Manchmal braucht es drastische Bilder, um Menschen wachzurütteln. Die Kampagne Too Young To Drink setzt auf die Schockmethode: Auf ihren Plakaten sind ungeborene Babys zu sehen, an der Nabelschnur, friedlich schlafend, Beinchen und Ärmchen in Embryonalstellung nah am Körper. Nur schwimmen sie nicht im Fruchtwasser einer Gebärmutter, sondern in Flaschen voller Sekt, Bier, Whiskey, Wodka. Daneben der Hinweis: "Alkohol in der Schwangerschaft kann dem ungeborenen Kind lebenslange Schäden zufügen."

Die Kampagne mahnt seit 2014 werdende Mütter davor, in der Schwangerschaft zu trinken. Und zwar kein bisschen. Schon wenig Alkohol könne dem Fötus im Mutterleib schaden – an den Folgen leide der Mensch dann ein Leben lang. Ist das wirklich wahr?

Eine Studie verunsichert Schwangere

Kürzlich erschien eine Überblickstudie von Wissenschaftlern der Uni Bristol (BMJ Open: Mamluk et al., 2017), die werdende Mütter verunsichern dürfte. Sie scheint an der 0,0-Promille-Empfehlung zu rütteln. Doch das täuscht. So schrieb der britische Guardian, die Forscher hätten kaum Belege dafür gefunden, dass es schädlich sei, in der Schwangerschaft gelegentlich zu trinken. Und das stimmt auch: Die Forscher hatten 24 Studien analysiert, doch in keiner davon war es Neugeborenen, deren Mütter in der Schwangerschaft mal ab und zu ein Bier, einen Wein oder Sekt getrunken hatten, körperlich auffällig schlechter gegangen als denen abstinenter Mütter. Mögliche geistige Schäden ließen sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht feststellen. Unter wenig Alkohol verstanden die Forscher hierbei bis zu 32 Gramm pro Woche. So viel ist in rund 364 Millilitern elfprozentigem Wein enthalten. Um wöchentlich unter dieser Menge zu bleiben, wäre an drei Tagen der Woche ein kleines Glas erlaubt.

"Nicht nachgewiesen" heißt nicht "harmlos"

Für Schwangere, die es mit dem Alkohol nicht so genau nehmen, mag das erleichternd klingen. Aber Vorsicht – hier droht ein Trugschluss. Nur weil etwas nicht durch Studien belegt ist, kann es trotzdem wahr sein. Deshalb warnen Ärzte weiterhin auch vor geringen Mengen Alkohol in der Schwangerschaft und Stillzeit. Sie kritisieren, dass die Folgen mäßigen Trinkens kaum erforscht seien: Die Studienlage sei schlecht, schreiben auch die Autoren der aktuellen Übersichtsstudie. Bis man es nicht besser wisse, sollten Schwangere absolut kein Risiko eingehen. Und vieles spricht eher für ein Risiko fürs Baby.

Was man nämlich heute schon sicher weiß: Das ungeborene Kind trinkt bei jedem Glas mit. Alkohol wandert ungebremst durch die Plazenta in den jungen Körper. Das Problem bei wissenschaftlichen Untersuchungen, die das Risiko in Relation zur Menge an Alkohol setzen, ist nur: Während Schäden durch starken Alkoholkonsum relativ gut erfasst werden können, sind solche durch leichteres Trinken schwer feststellbar.

Wir können nicht ausschließen, dass es trotzdem zu kognitiven Schäden kommen kann, die sich beispielsweise erst im Schulalter zeigen.
Hans-Ludwig Spohr, Arzt für alkoholgeschädigte Kinder

Schwerer Alkoholkonsum in der Schwangerschaft zeige sich schon früh, etwa weil die Neugeborenen besonders klein sind und veränderte Gesichtszüge aufweisen, sagt der Kinderarzt und Neuropädiater Hans-Ludwig Spohr. Er leitet an der Berliner Charité ein Diagnosezentrum für Patienten, die als alkoholgeschädigte Babys zur Welt gekommen sind. Er hat mehr als 40 Jahre Erfahrung mit solchen Kindern. "An Babys, die im Mutterleib geringen Alkoholmengen ausgesetzt waren, lassen sich direkt nach der Geburt aber keine offensichtlichen Schäden feststellen", sagt Spohr. "Aber wir können nicht ausschließen, dass es trotzdem zu kognitiven Schäden kommt, die sich erst im Schulalter zeigen", etwa Lernschwierigkeiten, Konzentrationsstörungen, Unruhe und aggressives Verhalten. "Ärzte können dann aber oft kaum noch feststellen, ob Alkohol im Mutterleib der Grund dafür ist", sagt Spohr. Deshalb sei die Studienlage so miserabel.

Auffällige Patienten, die zu Spohr ins Diagnosezentrum kommen, untersucht der Spezialist auf Fetale Alkoholspektrum-Störungen (FASD). Jedes Jahr kommen in Deutschland schätzungsweise 3.000 bis 4.000 Kinder mit mehr oder minder ausgeprägten Formen zur Welt. Dies wäre zu 100 Prozent vermeidbar, würden Frauen in der Schwangerschaft nicht trinken. 

Experten fürchten, dass viele Kinder mit so einer Behinderung gar nicht erfasst werden, und gehen von bis zu 7.500 betroffenen Neugeborenen jährlich aus. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) spricht von 10.000 Kindern, die bei ihrer Geburt alkoholgeschädigt sind.

Unruhig, reizbar, aggressiv

Zu erkennbaren Schäden kommt es schon, wenn Schwangere etwa 120 Gramm Alkohol pro Woche trinken (International Journal of Epidemiology: Ogston & Parry, 1992). Das entspricht einem Glas Wein pro Tag. Die Folgen begleiten die Kinder ein Leben lang.

Schon als Säuglinge weisen sie Regulationsstörungen auf. Sie lassen sich von ihren Eltern nur schwer beruhigen, wenn sie schreien, schlafen und essen schlecht. Im Kleinkindalter zeigen sich ADHS-Symptome, wie Unruhe oder leichte Reizbarkeit. Der soziale Kontakt fällt ihnen bereits schwer. Als Jugendliche sind diese Kinder überdurchschnittlich häufig aggressiv bis gewalttätig oder depressiv. Einfache Sachzusammenhänge erschließen sich ihnen nicht. Sie können sich Worte nicht merken und vergessen immer wieder das Einmaleins. Es kann ihnen schwer fallen, Bindungen einzugehen, worunter sie leiden. Noch als Erwachsene können sich die meisten nicht selbst versorgen und brauchen lebenslange Betreuung.