142 Amerikaner sterben jeden Tag an einer Überdosis Opioide wie Oxycodon, Fentanyl oder Heroin. Die Opioid-Krise in den USA ist zu einer beispiellosen Epidemie herangewachsen. Allein 2015 töteten vor allem Schmerzmittel 59.000 Amerikaner, insgesamt dürften in den vergangenen bis zu 15 Jahren 300.000 Menschen verstorben sein. Viele junge Menschen können zudem nicht mehr arbeiten, weil sie abhängig sind. Der wirtschaftliche Schaden soll bei fast 80 Milliarden US-Dollar pro Jahr liegen (Medical Care: Florence et al, 2016). Und selbst an der sinkenden Lebenserwartung weißer Amerikaner könnte die Opioid-Krise eine Mitschuld haben (Case & Deaton, 2017).

Eine Sonderkommission, die US-Präsident Donald Trump ins Leben gerufen hatte, empfahl ihm nun eindringlich, Schritte zu ergreifen. Nun hat er den natiuonalen Notstand ausgerufen. Den Bundesstaaten stehen damit zusätzliche Mittel aus dem Staatshaushalt zur Verfügung, um die Opioidsucht endlich unter Kontrolle zu bringen. Aber was genau bedeutet so ein Notstand? Welche Maßnahmen werden umgesetzt und werden sie Wirkung zeigen?

Die Opioid-Krise ist nicht neu. Begonnen hat sie schon vor knapp 20 Jahren, als Pharma-Unternehmen merkten, dass sie mit Opioiden eine Menge Geld verdienen können. Insbesondere das Schmerzmittel Oxycodon kurbelte den Missbrauch von Medikamenten mit diesen Substanzen an. Wer das Opioid Oxycodon schluckt, in dessen Blut gelangt der Stoff langsam und kontinuierlich. Wer das Mittel aber zerstößt und schnupft, bekommt einen Kick wie von einer Heroinspritze. Studien zeigen, dass drei von vier Heroinabhängigen, die nach 2000 süchtig geworden sind, mit verschriebenen Opioiden angefangen haben (JAMA: Cicero et al, 2014).

Falsche Versprechen und ein Milliardengeschäft

Oxycodon, als Oxycontin von der Firma Purdue 1995 auf den Markt gebracht, hatte schon 2002 einen Umsatz von 1,5 Milliarden Dollar – inzwischen sind es mehr als 3 Milliarden. Die Sackler-Familie, der das Unternehmen gehört, das einst Ohrenschmalzentferner und Abführmittel verkaufte, gehört laut Magazin Forbes inzwischen zu den reichsten Familien der USA.

Purdue und andere Firmen erschlossen den Schmerzmittelmarkt, indem sie offensichtlich falsche Versprechungen machten: Sie spielten die Risiken der Medikamente herunter und übertrieben ihre Wirksamkeit. Schon 2007 musste Purdue deshalb mehr als 600 Millionen US-Dollar Strafe zahlen. Zwar änderte das Unternehmen daraufhin die Darreichungsform des Mittels, aber weitere Firmen drängten mit anderen Mitteln und ähnlich gefährlichem Marketing auf den Markt. Auch die Firma Jansen musste inzwischen Strafe zahlen, weitere Verfahren, in denen die Bundesstaaten Mississippi, Ohio, Oklahoma, Missouri and New Hampshire klagen, werden derzeit verhandelt.

Diese interaktive Präsentation kann mit Ihrem Browser nicht dargestellt werden.
Lesen Sie die Übersicht zum Drogen im Check – ein Glossar in einer optimierten Fassung.

Trump folgt mit dem nationalen Notstand nun einer Reihe von Bundesstaaten, die ebenfalls Notstände ausgerufen hatten. Noch ist aber unklar, welches Gesetz dem Notstand zugrunde liegen wird: Das könnte einerseits der Stafford Act sein, der meist dann angewendet wird, wenn in einer Region aufgrund einer Naturkatastrophe, wie dem Hurricane Sandy 2012, sehr kurzfristig sehr viel Geld benötigt wird. Mit diesem Geld könnte zum Beispiel die Polizei aufgestockt werden. Andererseits könnte ein Notstand auch unter dem Public Health Service Act ausgerufen werden, bei dem mehr Mittel für die medizinische Versorgung locker gemacht werden. Damit könnten etwa Ärzte in der Suchttherapie weitergebildet werden, insbesondere in einer Kombinationstherapie aus Psychotherapie und Substitutions-Therapie mit Methadon, die vielen Süchtigen hilft.

Suchtprogramme, Aufklärung und mehr Polizei

Welches dieser Vorgehen die Kommission bevorzugt, schreibt sie nicht. Und auch Trump hat dazu noch keine Angaben gemacht. Die Kommission schlägt aber zumindest einige konkrete Schritte vor: Sie plädiert dafür, die Medicaid-Hilfen flexibler zu machen. Medicaid ist die Krankenversicherung für einkommensschwache Amerikaner, die unter Obamacare stark ausgeweitet wurde. Sie ist allerdings sehr bürokratisch. Eine Lockerung, schreibt die Kommission, würde "tausenden Amerikanern ab sofort die Behandlung in bereits bestehenden Einrichtungen in allen 50 Staaten ermöglichen".

Die Kommission will weiterhin, dass der Staat Suchtprogramme in Krankenhäusern, Gefängnissen und Drogenberatungsstellen deutlich stärker finanziert und das Gegengift Naloxon, das Opioidabhängigen bei einer akuten Vergiftung das Leben retten kann, Ärzten und auch Polizisten einfacher zur Verfügung stellt. Auch die Verschreibungspraxis soll genauer überwacht werden. Ärzte sollen Schulungen bekommen, in denen sie über die Risiken von Opioiden aufgeklärt werden. Sie sollen lernen, in welchen Fällen diese Medikamente wirklich nötig sind und wann andere Therapien ähnlich gut helfen.

Mit weiteren Maßnahmen soll verhindert werden, dass Medikamente und Drogen überhaupt zu den Süchtigen gelangen. Die Polizei soll verstärkt werden und die Postwege besser überwacht. Denn noch immer werden viele Medikamente, vor allem Fentanyl, in Päckchen verschickt.