Mann hat es nicht leicht. Er ist öfter krank als die Frau, wird eher arbeitslos – und nun scheint auch noch die Fortpflanzung in Gefahr. Denn: Sein Sperma dünnt aus. Wie eine Analyse zeigt, ist die Konzentration von Spermien pro Milliliter Sperma bei Männern aus Nordamerika, Europa, Australien und Neuseeland zwischen 1973 und 2011 um 52,4 Prozent gesunken. Die Gesamtanzahl der Keimzellen pro Samenerguss sank in demselben Zeitraum um 59,3 Prozent (Human Reproductive Update: Levine et al., 2017). Doch noch sind Experten sicher, dass die Manneskraft nicht in Gefahr ist.

"Keine Panik", sagt etwa der Reproduktionsmediziner Stefan Schlatt von der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster auf Nachfrage des Science Media Centers (SMC). Männer in den westlichen Industrienationen hätten immer noch rund 47 Millionen Spermien je Milliliter Ejakulat, "damit ist der Mann sehr fertil".

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) befand jahrzehntelang eine Mindestdichte an Spermien von 20 Millionen als guten Orientierungswert. Erst unterhalb von fünf Millionen dürfte es mit der Fortpflanzung heikel werden, hieß es. Vor einigen Jahren jedoch haben WHO-Forscher die Zahl nach oben korrigiert. "Die Konzentration war zu gering als Referenz, da die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft grundsätzlich linear zur Spermienkonzentration verläuft", begründeten die Forscher in der dazu erschienenen Studie (Cooper et al., 2010). Demnach gilt als Referenzwert heute eine Spermienzahl von 39 Millionen pro Ejakulat oder eine Konzentration von 15 Millionen Spermien je Milliliter Ejakulat. "Also rutscht mit der Zeit eine kleine Gruppe von Männern unter diese Zahl, aber das ist nicht bedenklich", sagt Schlatt.

Weniger Spermien

Eine Analyse zeigt: Zwischen 1973 und 2011 hat sich die Zahl der Spermien pro Samenerguss mehr als halbiert (Zahlen in Millionen).

Quelle: Quelle: Human Reproductive Update: Levine et al., 2017

Die Autoren der nun erschienenen Metaanalyse haben 185 Studien ausgewertet. 7.500 standen zum Thema zur Auswahl – ausgeschlossen haben sie beispielsweise solche, die bei Männern durchgeführt wurden, die zeugungsunfähig waren oder chronische Erkrankungen hatten. Letztlich abgedeckt waren 244 Spermienzählungen, die andere Teams an knapp 43.000 Männern durchgeführt hatten. Viele Studien waren bereits zuvor in Übersichtsartikeln veröffentlicht worden, die Fachwelt hat sie umfassend diskutiert. Insofern ist der Trend keine Überraschung, die Abnahme der Spermienzahl bei Männern aus besagten Regionen gut dokumentiert. Dennoch ist die Arbeit wichtig: Während in anderen Weltregionen – Südamerika, Asien und Afrika – alles stabil scheint, passiert in den westlichen Industrienationen etwas, das die Wissenschaftswelt noch nicht ganz verstanden hat. Die Zahl der Spermien nimmt stetig ab.

Die Spermienzahl allein sagt wenig aus

Im statistischen Mittel ging die Spermienanzahl pro Milliliter bei westlichen Männern von 1973 bis 2011 jährlich um 1,4 Prozent zurück, bei der Gesamtzahl pro Spermaprobe um 1,6 Prozent. "Gemessen an der Bedeutung der Spermienzählung für die männliche Fruchtbarkeit und Gesundheit der Menschheit ist diese Studie ein Weckruf, um die Ursachen zu erforschen", sagt einer der führenden Autoren, Hagai Levine von der Hebräischen Universität in Jerusalem.

Nun sagt die Zahl der Spermien allein nicht viel aus über die Fruchtbarkeit des Mannes. Die allgemeine Qualität ist entscheidend. Laut der WHO zählen dazu nebst Anzahl die Beweglichkeit – wie gut die Keimzellen schwimmen können – und ihre Beschaffenheit – also mögliche Defekte am Kopfteil, Mittelstück oder Schwanzteil. Nur vorwärts-bewegliche Spermien sind in der Lage, bei der natürlichen Befruchtung die Eizelle überhaupt zu erreichen. Weder die Beweglichkeit noch Gestalt aber wurde in der Analyse berücksichtigt. "Ob sich aus den Daten daher ableiten lässt, dass Männer somit wirklich unfruchtbarer geworden sind, bleibt offen", sagt der Zellbiologe Artur Mayerhofer von der Ludwig-Maximilians-Universität München auf Nachfrage des SMC. Letztlich genüge ein gesundes Spermium zur Befruchtung.