Schweine, die Menschenleben retten. Längst bewahren mit ihrem Gewebe modellierte Herzklappen schon Patienten vor dem Tod. Doch einige Mediziner sehen die Herzen, Nieren oder Bauchspeicheldrüsen der Tiere auch im Menschen. An tierischen Organlieferanten forschen Wissenschaftler schon seit Jahrzehnten. Nun sind sie einen guten Schritt weiter. Denn sie haben etwas beseitigt, dass Ende der 1990er Jahre ihre Arbeit stark bremste: Viren, die direkt im Genom der Schweine verhaftet sind und dem Menschen eventuell gefährlich werden können (Journal of Virology: Akiyoshi et al., 1998). Bislang war es nicht möglich, sie unschädlich zu machen. 

Das gentechnische Schnippelwerkzeug Crispr (siehe Infobox) ändert das. Mit ihm lässt sich im Erbgut von Lebewesen herumschneiden, um es nach Belieben zu verändern. Zuletzt züchteten Forscher so sogar gesunde menschliche Embryonen im Reagenzglas, denen sie künstlich einen Gendefekt entfernt hatten (Nature: Hong Ma et al., 2017). Und jetzt soll Crispr auch die Organspende für immer verändern. Nicht heute oder in fünf Jahren, aber in absehbarer Zukunft. Was vielleicht bald technisch machbar ist, wird wieder die Frage aufwerfen: Dürfen wir das? Doch während Ethiker, Politiker und Juristen erst anfangen, darauf Antworten zu finden, ist die Wissenschaft wieder einmal schneller.

Ein Forscherteam der US-amerikanischen Gentechnikfirma eGenesis hat mit Crispr jetzt drei Dutzend Ferkel erschaffen, deren porcine endogene Retroviren, kurz Perv, nicht mehr aktiv waren (Science: Yang et al., 2017). Jene 62 bislang bekannten Erreger in der Schweine-DNA also, die, wie die Wissenschaftler ebenso bestätigen konnten, menschliche Zellen infizieren können. Wie gefährlich sie sind, ist nicht ganz geklärt. Sie könnten aber für Transplantationspatienten lebensbedrohlich werden: Vielleicht lösen sie schwere Erkrankungen aus, Krebs zum Beispiel, oder führen dazu, dass der menschliche Körper ein Schweineorgan abstößt. Hinweise darauf, dass Perv das Immunsystem angreifen können, gibt es seit Jahren (Virology: Tacke, Kurth, Denner, 2000).

Die Gentechniker von eGenesis sind zuversichtlich, dieses Problem gelöst zu haben und versprechen Großes: "Unser Team wird den Perv-freien Schweinestamm weiterentwickeln, für eine sichere und wirksame Xenotransplantation", sagt die Medizinerin und Mitbegründerin von eGenesis, Luhan Yang. Xenotransplantation, so nennen Fachleute es, wenn sie Organe einer Tierart in eine andere oder den Menschen verpflanzen. Das passiert derzeit nur im Experiment, langfristig gelungen sind solche Eingriffe nie. Das soll heißen: Ohne Probleme und lange konnten etwa Primaten nicht überleben, denen Mediziner Schweineherzen oder -nieren einsetzten. Die wenigen Versuche, Schweineherzen auf den Menschen zu übertragen, sind alle gescheitert. Der Körper wehrt sich dagegen.

Unser Immunsystem ist darauf trainiert, fremdes Gewebe und Krankheitserreger zu bekämpfen. Selbst wenn Patienten heute ein Spenderorgan eines Menschen erhalten, können ihre Körper das Herz, die Niere, Lunge, Leber oder andere Organe abstoßen. Nur mit Medikamenten lässt sich das verhindern. Sie unterdrücken, dass das Abwehrsystem das fremde Gewebe attackiert. Eine anstrengende Aufgabe, die mit starken Nebenwirkungen verbunden ist. Würde das Organ von einer anderen Spezies stammen, wird es um ein Vielfaches schwieriger. Noch dazu können feine biologische Unterschiede im Aufbau etwa von Schweineherzen, fatale Probleme auslösen. So pumpt beispielsweise die rechte Herzkammer einer Sau oder eines Ebers schwächer als die eines Menschen. Das Ausschalten von Perv im Erbgut der Ferkel ist also nur der Anfang, die Xenotransplantation als funktionierende Therapie heute klinisch noch undenkbar.

Die Nachfrage nach Spenderorganen ist hoch

Vielleicht geben Perv-freie Organe der Forschung aber einen neuen Schub. Dafür sind die Möglichkeiten, die derzeit lediglich pure Fantasie sind, zu verlockend. Nicht nur viele Mediziner dürften sich freuen, sollte es künftig tierische Spenderorgane geben. In den USA etwa stehen fast 117.000 Menschen auf Wartelisten unter anderem für eine rettende Niere, ein neues Herz oder einen Lungenflügel. In Deutschland hoffen derzeit mehr als 10.000 Menschen. Viele Patienten sterben ohne jemals ein Organ verpflanzt bekommen zu haben. 2016 transplantierten Ärzte 3.708 Organe in Deutschland, mehr als 80 Prozent davon stammten von 857 verstorbenen Spendern (DSO: Jahresbericht 2016). Nur 647 Organe kamen von lebenden Menschen, die etwa eine Niere oder Teile ihrer Leber spendeten. Zudem stagniert die Zahl der Organspenden seit Jahren. Die Nachfrage nach lebensrettenden Transplantationen ist hoch.