Dies ist der zweite Teil unserer Mikrobiomserie: Leben auf dem Menschen. Den ersten finden Sie hier.

Eigentlich waren sich die Ärzte einig: Der Magenkeim Helicobacter pylorigehört ausgerottet – mit einer hochdosierten Antibiotikakur. Denn wer das stäbchenförmige Bakterium in seinem Magen trägt, bekommt häufiger Geschwüre und Magenkrebs. Ende der 1980er Jahre begann der Kampf gegen die Mikrobe. Doch nur wenige Jahre später meldete sich Martin Blaser, heute Direktor des Human Microbiome Program der New York University. Der Bakterienforscher hatte seine Zweifel: "Helicobacter lebt seit Tausenden Jahren in unserem Magen. Er sollte nicht einfach so verschwinden. Das kann nicht gut sein."

Blaser fing an, all den Mikroben, die wir auf und in uns tragen, nachzugehen. Wie viele unserer kleinen Mitbewohner haben wir bereits verloren? Und was bedeutet das für unsere Gesundheit? Trägt der Verlust der Bakterienbesiedlung, des Mikrobioms, gar Mitschuld daran, dass Krankheiten wie Heuschnupfen, Reizdarmsyndrom, Neurodermitis und Fettleibigkeit zunehmen (Journal of Allergy and Clinical Immunology: Platt-Mills, 2015)? Der Mikrobiologe Blaser ist sich sicher, dass das Fall ist.

Inzwischen hat jeder zwanzigste Deutsche eine Lebensmittelallergie, jeder sechste Heuschnupfen (Robert Koch-Institut, 2013) und jeder zweite bringt zu viele Kilos auf die Waage. Aber warum sollten weniger Mikroben im Darm, auf der Haut und in der Lunge hinter diesen Erkrankungen stecken? "Bakterien trainieren unser Immunsystem", erklärt der Biotechnologe Till Strowig vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung. "Es gibt Bakterien, die eine Entzündung fördern und solche, die sie hemmen." Sie tun das, indem sie dem Immunsystem mit Botenstoffen Signale geben und so mit ihm kommunizieren – im Guten wie im Schlechten.

Während das Immunsystem auf gefährliche Eindringlinge mit aller Härte reagieren soll, muss es aber auch lernen Ungefährliches nicht zu bekämpfen. Es muss immuntolerant werden. Das gilt für den Darm genauso wie für den Rest des Körpers. "Am Ende geht es immer um die richtige Balance", sagt Strowig. Wenn sich das Mikrobiom verändert, kann auch das Immunsystem aus dem Gleichgewicht geraten und wie wild auf harmlose Inhalte in unserem Essen, Pollen oder sogar eigene Körperzellen losgehen. Die Folge: allergisches Asthma oder Neurodermitis.

Ratsanai/Getty Images
Schau mal, was da auf dir krabbelt!

Schau mal, was da auf dir krabbelt!

Iiiieeh, wir sind total verkeimt. Mikroben wuchern auf und in uns. Doch was eklig anmutet, ist lebensnotwendig. Ein Blick in unser Mikrobiom

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Das Mikrobiom

Wer sind unsere Mitbewohner?

Was Mediziner Mikrobiom nennen, umfasst all unsere mikroskopisch kleinen Mitbewohner: Viren, Pilze und vor allem Bakterien. Sie kreuchen und fleuchen an den verschiedensten Körperstellen, meist in Symbiose mit unserem Organismus.

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Die Masse macht's

Keime oder Zellen: Wer ist in der Überzahl?

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Genau richtig. 38 Billionen Bakterien stehen 30 Billionen Körperzellen gegenüber. Die meisten Bakterien gibt es übrigens im Darm. Der Inhalt des Dickdarms wäre ohne Bakterien nur halb so schwer.

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Dibyangshu Sarkar/AFP/Getty Images
Wo verstecken sie sich?

Wo verstecken sie sich?

Im Darm und im Zahnstein sind Billionen von Keimen zu Hause, im Speichel, auf der Haut, in der Vagina und im Mund sind es Milliarden.

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Vielfalt hält gesund

Korrekt! Eine hohe Bakterienvielfalt schützt meist vor Krankheit. Eine Ausnahme: Frauen, deren Vaginalflora viele verschiedene Bakterienarten hat, leiden häufiger an Pilzinfektionen und haben häufiger Frühgeburten.

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Martin Blaser spricht inzwischen vom "schwindenden Mikrobiom". Zwar nimmt die absolute Zahl der Mikroben, die auf uns wuchern nicht ab. Aber seit gut 100 Jahren leidet ihre Vielfalt. Die Bakterienarten, die unsere Haut- und Darmflora dominieren, haben drastisch abgenommen. Aus dem bunten Haufen wurde ein grauer Einheitsbrei. Blaser erklärt, wie es dazu kam: "Alles fing mit sauberem Trinkwasser an. Das hat Millionen von Leben gerettet, aber auch dazu geführt, dass wir nicht mehr die Fäkalien anderer trinken und mit weniger Keimen in Berührung kommen."

Das 20. Jahrhundert hat uns steril gemacht

Hygiene und moderne Medizin setzten der Artenvielfalt auf dem Menschen vor allem während des 20. Jahrhunderts ordentlich zu. Immer häufiger kamen Babys per Kaiserschnitt zur Welt und nahmen so keinen Anstrich der Vaginalflora der Mutter mit. Und Mütter stillten weniger. Auch das verändert das Mikrobiom, denn die Muttermilch enthält Zuckerketten, die nur von bestimmten Bakterien verdaut werden können. Wenn nicht gestillt wird, leiden die Bakterien und die Darmflora.

Auch schrumpften in den vergangenen Jahrzehnten Familien und der Waschzwang nahm zu: Mikroben hatten also schlechtere Chancen von einem Kind auf das nächste zu springen. Und schließlich entdeckte die Landwirtschaft, dass niedrige Dosen von Antibiotika beim Mästen von Tieren helfen. Auch das ließ die Mikrobenvielfalt verkümmern.

Wie stark der Artenschwund ist, lässt sich ziemlich genau bemessen. Das moderne westliche Mikrobiom ist nur noch halb so vielfältig wie das unserer ältesten Vorfahren. Das beschreiben Wissenschaftler um Martin Blasers Frau, Gloria Dominguez-Bello (Science Advances: Clemente, Dominguez-Bello et al., 2015). Sie stießen dafür tief in das Amazonas-Gebiet vor. Die Yanomami-Indianer dort leben so weit von der Zivilisation entfernt, wie es auf diesem Planeten überhaupt noch möglich ist. Kaiserschnitte, Antibiotika und Trinkwasseraufbereitung kennen sie nicht. Ihr Mikrobiom dürfte deshalb besonders ursprünglich sein, also noch dem unserer Vorfahren ähneln. Dominguez-Bello wertete mit ihren Kollegen Stuhlproben sowie Haut- und Mundabstriche der Indianer aus und verglich das Mikrobiom der Yanomami mit dem durchschnittlicher US-Amerikaner. Ihr Ergebnis: Auf der Haut und im Darm eines Yanomami tummelt es sich deutlich bunter.