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Es ist Zeit, eine neue geopolitische Realität anzuerkennen: Vernachlässigte Tropenkrankheiten wie Zika, Tuberkulose, Chagas, Wurminfektionen und Denguefieber sind nicht allein ein Problem armer Länder – in G20-Staaten sind sie mittlerweile häufiger als im Rest der Welt. Das ist ein Gesundheitsrisiko, aber auch eine Chance. Denn die G20-Staaten haben das Wissen, das Geld und die Mittel, um diese Erkrankungen auszulöschen. Was fehlt, sind neue politische Ansätze. Der G20-Gipfel ist eine optimale Möglichkeit, um sie festzulegen.

Vernachlässigte tropische Erkrankungen (s. Infobox) werden auch "Armutserkrankungen" genannt, was den Anschein erweckt, Länder mit starker Wirtschaft blieben verschont. Doch der Eindruck täuscht: Die meisten bestätigten Zika-Fälle registrierte Brasilien – die größte lateinamerikanische Volkswirtschaft – gefolgt von Puerto Rico – einem Territorium der USA (Pan American Health Organisation, 2016). Auch Südeuropa ist betroffen: In Griechenland gibt es wieder Fälle von Malaria, tropische Virusinfektionen wie Dengue, Chikungunya oder der West-Nil-Virus treffen Portugal, Spanien, Italien und Südfrankreich. Vor fünf Jahren verzeichnete die französische Urlaubsinsel Korsika Fälle von Bilharziose, einer gefährlichen Wurmerkrankung (PLoS Neglected Tropical Diseases: Hotez, 2016), die für die ärmsten Teile Afrikas als üblich gilt.

Meine Analyse, die auf Daten der WHO und der Studie über die globale Krankheitslast basiert, (Hotez: Blue Marble Health, John Hopkins University Press, 2016) zeigt: Mehr als die Hälfte aller Wurmerkrankungen und Tuberkulose-Fälle tritt inzwischen in den G20-Staaten und in Nigeria (dessen Wirtschaftskraft die vieler G20-Staaten übersteigt) auf. Dazu zwei Drittel der Fälle von Denguefieber, Chagas und Leishmaniose und mehr als drei Viertel der Lepra-Erkrankungen (PLoS Neglected Tropical Diseases: Hotez et al., 2013).

Zwölf Millionen US-Amerikaner haben eine Tropenkrankheit

Peter J. Hotez ist Dekan der Nationalen Fakultät für Tropenmedizin am Baylor College of Medicine in Houston, Texas, wo er auch einen Lehrstuhl für Kindertropenmedizin innehat. Er ist außerdem Fellow im Programm "Krankheit und Armut" der Rice University. © privat

Was ist der Grund? Der Wohlstand in aufstrebenden Volkswirtschaften ist zumeist sehr ungleich verteilt. Es gibt einen gesellschaftlichen Bodensatz, die Besitzlosen unter den Besitzenden. Sie sind es, die von Armutserkrankungen am stärksten betroffen sind. Oft findet man sie in ganz bestimmten Regionen. Krankheitsherde im Nordosten Brasiliens, Lateinamerikas größter Volkswirtschaft, sowie im nördlichen Argentinien und im Süden Mexikos, den nächstgrößeren Volkswirtschaften, stellen momentan die Epizentren lateinamerikanischer Tropenkrankheiten in Amerika dar.

Das vielleicht krasseste Beispiel dafür aber ist der Süden der USA. Hier, entlang des Küstenstreifens am Golf von Mexiko, von Texas bis nach Florida, ist die Armut konzentriert. Die Region istein Brandherd für Infektionskrankheiten, der den ärmsten Regionen Brasiliens in nichts nachsteht. Meiner Schätzung nach haben zwölf Millionen Amerikaner mindestens eine vernachlässigte Krankheit, vor allem nicht-weiße Menschen im Süden der USA. Sie leiden an Parasiten wie Chagas und Toxocariasis, Viruserkrankungen wie Dengue, bakteriellen Erkrankungen wie Rattenfleckfieber – und seit Neuestem an Zika.

Es ist wichtig, zu betonen, dass die Armut inmitten der G20-Staaten nicht der einzige Grund dafür ist, dass sich diese Krankheiten ausbreiten. Auch der Klimawandel, die Verstädterung, Flüchtlingsbewegungen und Kriege tragen zu ihrer Verbreitung in Südeuropa, dem mittleren Osten, Nordafrika und im Rest der Welt bei (PLoS Neglected Tropical Diseases: Hotez, 2016).

Entwicklungshilfe allein reicht nicht aus

Diese Karte fasst zusammen, wo heute global die meisten Armutserkrankungen auftreten. Sie unterscheidet sich sehr von traditionellen Darstellungen globaler Gesundheitsprobleme, die die Welt in einen globalen Norden und einen globalen Süden teilen. Stattdessen ist die Welt in kleine Regionen unterteilt, gewissermaßen marmoriert. Mit Bezug auf die ersten Fotos, die Apollo-Astronauten von der Erde in den 1960ern und 1970ern gemacht haben, nenne ich mein Gesundheitskonzept "Blue Marble Health".

Vernachlässigte Tropenkrankheiten

Schon heute sind die Armuts-assoziierten vernachlässigten Tropenkrankheiten in den G20 häufiger als anderswo. Besonders betroffen sind arme Regionen in den wirtschaftsstarken Ländern.

Es zeigt, dass Entwicklungshilfe – traditionell das Werkzeug der reichen Länder, um Tropenkrankheiten zu bekämpfen – zu kurz greift. Die Führer der G20 müssen akzeptieren und sich darauf einigen, gegen die schon heute in ihren Ländern verbreiteten NTDs vorzugehen. Was muss zusätzlich getan werden? Einerseits müssen wir Vektoren, wie die Aedes-aegypti-Mücke, die Zika, Gelbfieber und Dengue überträgt, zurückdrängen. Andererseits müssen wir in Regionen, in denen besonders viele Menschen unter Parasiten leiden, Massenbehandlungen durchführen.

Zusätzlich müssen die G20-Staaten ihre großen biotechnologischen Kapazitäten nutzen. Wenn sie bei der Forschung und Entwicklung von Medikamenten international stärker zusammenarbeiten, können sie gemeinsam eine neue Generation von lebensrettenden Mitteln entwickeln. Für die G20-Staaten und den Rest der Welt.

Die Staatschefs der G20-Staaten können auf diese Weise die Zahl der von vernachlässigten Krankheiten Betroffenen um zwei Drittel oder mehr senken. Das ist eine außergewöhnliche Chance. Auf dem G20-Gipfel in Hamburg sollten die Staatschefs sie ergreifen.