Cannabis soll bald nichts Besonderes mehr sein, eine Nutzpflanze wie jede andere auch. Das ist Eduardo Blasinas Vision. Berauschend, heilend, materialfestigend: Eineinhalb Jahre lang hat der Agraringenieur alles gesammelt, was aus Hanf gewonnen werden kann. Das kleine Cannabismuseum in Montevideo ist sein ganzer Stolz. "Unsere Schau soll das riesige Potenzial der Pflanze hervorheben", sagt der Kurator. In der Vitrine vor ihm liegt Hanfpapier neben Jeans aus Cannabis und Schiffstauen. Eine weitere Ausstellungsfläche hat Blasina den Fläschchen und Cremes mit medizinischen Hanf gewidmet, eine andere Autoteilen und Baustoffen. Und zu hören sind Songs, die in den 1960er und 1970er Jahren ziemlich sicher unter Marihuana-Einfluss entstanden.

Gut erinnert sich Blasina, als die Polizei ihn – den bekennenden Kiffer – Anfang der 1990er Jahre noch regelmäßig durchsuchte. Freunde von ihm wurden bestraft, weil sie die Pflanze zum Eigengebrauch zu Hause züchteten. Legendär ist in Uruguay der Fall der Rentnerin Alicia Castilla, die 2011 mit 66 Jahren für drei Monate ins Gefängnis musste. Auch ihr Bild hängt im Cannabis-Museum – als Erinnerung an schlechtere Zeiten.

Heute schießen die drei Hanfpflanzen im Hofgarten des Museums ganz legal in die Höhe – und Blasinas Mitarbeiter ziehen an diesem kühlen Abend im südamerikanischen Winter am Heizpilz der Außenbar ganz entspannt einen durch. Uruguay ist Pionier der Cannabislegalisierung. Ein kleines Land in Südamerika mit nicht einmal 3,5 Millionen Einwohnern, das sich im Norden an Brasilien schmiegt und sonst von Argentinien und dem Atlantik umschlossen wird.

Cannabis für jeden, aber staatlich geprüft

2013 hat die damalige Regierung unter dem linken Präsidenten José Mujica den Eigenanbau von bis zu sechs Cannabispflanzen entkriminalisiert. Kiffer können in Uruguay außerdem Mitglied in einem privaten Cannabisclub sein, in dem Pflanzen gemeinsam gepflegt und geerntet werden. Seither gehört der süßliche Geruch von Joints zur Straßenatmosphäre: Offen wird gekifft, ob im Café, Restaurant oder während des Fußballspiels.

Anfang Juli kommt nun Schritt drei der Freigabe und der Start eines weltweit einzigartigen Experiments: Cannabis soll für den Freizeitgebrauch in den Apotheken des Landes verkauft werden, mit staatlichem Segen. Jeder erwachsene Uruguayer wird auf höchstoffiziellem Weg bis zu zehn Gramm Cannabisblüten pro Woche kaufen können – das reicht für rund zehn Joints. Noch dazu vom feinsten Marihuana, das man bekommen kann. In Uruguay werden die Blüten meist pur geraucht, es wird kein Tabak zugemischt.

Global Drug Survey 2018
ZEIT ONLINE ruft auf zur größten Drogenumfrage.

"Wir dürfen es nicht verbocken", sagt Museumsdirektor Blasina. "Jetzt lastet eine große Verantwortung auf uns. Wir wollen ja, dass auch andere Länder endlich vorankommen in dieser Frage."

Mit dem Anbau des staatlich vertriebenen Cannabis hat die Regierung zwei Privatfirmen beauftragt – auf ihrer Homepage schreibt die International Cannabis Corporation, eine der produzierenden Firmen: Sie stelle die Droge "für den nichtmedizinischen, erwachsenen und entspannenden Gebrauch" her. Der Anbau erfolgt rund 60 Kilometer außerhalb von Montevideo, auf staatlichem Gelände nahe eines Hochsicherheitsgefängnisses. Die Firmen sollen von der Abgeschiedenheit und den bereits für das Gefängnis verhängten Sicherheitsmaßnahmen profitieren. Auf Wachtürmen patrouillieren Sicherheitsmänner, das Gelände ist mit Drahtzaun geschützt und weiträumig abgeriegelt. 

