Videokommentar - "Menschen wollen Rauscherfahrungen haben" Verbote und Strafen halten Menschen nicht vom Drogenkonsum ab. Zeit für eine neue Drogenpolitik, findet ZEIT-ONLINE-Wissensredakteur Sven Stockrahm. © Foto: Zeit Online

Ist jeder, der mal kifft, ein Krimineller? Sollten Menschen, die hin und wieder zu Ecstasy oder Amphetaminen greifen, als Straftäter eingestuft werden? Laut deutschen Gesetzen ist das so. Doch sie gehen an der Realität vorbei, wie auch die Ergebnisse der weltweit umfassendsten Drogenumfrage im Netz verdeutlichen.

Im Rahmen dieses Global Drug Survey fragt ZEIT ONLINE seit vier Jahren auch seine Leser: Welche Drogen nehmen Sie, legal wie illegal, warum tun Sie das und was macht das mit Ihnen? Um die 30.000 Menschen haben jedes Jahr teilgenommen und zusammen mit Teilnehmern weltweit einen Datensatz anwachsen lassen, der eindeutig zeigt: Drogen sind mitten in unserer Gesellschaft. Sie werden vor allem aus Spaß und zur Entspannung genommen, egal ob sie verboten sind. Dringend brauchen wir daher eine Drogenpolitik, die dem Rechnung trägt und zum Ziel hat, die Gesundheit der Bevölkerung zu schützen.

Doch wer in Deutschland mit ein bisschen Gras erwischt wird, muss im Zweifel noch immer mit einer Anzeige rechnen. Die Polizei ist gezwungen, harmlose Konsumenten zu verfolgen, während die wenigsten Dealer vor Gericht landen. Das zeigt seit Jahren die Kriminalstatistik: 80 Prozent der registrierten Cannabisdelikte, rund 145.000 im vergangenen Jahr, entfallen auf Menschen, die Marihuana und Haschisch nehmen, aber nicht damit handeln. Auch, weil die Strafverfolgung organisierter Banden viel teurer, aufwendiger und schwieriger ist.

"Legal" bedeutet nicht "harmlos"

Eine erfolgreiche Drogenpolitik sähe anders aus. Wer Drogen nimmt, gefährdet zwar sich selbst, aber nicht automatisch andere. Wer sich hingegen berauscht hinters Steuer setzt, gewalttätig wird und anderen schadet, sollte selbstverständlich bestraft werden. Drogen zu nehmen, schadet der Gesundheit, aber es führt nicht zwingend in die Sucht oder zum sozialen Abstieg.

Drogenpolitik muss deshalb Gesundheitspolitik sein. Es ist falsch, sie in erster Linie den Strafverfolgungsbehörden zu überlassen. Dies wird in Deutschland trotz vieler erfolgreicher Präventionsprojekte und Initiativen von der Regierung zu wenig umgesetzt. Wie der Staat derzeit Drogen in legal und illegal einteilt, ergibt keinen Sinn. Die Annahme, alles was verboten ist, sei besonders schädlich, ist schlichtweg falsch. Umgekehrt ist es gefährlich, mit laschen Regulierungen zu suggerieren, Tabak und Alkohol seien nicht so schlimm, weil sie ja sonst nicht erlaubt wären. Alle psychoaktiven Substanzen sollten wissenschaftlich nach ihrer Schädlichkeit, ihrem Suchtpotenzial und den sozialen Folgen, die sie verursachen, eingestuft und danach reguliert werden.

Viele Konsumenten wünschen sich Hinweise und Tipps zum risikoarmen Gebrauch von Drogen. Auch das zeigt der ZEIT-ONLINE-Drogenbericht aus den Daten des Global Drug Survey. Für Alkohol gibt es diese Aufklärung. Warum nicht auch für Tabak sowie für Cannabis, Ecstasy und andere illegale Stoffe?

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Drauf wie nie?

Drauf wie nie?

