Im Krieg werden Menschen eingesperrt, bedroht, gekidnappt, gefoltert und ermordet. Die Realität bewaffneter Konflikte ist immer grausam, doch Ärzte und medizinisches Personal stehen unter besonderem Schutz des Völkerrechts. Sie bleiben verschont, um Leben zu retten. Zumindest sollte das so sein. "In den Neunzigern hatte ich noch den Eindruck, dass Kämpfer mich respektieren", erzählt der Kriegschirurg Marco Baldan vom Internationalen Roten Kreuz. "Natürlich hätte mich auch damals schon ein Querschläger oder eine Landmine umbringen können. Aber ich hatte den Eindruck, niemand würde mich als Arzt vorsätzlich angreifen." Seit 20 Jahren arbeitet Baldan in verschiedenen Kriegsgebieten dieser Welt. Jahre, die ihn dieser Gewissheit beraubt haben.

2013 war Baldan in der Provinz Abyan im Süden des Jemen stationiert. "Es gehörte zur Regel, dass in der Notaufnahme Kämpfer auftauchten und die jungen Ärzte, Medizinerinnen, Krankenpfleger und Schwestern mit gezogener Waffe zwingen wollten, die eigenen Kämpfer bevorzugt zu behandeln." Baldan hat auch gesehen, wie andere Ärzte während des Dienstes erschossen worden oder vor Pistolenschüssen fliehend aus dem Fenster sprangen.

Gewalt gegen Ärzte wird im Jemen, in Afghanistan und vor allem in Syrien längst zur Kriegsstrategie. Das Kalkül ist simpel: Der Gegenseite medizinische Hilfe zu entziehen, soll helfen, als Sieger vom Schlachtfeld zu gehen. Dabei nehmen Konfliktparteien den Tod Hunderttausender Zivilisten billigend in Kauf. Seit 2011 starben mindestens 800 Ärzte, Pfleger und Sanitäter in Syrien, schätzen die Autoren eines aktuellen Berichts im Magazin Lancet (Fouad et al, 2017; pdf). Das Land ist damit für Ärzte zum gefährlichsten Ort der Welt geworden.

Vergangenes Jahr verurteilte der UN-Sicherheitsrat die Angriffe auf Krankenhäuser in Syrien, das Rote Kreuz startete eine Kampagne mit dem Slogan "Health care in Danger" und Ärzte ohne Grenzen eine mit dem Namen "Medical care under Fire". Organisationen, Wissenschaftler und Menschenrechtler machen sich große Sorgen. Sie befürchten, dass Gewalt gegen Ärzte, Schwestern und Sanitäter weltweit zur Regel werden könnte. Und sie fordern: zuverlässige Statistiken, mehr Aufmerksamkeit und vor allem, dass Täter endlich bestraft werden.

Die Angriffe werden immer systematischer

"Angriffe auf Ärzte und Gesundheitspersonal waren historisch betrachtet Bestandteil der meisten bewaffneten Konflikte", sagt Homer Venters, Programmdirektor der amerikanischen Organisation Physicians for Human Rights. "Aber was wir in Syrien und im Jemen sehen, hat eine neue Dimension. Die Angriffe werden immer systematischer." 25 Mal sei beispielsweise die Al-Rastan-Klinik in Homs seit 2012 von syrischen Regierungstruppen angegriffen wurden, mindestens 19 Mal ein unterirdisch gelegenes Krankenhaus in Aleppo, heißt es im Lancet-Bericht (pdf). Von Zufall kann da keine Rede mehr sein. Ein weiteres von unzähligen Beispielen: Im Dezember 2015 beschädigten Luftangriffe der Koalition von Saudis und US-Amerikanern ein Krankenhaus in Taiz im Jemen, das Ärzte ohne Grenzen (MSF) betrieben hatte. MSF veröffentlichte danach ein Protokoll der Funksprüche, die es mit der saudischen Regierung ausgetauscht hatte: Immer wieder funkte MSF die Regierungsstelle teils verzweifelt an und wies darauf hin, dass die Luftangriffe näher kamen. Eine Stunde nach der letzten Nachricht schlugen Bomben in das Krankenhaus ein.

Eigentlich soll das Völkerrecht Zivilisten, und damit auch Ärzte, schützen. Vor allem die Genfer Konvention regelt, wie Kriegsparteien in Konflikten mit Unbeteiligten, Gefangenen oder Verwundeten umgehen müssen. In zusätzlichen Protokollen (pdf) ist ihr Schutz auch explizit festgeschrieben: Medizinisches Personal darf weder angegriffen noch daran gehindert werden, zu helfen. Wem er zuerst hilft, darf nur der ärztliche Ethos dem Arzt vorschreiben.

"Zunehmend herrscht das Gesetz der Waffe"

Viel zu oft aber halten sich Kriegsparteien nicht daran. "Zunehmend herrscht nur noch das Gesetz der Waffe", sagt der Chirurg Marco Baldan. "Der Jemen und Syrien bewegen sich in Richtung Anarchie." Ärzte werden eingeschüchtert, ihre Familien bedroht, sie werden an militärischen Checkpoints aufgehalten, obwohl sie im Krankenhaus dringend gebraucht werden. Oder sie werden entführt, um Lösegeld zu erpressen, gefoltert oder gar getötet. 2012 erließ die syrische Regierung ein Gesetz, dass es Ärzten untersagt, Verwundete zu versorgen, die bei Oppositionsmärschen verletzt worden waren. Ein Gesetz, das natürlich nicht mit dem Völkerrecht vereinbar ist.

Die Folgen dieser Übergriffe sind gewollt. Und sie sind verheerend. Denn wo Ärzte getötet oder von ihrer Arbeit abgehalten werden, leidet die ganze Zivilbevölkerung. Das beste Beispiel ist der Cholera-Ausbruch im Jemen. Ungefähr 750.000 Menschen haben sich nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation inzwischen mit dem Durchfallkeim angesteckt – vor allem durch das Trinken schmutzigen Wassers. Mehr als 2.000 sind bereits gestorben. "Eigentlich wissen die Ärzte gut, wie sie mit Cholera umgehen müssen", sagt Homer Venters, denn der Erreger ist im Jemen bekannt. "Aber das hilft nicht, denn die meisten Krankenhäuser funktionieren inzwischen nicht mehr und Ärzte werden von Militärs nicht in die Regionen vorgelassen, in denen die Cholera ungehindert wütet." Dazu kommt noch, dass die Saudis den Provinzen, in denen ihre Feinde, die Huthi-Rebellen, an der Macht sind, den Ölhahn abgedreht haben. Die Folge: Die mit Benzin betriebenen Wasserpumpen und Filter fielen reihenweise aus.