Wir dürfen es nicht verbocken
Eduardo Blasina, Direktor des Cannabismuseums in Montevideo

So erzählt es Blasina, der anfangs für eine der beiden Firmen arbeitete. Journalisten durften bisher nicht vorbeischauen. Im Gewächshaus gedeiht der Hanf unter der südamerikanischen Sonne, beschützt von einem Plastikdach, erinnert sich Blasina. Vier bis fünf Mitarbeiter pflegten sie, zur Erntezeit würde die Zahl aufgestockt. Bis zu vier Tonnen Cannabisblüten sollen pro Jahr hier produziert werden.

Um das uruguayische Cannabisgesetz zu verstehen, sagt Julio Calzada, müsse man zuerst das Land verstehen. Der ehemalige Generalsekretär des Nationalen Rats für Drogen der Regierung sitzt in einem Café in Montevideo und wirkt ziemlich entspannt. Er sagt: "Wir haben ein soziales Modell für die Drogenpolitik etabliert." Bis 2015 war Calzada im Amt, er ist der strategische Kopf hinter der Legalisierung. 

Nur wer registriert ist, darf kiffen

Uruguay sei immer schon progressiv gewesen, sagt Calzada, fortschrittlicher als andere Länder Südamerikas. Früh durften die Frauen hier wählen, sich scheiden lassen, abtreiben – Letzteres ist bis heute beispielsweise in Chile verboten. In Uruguay finden es die Menschen laut Umfragen gut, dass der Staat einen großen Einfluss auf ihr Leben hat. Vom Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit über die Prostitution bis zur Wirtschaft ist vieles umfangreich geregelt – nun halt auch der beliebte Hanf.

Wir haben auf eine Realität reagiert, nicht eine geschaffen
Julio Calzada, Drogenexperte

"Ich lege Wert darauf, dass wir den Cannabiskonsum nicht freigeben", sagt Calzada. "Das Gegenteil ist der Fall: Es handelt sich um ein Modell der streng regulierten Abgabe, in dem Preis, Menge und Qualität der Droge in staatlicher Hand sind." Das sei auch der Unterschied zu den Niederlanden, wo das Marihuana für die Coffeeshops weiter vom Schwarzmarkt kommt – mit allen Qualitätseinbußen und Gefahren, die das haben könne. Mit giftigen Stoffen gestrecktes Cannabis oder minderwertige Blüten sollen in Uruguay nicht über den Apothekentisch gehen. Staatlich geprüfte und garantierte Cannabisqualität? Das gibt es nicht einmal in den USA, wo private Firmen untereinander um Preis, Menge und den Gehalt des Hanf-Wirkstoffs THC konkurrieren. Nach Calzadas Überzeugung fördere das den Drogenkonsum noch.

Rund 55.200 regelmäßige Kiffer gab es im vergangenen Jahr in Uruguay – das sind zwei Prozent der Bevölkerung. Es werden aber mehr, wie in vielen anderen Ländern der Welt: "Wir haben auf eine Realität reagiert", sagt Calzada, "nicht eine geschaffen." 2012, als Präsident Mujica die Freigabe verkündete, sei doch schon klar gewesen, dass die Verbotspolitik, der Krieg gegen die Drogen in Mexiko oder Kolumbien scheitern würde: "Gewonnen hat immer nur die Gewalt – und der Schwarzmarkt." 

Per Fingerabdruck an den Hanf

Der illegale Handel soll in Uruguay nun verlieren. Mit umgerechnet 1,20 Euro pro Gramm Cannabis in Apotheken will der Staat den Hanfpreis niedrig halten. Das soll dem Schwarzmarkt immerhin seine Kiffer-Kundschaft nehmen. Mehr als 40 Gramm im Monat dürfe ein Erwachsener zudem nicht kaufen – dies ist laut der internationalen Definition die Grenze zum problematischen Konsum, der gesundheitliche Folgen wie Sucht nach sich ziehen könne. 