Der Global Drug Survey ist die größte Drogenumfrage im Netz. 115.000 Menschen nahmen teil, rund ein Drittel waren Deutsche. Aber wer genau?

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35.918 ZEIT-ONLINE-Leser

35.918 ZEIT-ONLINE-Leser

Wir haben explizit nur Menschen gefragt, die Drogen nehmen: Wie geht es Ihnen damit? Das Ziel: Wer weiß, was er tut, schadet sich weniger.

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69 Prozent Männer und 31 Prozent Frauen nahmen teil. Im Schnitt waren sie 31 Jahre alt.

Alter und Geschlecht

69 Prozent Männer und 31 Prozent Frauen nahmen teil. Im Schnitt waren sie 31 Jahre alt.

Wer hat in Deutschland mitgemacht?

Fast die Hälfte hat einen Uni-Abschluss, 24 Prozent studieren, zwei Drittel sind fest angestellt.

Ausbildung und Beruf

Fast die Hälfte hat einen Uni-Abschluss, 24 Prozent studieren, zwei Drittel sind fest angestellt.

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Falsch. Die meisten sind für strenge Cannabisgesetze, nur sechs Prozent der Befragten fordern keinerlei Vorgaben für den Verkauf. 68 Prozent sagen, Hanfprodukte sollten nur in speziellen Läden verkauft werden, erst ab 18 (63 Prozent) und mit Hinweisen auf mögliche Schäden (52 Prozent). Mehr als ein Drittel (38 Prozent) ist für ein Werbeverbot.

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Richtig. Der Wirkstoff Psilocybin ist ungiftig und wirkt nur kurz, hohe Dosen können aber Panik und Angst auslösen. Doch berichten nur 0,2 Prozent aller Konsumenten, dass sie im letzten Jahr den Notruf 112 wählen mussten. Wer Alkohol trank, rief in 1,3 Prozent der Fälle Hilfe. Die größte Gefahr bei Pilzen: sie mit giftigen Sorten zu verwechseln.

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Menschen, die gelegentlich kiffen, trinken oder andere psychoaktive Substanzen nehmen, kommen aus allen Teilen der Gesellschaft – die meisten entwickeln im Alltag keine Probleme. All jene jedoch, denen ihr Konsum zu sehr schadet, die Hilfe suchen und benötigen, sollten diese straffrei bekommen.

Jeder sollte zudem Pillen, Amphetamine oder Cannabis vor dem Konsum testen lassen können, um nicht mit giftigen Chemikalien gestreckte Drogen oder eine gefährliche Dosis zu nehmen. Dieses Drug Checking könnte auch in Clubs oder auf Festivals angeboten werden, straffrei und anonym. Die Mitarbeiter solcher Prüfstellen, die es in anderen Ländern längst gibt, können auch Menschen dabei unterstützen, notfalls Beratung und medizinische Betreuung zu finden.

Grundsätzlich sollten Suchtkranke behandelt werden, auch jene, die Verbotenes nehmen. Sie sind Patienten, keine Straftäter. Heroinsüchtige werden schon heute in einigen Bundesländern in eigens dafür eingerichteten Konsumräumen medizinisch betreut und mit sterilen Nadeln versorgt. Das verringert nachweislich Gesundheitsschäden und ermöglicht den Ausstieg. Solche Initiativen sind erfolgreich, sie müssen weiter ausgebaut werden.

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Lesen Sie die Übersicht zum Drogen im Check – ein Glossar in einer optimierten Fassung.

Prävention sollte sich aber nicht nur auf die schädlichen Folgen konzentrieren. Politiker müssen akzeptieren, dass Menschen ein Bedürfnis nach Rauscherfahrungen haben. Diejenigen, die Drogen nehmen, müssen wissen, wie sie wirken, nutzen und schaden. Nur so wissen sie auch, auf welche Substanzen sie dringend verzichten sollten. Eine Freigabe aller Drogen wäre keine Lösung. Eine neue Art ihrer Kontrolle schon.