in Deutschland im Schnitt jedes Jahr um die 30 solcher Fälle anerkannt, zuletzt 34 im Jahr 2009. Wohlgemerkt 34 Fälle unter allen Impfungen gegen Infektionskrankheiten und nach Millionen von verabreichten Impfdosen (Nationaler Impfplan, S. 119, 2012).