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ZEIT ONLINE: Herr Boiger, wir fragen unsere Leser seit einigen Wochen, wie es ihnen geht. Ziemlich konstant 70 Prozent sagen über den Tagesverlauf, dass es ihnen gut geht. Überrascht Sie das?

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Michael Boiger: Eher nicht.

ZEIT ONLINE: Warum nicht?

Boiger: Wir wissen aus Studien, dass der Mensch grundsätzlich nach positiven Emotionen strebt. Um es genauer zu sagen: nach einem leicht positiv gestimmten Zustand. Offenbar gelingt es der Mehrzahl Ihrer Leser, diesem Ziel nahe zu kommen. Eine der Erklärungen dafür, dass wir diesen Zustand anstreben, hat übrigens mit unserer körperlichen Verfassung zu tun. Extreme Emotionen können anstrengend sein, sie kosten Energie. Ein leicht im Positiven eingependelter Emotionshaushalt ist auf Dauer für den Menschen und seine Umgebung am unproblematischsten.

ZEIT ONLINE: Sind wir eigentlich grundsätzlich in der Lage zu sagen, ob es uns gut oder schlecht geht?

Boiger: In der Regel schon. Wenn wir Psychologen unsere Probanden bitten, ihren Gefühlszustand zu beschreiben, legen wir ihnen eine Vierfelder-Matrix vor. Sie zeigt das Erregungslevel nach oben und nach unten. Und sie zeigt, wie positiv oder negativ die Teilnehmer ihre Stimmung einschätzen. Die meisten Testpersonen sind in der Lage, ihren Gefühlszustand in dieser Matrix einzuordnen. Ob es uns gut oder schlecht geht, ist eine Grunddimension unseres Empfindens. Meistens wissen wir das ziemlich genau.

ZEIT ONLINE: Wir bitten unsere Leser in einem zweiten Schritt, ihren Gefühlszustand mit einem Wort – einem Adjektiv – zu präzisieren. Lässt sich überhaupt in einem Wort benennen, was gerade in uns vorgeht?

Boiger: Die Frage, die Sie ihren Lesern stellen, lautet: Wie geht es Ihnen heute? Es geht also nicht um eine spontane Empfindung, die uns überfällt und die man erst mal nicht begreift, sondern um die Beschreibung eines Grundgefühls, das sich über den Tag entwickeln kann. Das verlangt den Lesern ab, einen lexikalischen Begriff für eine Gefühlslage zu finden, die manchmal ambivalent sein kann. Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe, aber zugleich etwas, was die meisten Menschen im Laufe ihres Lebens gelernt haben.

ZEIT ONLINE: Tatsächlich sind die Leser dabei sehr kreativ. Manche sagen, sie fühlen sich "marzipanös" oder "wochenendtrunken".

Dr. Michael Boiger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Leuven in Belgien, wo er zu Kultur und Emotion forscht. In einem aktuellen Projekt untersucht er, wie belgische und japanische Paare mit Emotionen während Konflikten umgehen. © Michael Boiger

Boiger (lacht): Ja, und manchmal ist das sicherlich nicht so ernst gemeint.

ZEIT ONLINE: Eine andere unserer Sorgen lautete: Was passiert, wenn die Leser – trotz Anonymität – nur solche Antworten geben, die sie für sozial erwünscht halten? 

Boiger: Das Problem kennen wir in der psychologischen Forschung auch und versuchen es weitgehend auszuschließen. Wir sind soziale Wesen, also spielt das immer eine Rolle. Manche Forscher haben die Vorstellung, dass man diese Effekte komplett ausschalten kann. Wenn man erst mal alles weggemacht hat, die äußeren Bedingungen, alles Soziale, dann hat man des Pudels Kern freigelegt. Ich frage mich da: Was haben wir dann tatsächlich freigelegt? Die meisten Emotionen erleben wir nun mal in Gesellschaft und nicht allein im Labor. 

ZEIT ONLINE: Uns sind ein paar Besonderheiten in den Antworten der Leser aufgefallen, die wir nicht ganz verstehen. Können wir Ihnen ein paar davon nennen und sie sagen uns, was Sie davon halten?

Boiger: Ich kann es zumindest versuchen.

ZEIT ONLINE: In der Nacht zwischen zwei und fünf Uhr sinkt die Stimmung in den meisten Nächten rapide. Rund 40 Prozent der Leser sagen dann, dass es ihnen schlecht gehe. Dadurch entsteht eine Art "Nachthügel".

Boiger: Da hätte ich zuerst einmal die Vermutung, dass in der tiefen Nacht andere Menschen abstimmen als am Tag. Menschen mit Schlafstörungen oder solche, die vor Kummer oder Schmerzen nicht schlafen können. Schicht- und Nachtarbeiter. Das ist eine andere Klientel mit anderen Problemen.

ZEIT ONLINE: Für diese Vermutung sprechen die Wörter, die die Menschen in diesen Nachtstunden in die Eingabemaske eintippen: depressiv, schlaflos, gestresst.

Boiger: Es kommt noch etwas anderes hinzu. Am Tag helfen uns soziale Beziehungen – Freunde, Partner, Kollegen –, unsere Emotionen zu regulieren. Wir können dann im Zweifel einfach mal einen Kaffee trinken gehen und unsere Sorgen teilen. In der Nacht, allein oder einsam vor dem Computer oder Smartphone, fehlt dieses Regulativ.