Wer ohne Helm Rad fährt, lebt gefährlich, sagen die einen. Klar, denn mit Kopfschutz verringert sich das Risiko für schwere Verletzungen. Mag sein, sagen die anderen, die auf den Helm verzichten. Aber ist es statistisch nicht extrem unwahrscheinlich, genau die Art Unfall zu bauen, bei dem das Ding Schlimmeres verhindert? So gesehen lohne sich das Geld für den Helm nicht. Zudem müsse man ihn ständig mit sich herumschleppen und die Frisur zerstöre der noch dazu hässliche Kunststoffdeckel auch. Und gab es da nicht diese Studie, die belegt, dass ein Fahrradhelm die Unfallgefahr sogar erhöhen könnte?

"Es ist unstrittig, dass der richtige Fahrradhelm (siehe Kasten) Kopfverletzungen verhindern kann", sagt Christopher Spering von der Universitätsklinik Göttingen. Der Mediziner leitet das Präventionsprogramm der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) und will Menschen davon überzeugen, einen Helm zu tragen. Schon oft hat er gesehen, welche Folgen ein fehlender Kopfschutz haben kann. Da ist zum Beispiel die Geschichte der Frau, die mit ihrem fünfjährigen Sohn unterwegs war. Der Junge kam ins Straucheln, fuhr ins Rad der Mutter, beide stürzten. Weil das Kind einen Helm trug, blieb es unverletzt. Die Mutter aber erlitt so starke Verletzungen an Kopf und Hirn, dass sie wohl nie wieder auf ein Fahrrad steigen kann. Auch um ihren Sohn kann sie sich allein nicht mehr kümmern. Ein Helm hätte das verhindern können.

Vier von fünf Kopfverletzungen wären mit Helm nicht passiert

So sehen das auch Sperings Kollegen von der DGU. Die Position der Gesellschaft ist klar: Wer einen Fahrradhelm trägt, lebt sicherer. Das bestätigt auch eine aktuelle Untersuchung. Darin analysierten Mediziner über mehrere Jahre hinweg die Verletzungen von insgesamt 2.817 schwer verletzten Fahrradfahrern. Das Ergebnis: Die drei meistbetroffenen Körperregionen unter den Verunglückten waren der Kopf mit 71,9 Prozent, gefolgt vom Brustkorb mit 44,9 Prozent und den oberen Extremitäten mit 33,6 Prozent. Schädel-Hirn-Traumata waren dabei die häufigste Verletzungsart (Der Unfallchirurg: Helfen et al., 2016). Mit Helm wären viele glimpflicher davongekommen.

Ein Fahrradhelm kann bis zu 80 Prozent der Kopfverletzungen unter Schwerverletzten verhindern und 20 Prozent derer unter Leichtverletzten. Das belegt ein Gutachten, das das Baden-Württembergische Ministerium für Verkehr in Auftrag gegeben hat (Jürgensohn et al., 2017). Daten aus verschiedenen Ländern und Studien, zeigten auch hier: Unter 14.230 schwer verletzten Radfahrern im Jahr 2015 erlitten die meisten (70 Prozent) Schäden am Kopf. Vier von fünf davon hätten durch einen Helm verhindert werden können. Das wären jährlich bis zu 8.000 Verletzungen an Schädel und Hirn weniger, nur durch den Helm.

Das gilt übrigens für Kinder ebenso wie für Erwachsene: "Aus medizinischer Sicht macht es keinen Sinn, dem Kind im Fahrradsitz einen Helm aufzusetzen, selbst aber darauf zu verzichten", sagt der Unfallchirurg Spering. Manche meinen, dass Helme für den Nachwuchs wichtiger seien. Dabei sind Kinderköpfe nicht grundsätzlich empfindlicher als Erwachsenenköpfe. Was hingegen stimmt: Wenn sich Kinder verletzen, kann ein Schädelhirntrauma gravierende Folgen auf ihre Entwicklung haben.

Der Nachwuchs ist aber nicht unvorsichtiger auf dem Rad, was viele vielleicht denken. Kinder seien sogar für gewöhnlich sichere Radfahrer, sagt Spering. Hinzu komme, dass sie aus einer niedrigeren Höhe fallen als Erwachsene und häufig mit geringerer Geschwindigkeit unterwegs sind. Die Verkehrssicherheit unter Kindern scheint auch zuzunehmen: Seit 1991 ist die Zahl verunglückter Kinder laut Statistischem Bundesamt deutlich zurückgegangen.

Helmpflicht? Keine gute Idee

Trotz alledem sind auf deutschen Straßen Radler ohne Helm noch immer Normalität. Nur sieben Prozent der 17- bis 30-Jährigen tragen einen Helm, immerhin aber 76 Prozent der Kinder zwischen sechs und zehn Jahren. Wenn so viel für den Kopfschutz spricht, warum gibt es dann keine Helmpflicht? Das hat einen entscheidenden Grund.

Zwang kann für den Radverkehr tatsächlich negative Folgen haben. Denn ehe der Mensch sich zu irgendetwas zwingen lässt, verzichtet er lieber – in diesem Fall auf das Rad an sich. Eine Studie aus Australien zeigte beispielsweise, dass dort, wo die Helmpflicht eingeführt wurde, die Zahl der Radler drastisch zurückging. Gleichzeitig stiegen die Unfallzahlen. Die Erklärung der Wissenschaftler: Sind weniger Zweiräder unterwegs, sind Autofahrer den Radverkehr nicht gewöhnt und Unfälle nehmen zu (Accid Anal Prev.: Robinson, 1996). Eine neuere Untersuchung aus Kanada kommt zu einem ähnlichen Schluss (BMJ: Dennis et al, 2013). Auch die Unfallchirurgen von der DGU fordern keine Helmpflicht in Deutschland.