Jeder Kiffer, das war der umstrittenste Punkt des Gesetzes, muss sich beim Staat registrieren. In der Apotheke identifiziert sich der Käufer per Fingerabdruck. "Der Apotheker sieht auf seinem Display nur ein OK, keinen Namen", erzählt Calzada, "die Daten sind sicher und verschlüsselt." Ein Massenabgriff der Daten soll nicht möglich sein, auch nicht die Weitergabe an Einwanderungs- und Zollbehörden anderer Länder oder den eigenen Arbeitgeber.

4.200 Uruguayer haben sich schon für den Weg über die Apotheke registriert, weitere 10.000 sind als Selbstanbauer oder Cannabisclub-Mitglied eingetragen. Das ist rund ein Viertel der 55.200 regelmäßigen Konsumenten im Land." Calzada ist sich sicher: Sie versorgen auch ihre Freunde und Partner mit dem legalen Stoff. So könnte bereits gut die Hälfte der Kiffer dem Einfluss des Schwarzmarkts entzogen sein. 

Nur Touristen sollen in der Apotheke leer ausgehen, auch weil Uruguay keine Probleme mit den Nachbarländern Argentinien und Brasilien bekommen will. Man wolle kein Urlaubsziel für Kiffer sein, sagt Calzada. Vielleicht ist es das aber längst: Wer in den Souvenirläden der Altstadt Montevideos vorbeischaut, findet sofort Hanfsymbole und Kühlschrankmagnete in Cannabisform und in den uruguayischen Nationalfarben. Und Museumsbesitzer Blasina sagt, dass er sich freue, dass inzwischen Brasilianer und Argentinier entspannt an den Stränden des Landes den Joint kreisen lassen – Gras "verschenken" ist schließlich nicht verboten.

So locker sehen die Legalisierung nicht alle. Vor allem unter den Apothekern regt sich Widerstand. "Wir müssen uns vor Überfällen schützen. Deshalb werden wir ganz sicher kein Marihuana verkaufen", sagt Beatrice. Die Frau im weißen Kittel steht in dem für südamerikanische Apotheken typischen Sammelsurium aus Duschgel, Rasierwasser, Parfums, Regenschirmen, Kopfwehtabletten und Alzheimermedikamenten. Wer ein von Drogen gezeichnetes Gesicht habe, den lasse sie nicht rein. Wer ihr Geschäft, die Farmacia San Nicolas in einer Seitenstraße Montevideos betreten will, muss klingeln und ihrem prüfenden Blick standhalten. Seit 38 Jahren arbeitet Beatrice als Apothekerin: Die Sicherheitslage sei immer schlimmer geworden in den letzten Jahren, beschwert sie sich.

Kranke kommen nicht an Cannabis, Freizeitkiffer aber schon

Beatrice hat für die Idee, Drogen in Apotheken anzubieten, nur Verachtung übrig: "Wir werden daran nichts verdienen und nur Probleme bekommen", sagt sie. "Wir werden draußen ein Schild anbringen, damit die Crackköpfe und die anderen schon vorher wissen, dass wir nichts im Lager haben." Nur 20 der 120 Apotheken im Land haben sich für einen Verkauf von Cannabisblüten gemeldet, auch wenn sie ein Drittel der Einnahmen behalten dürfen sollen. Vor allem auf dem Land wird es wohl anfangs schwierig werden, an den legalen Joint aus der Apotheke zu kommen.

Das Modell hat bislang auch nur wenige Fans in der Bevölkerung. Nur 33 Prozent der Uruguayer sprechen sich für den Cannabis-Verkauf in Apotheken aus, 49 befürworten den Eigenanbau von Pflanzen. Während die Freigabe in anderen Staaten von Graswurzelbewegungen gefordert und ermuntert wurde, hat die linke Regierung in Uruguay ihr Vorhaben von oben und zunächst gegen den Willen der Bevölkerung durchgesetzt. "Das Gesetz ist schlecht für unser Land", sagt der auf Suchtfragen spezialisierte Oppositionspolitiker Alvaro Dastungue in seinem Abgeordnetenbüro in Montevideo. "Jeder kifft, die Risikowahrnehmung ist gesunken. Seit fast vier Jahren gibt es keine ordentliche Präventions- und Ausbildungskampagne. Die subversive Botschaft ist doch: Drogen nehmen ist kein Problem."

