Die Zahl der Arbeitsausfälle wegen psychischer Probleme ist in den vergangenen zehn Jahren überproportional stark gestiegen. Das geht aus dem Fehlzeiten-Report des Wissenschaftlichen Instituts (WIdO) der Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) hervor. Für die Studie wurden Krankschreibungen von 12,5 Millionen erwerbstätigen AOK-Mitgliedern ausgewertet.

Kritische Lebensereignisse, so heißt es in dem Report, könnten die Gesundheit belasten und damit die Arbeit beeinflussen. So berichteten 58,7 Prozent von körperlichen und 79 Prozent von psychischen Problemen infolge von Lebenskrisen. Eine solche Krise könne beispielsweise ausgelöst werden durch eine eigene Erkrankung oder den Tod des Partners, es gebe aber auch Unternehmenskrisen oder Teamkrisen, die unmittelbar auf den Beschäftigten einwirkten.

In der Folge fühlten sich mehr als die Hälfte (53,4 Prozent) der Befragten in ihrer Leistungsfähigkeit eingeschränkt. Knapp die Hälfte (48,8 Prozent) ging demnach trotzdem zur Arbeit. Mehr als ein Drittel (37,3 Prozent) fühlte sich aufgrund eines solchen Ereignisses unzufrieden mit der Arbeit oder meldete sich häufiger krank (34,1 Prozent).  

Eine psychische Erkrankung ging im Schnitt mit einer Fehlzeit von 25,7 Arbeitstagen einher. Gerechnet auf alle Erkrankungsarten – inklusive der psychischen – fehlten die Erwerbstätigen durchschnittlich 11,7 Tage pro Krankheitsfall. Insgesamt lag die Zahl der Fehltage 2016 bei 19,4 – damit blieb der Krankenstand auf 5,3 Prozent stabil. Nicht einbezogen wurden in die Berechnung Fehltage ohne eine ärztliche Bescheinigung.

Tod, Mobbing, Trennung – Gründe für Lebenskrisen

Zusätzlich zu den Daten, die aus den Krankschreibungen gewonnen wurden, veröffentlichte die AOK das Ergebnis einer repräsentativen Befragung von 2.000 Beschäftigten im Alter von 16 bis 65 Jahren. Mehr als die Hälfte (52 Prozent) der im Januar und Februar 2016 Befragten gab an, innerhalb der vergangenen fünf Jahre von einem kritischen Lebensereignis betroffen gewesen zu sein. Der am häufigsten genannte Punkt war die Erkrankung Angehöriger, weitere Gründe für eine Krise waren Konflikte im privaten Umfeld, eine Trennung, der Tod eines Familienangehörigen oder Mobbing und Streit am Arbeitsplatz. Von den Befragten unter 30 gaben knapp 38 Prozent an, eine Krise erlebt zu haben, von den 50- bis 65-Jährigen erlitten beinahe 65 Prozent ein persönliche Krise.

Die genannten kritischen Ereignisse wiederum wirkten sich der Erhebung der AOK zufolge auf den Arbeitsalltag aus: 59 Prozent derjenigen, die nach eigenen Angaben eine Krise erlebt hatten, nannten körperliche Probleme als Folge der Krise, fast 80 Prozent hatten psychische Probleme. Etwas mehr als die Hälfte der von einer Krise Betroffenen fühlte sich in ihrer Leistungsfähigkeit eingeschränkt, 49 Prozent erklärten, trotz Krise zur Arbeit gegangen zu sein.    

Unterstützung ist ausschlaggebend

Der stellvertretende Geschäftsführer des WIdO, Helmut Schröder, sagte, wegen des steigenden Fachkräftemangels sei es gerade für die Unternehmen wichtig, gesunde und leistungsfähige Mitarbeiter an sich zu binden. Kritische Ereignisse im Leben der Beschäftigten könnten als eine Art Stresstest für die Stabilität der Beziehung zwischen Unternehmen und Mitarbeitern funktionieren, sagte Schröder weiter. Unterstützung sei entscheidend, denn der herrschende "Präsentismus" könne unvorhersehbare Folgen haben. Den Unternehmen riet Schröder zur verstärkten betrieblichen Unterstützung, denn durch den demografischen Wandel auf dem Arbeitsmarkt sei eine älter werdende Belegschaft auch häufiger von kritischen Lebensereignissen betroffen.

Von den Befragten, die eine Krise durchlebt hatten, gaben 42 Prozent an, Verständnis und Rücksichtnahme erfahren zu haben, zwölf Prozent wurde unbezahlter Urlaub genehmigt oder professionelle Hilfe vermittelt. Knapp jeder Fünfte gab an, von Seiten des Betriebs in keiner Weise Unterstützung erfahren zu haben.