Egal, was Sie dieser Tage lesen: Das Schädlichste am Bier bleibt der Alkohol. Aber blicken wir noch einmal zurück ins vergangene Jahr: Da hatte eine Mitteilung des Umweltinstituts München Biertrinker verunsichert: Rückstände des womöglich krebserregenden Pflanzenschutzmittels Glyphosat seien in 14 Biersorten entdeckt worden, in Mengen teils weit über dem erlaubten Grenzwert für Trinkwasser. Und das in allen 14 untersuchten Stichproben der beliebtesten Biersorten. Klar, dass bei vielen der Eindruck entstand: Wer das trinkt, könne davon Krebs bekommen. Das war damals so irreführend wie heute. 

Die Meldung kam medienwirksam im Februar, am selben Tag, an dem der Bundestag über die Frage zu entscheiden hatte, ob Deutschland zustimmen soll, dass die EU die Neuzulassung von Glyphosat verlängert. Dafür gab es keine Mehrheit. Glyphosat ist vorerst weiter zugelassen. Nun meldet sich das Münchner Umweltinstitut erneut mit einer Auswertung von Bierstichproben (den gesamten Report finden Sie hier). Diesmal mit der guten Nachricht: "Weniger Glyphosat in Bier." Das klingt beruhigend für jeden, der Sorge hatte, es sei bedenklich vergiftet gewesen. Nur ist es eben nicht so einfach.

Keine Überraschung: Glyphosat ist überall drin

Denn damals wie heute ist der Fund weder ein Skandal noch eine Überraschung. Seit Jahrzehnten werden Pflanzenschutzmittel, die Glyphosat enthalten, auf Feldern versprüht. In ganz Europa und eben auch in Deutschland. Das Mittel vernichtet Unkraut, wo Getreide wachsen soll und wird selten auch kurz vor der Ernte angewendet, um die Reifung zu beschleunigen (siehe Kasten). Überall in der Umwelt sind Rückstände davon zu finden: auch in Lebensmitteln wie Brot, Haferflocken, Mehl – und eben nun wieder in Bier. Was das Münchner Umweltinstitut vermeldet, ist also keine Überraschung. "Glyphosatrückstände in Bier sind aus wissenschaftlicher Sicht plausibel und grundsätzlich erwartbar", schrieb dazu auch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Ende Juli meldete die New York Times, dass Rückstände auch in amerikanischem Ben&Jerry's-Eis gefunden wurden.

Es gibt keine Studie zum Bier – nur Stichproben

Im vergangenen und in diesem Jahr nannten einige Medien das, was das Umweltinstitut gemacht hatte, eine Studie. Dieser Begriff kann den Eindruck erwecken, unabhängige Wissenschaftler hätten repräsentativ und im großen Stil Bier auf Glyphosat untersucht und das Ergebnis in einem renommierten Fachjournal veröffentlicht. Das ist nicht der Fall. Das Umweltinstitut München ist ein Verein, der sich gegen Atomkraft, für gentechnikfreies Essen, für eine nachhaltige Energiewende und für den ökologischen Landbau einsetzt. Er wurde 1986 nach dem Atomunfall von Tschernobyl gegründet. Dieser Verein hat nun – wie schon 2016 – Testkäufe in verschiedenen Supermärkten und an Kiosken in München, Berlin und Hamburg gemacht und diese in einem Labor auf Glyphosatrückstände untersuchen lassen. Die Aktion dient, wie ein Pressesprecher gegenüber ZEIT ONLINE bestätigte, auch dazu, die Ziele des Vereins voranzutreiben. Der macht sich generell gegen Pestizide, Herbizide und für eine ökologische Landwirtschaft stark.

Auch wenn hier keine unabhängige Forschung betrieben wurde: Zweifel an der Glaubwürdigkeit der gemessenen Werte im Bier muss man nicht haben: Schon im vergangenen Jahr hatten unabhängige Institute nach der ersten Glyphosat-im-Bier-Meldung ähnliche Werte in Stichproben gemessen. Nur sind all das eben keine repräsentativen, großangelegten, wissenschaftlichen Studien.

14 Biere, je fünf Flaschen – in allen Glyphosat

Gekauft wurden für den erneuten Test jeweils fünf Flaschen der 14 beliebtesten Biersorten in Deutschland. Anders als im vergangenen Jahr schickte das Umweltinstitut diesmal Mischproben zur Analyse ein – also zusammengeschüttet aus den fünf Flaschen der jeweiligen Marke. Diesmal veröffentlichten sie nur den Durchschnittswert der Belastung für jede Sorte.

Das Ergebnis: Wieder wurden in allen Proben Rückstände nachgewiesen. Die Werte für die Sorten lagen zwischen 0,3 und 5,1 Mikrogramm pro Liter und überschritten damit den zugelassenen Höchstwert für Glyphosat im Trinkwasser von 0,1 Mikrogramm pro Liter.

Der höchste 2016 im Auftrag des Umweltinstituts gemessene Wert in einer einzelnen Flasche lag bei 29,7 Mikrogramm pro Liter und damit fast 300-fach über dem Trinkwassergrenzwert. Bei den Testkäufen in diesem Jahr wurden keine solchen Höchstwerte ermittelt, sondern nur der Durchschnitt: Deshalb lässt sich auch nicht nachvollziehen, ob das Bier in einer bestimmten Flasche diesmal besonders oder gar nicht belastet war.

Hersteller müssen das Bier deshalb aber weder zurückrufen noch anderweitig reagieren – denn für Bier gelten keine Grenzwerte wie für Trinkwasser. Nach Einschätzung zuständiger Behörden sind die gefundenen Rückstände nicht gesundheitsschädlich.

Dennoch scheinen Brauereien zunehmend darauf zu achten, seitdem Herbizide in Bier zum Thema wurde. Die geringeren Werte in diesem Jahr sprächen dafür, "dass einige Brauereien auf den öffentlichen Druck durch unsere Veröffentlichung im letzten Jahr reagiert und Maßnahmen ergriffen haben", schreibt das Umweltinstitut München. Schon vor deren Kampagne hatten Brauereien regelmäßig eigene Stichproben auf Rückstände verschiedener Stoffe analysieren lassen. Dass das Glyphosat aus dem Brauwasser stammt, halten Experten für sehr unwahrscheinlich. Auch Braugerste darf hierzulande nicht damit behandelt werden. Brauereien verweisen aus Importe von Getreide aus dem Ausland: Über sie könnten gewisse Mengen an Rückständen ins Bier gelangt sein.

Dem Umweltinstitut jedenfalls reicht es nicht, dass die eigens gemessenen Werte diesmal niedriger waren. Es will, dass Glyphosat komplett, dauerhaft und europaweit verboten wird – denn solange es in der Umwelt vorhanden sei, könne man auch kein völlig glyphosatfreies Bier brauen. Es ließe sich auch keine Untergrenze festlegen, bis zu der die Aufnahme unbedenklich sei. Dem BfR wirft der Verein eine Verharmlosung der Risiken vor. Dabei geht das Umweltinstitut davon aus, dass Glyphosat wahrscheinlich krebserregend ist. Wobei das immer noch nicht feststeht.

Ist Glyphosat nun krebserregend?

Grob zusammengefasst: Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) der WHO sagt "wahrscheinlich ja", das BfR, die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) und die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) sagen: "wahrscheinlich nicht". Das Bundesamt hatte nach Kritik an seinem Prüfverfahren ein zweites Gutachten erstellt, mit demselben Ergebnis. Eine Pattsituation.