© Christopher Furlong/Getty Images
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#1 – Nicht anfangen

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Jede Droge schadet, Cannabis ist keine Ausnahme. Trotzdem ist Gras der am häufigsten konsumierte verbotene Stoff. Nur zu sagen, dass man es besser lassen sollte, schreckt nicht alle ab. Sicher kiffen? Unmöglich. Weniger schädlich geht aber schon.

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In ihrer Apotheke hat sich auch Beatrice in Rage geredet: "Schon heute kommen hier junge Familien rein, sie mit dem Kinderwagen, er mit großen zugedröhnten Augen. Soll das jetzt Normalität werden?" In den vergangenen Jahren ist tatsächlich der Anteil von männlichen unter 25-Jährigen, die kiffen, gestiegen. Allerdings war das auch schon vor der Legalisierung im Jahr 2013 so. Die Uruguayer haben das Gefühl, dass mehr Cannabis geraucht wird. Ob das so ist oder nur mehr Menschen offen kiffen und den Konsum zugeben, dazu gibt es keine Daten. Um Jugendliche zu schützen, hat die Regierung ein Präventionsprogramm begonnen und es darf im Land auch nicht für Cannabis geworben werden. 

Man sollte keine Drogen konsumieren, kein Marihuana, keine anderen
Tabaré Vázquez, Präsident von Uruguay

Das Ziel seiner Freigabe sei es, den Konsum zu reduzieren – "nicht das Gegenteil", sagte der aktuelle Präsident Tabaré Vázquez kürzlich in einem Interview mit der Deutschen Welle. Dabei ist auch er nicht begeistert von der Regulierung, die vor seiner Amtszeit beschlossen wurde und die er nun widerwillig umsetzen muss. Er sagt: "Man sollte keine Drogen konsumieren, kein Marihuana, keine anderen. Man sollte noch nicht mal Tabak rauchen." Seine Haltung könnte auch ein Grund sein, weshalb selbst die wohlwollenden Apotheken derzeit nicht genau wissen, wann es losgeht mit dem Marihuana-Verkauf. Bis Mitte Juli soll es wohl soweit sein. "Wir haben keine Schulung bekommen und keinerlei Informationen", sagt Carlos, der in der Apothekenkette San Roque arbeitet – die bereits verkündet hat, dass einige Filialen Cannabisblüten verkaufen werden. 

"Wir glauben, dass manche Prozesse viel langsamer laufen, als sie es müssten", sagt Gustavo Robaina, der mit seiner Organisation Pro Derecho den zivilgesellschaftlichen Protest für eine Legalisierung angestoßen hat. Und er weist auf eine weitere Besonderheit in Uruguay hin, die in anderen Ländern mit Cannabis-Freigabe auf Unverständnis stößt. Medizinalhanf, also Cannabis als Medikament, ist in dem kleinen Land nicht erhältlich. "Die Firmen, die sich um die Erforschung bewerben, erhalten keine Zulassung." 

Während sogar in Deutschland gerade der Markt für Cannabis etwa in der Schmerztherapie geöffnet wurde, kommen Kranke in Uruguay nicht zu ihrem Joint. Gustavo Robaina vermutet, dass das nicht nur mit der Skepsis des Präsidenten, sondern auch mit Wirtschaftsinteressen zu tun hat. "Der Markt für medizinisches Cannabis hat das Potenzial, die Pharmaindustrie zu gefährden", sagt er. "Es gäbe mächtige Verlierer, wenn wir die etablierten Schmerztabletten mit Cannabisarzneien substituieren würden." Der Ausweg für Patienten? Sie können sich nur als Freizeitkiffer registrieren und Blüten aus der Apotheke holen – ohne Rezept natürlich und ärztlichen Rat.