Alle 74 Sekunden ging durchschnittlich im vergangenen Jahr eine Lärmbeschwerde bei der Stadt New York ein. Protokolliert hat das der Beschwerdeservice der Stadt, erreichbar online oder unter der Nummer 311. Dort melden sich Bürger, um etwa auf falsch geparkte Autos in ihrer Einfahrt oder Drogenhandel in ihrer Nachbarschaft hinzuweisen, meistens beklagen sie sich aber über Krach.

Davon gibt es viel in New York. Die Stadt gilt als eine der lautesten der Welt. So ist es kein Wunder, dass in 2016 stolze 423.906 Lärmbeschwerden unter der 311 abgegeben wurden, ungefähr doppelt so viele wie 2011. "Lärm ist noch immer Lebensqualitätsproblem Nummer eins in New York City", sagte Costa Constantinides, ein Mitglied des Stadtrates, Ende September in einer Sitzung zum Thema Lärm.

Partys, laute Musik und Baulärm stören besonders

Die meisten beklagen sich über Partys oder laute Musik sowie Baulärm außerhalb der erlaubten Zeiten. Dabei hat New York schon eines der fortschrittlichsten Lärmgesetze der USA. Doch nur 62 städtische Inspektoren kümmern sich um die Beschwerden, indem sie vor Ort den Lärmpegel messen. Im Durchschnitt dauere es nach Meldung fünf Tage, hieß es in der Sitzung des Stadtrates vom September. Oft sei die Lärmquelle dann schon lange verschwunden. Einige Verstöße gegen das Lärmgesetz bleiben so ungeahndet.

"Die Stadt ist überfordert", sagt Juan Pablo Bello von der New York University, was aber angesichts so begrenzter Ressourcen auch kein Wunder sei. Er will helfen. Deshalb verteilt Bello mit Forscherkollegen seit einem Jahr in der Stadt Mikrofone, die den Lärm kontinuierlich erfassen sollen.

Die National Science Foundation gab den Forschern 4,6 Millionen Dollar für das auf fünf Jahre angelegte Sounds-Of-New-York-City-Projekt (SONYC). Fast 50 der weniger als 100 Dollar teuren Geräte sind bereits installiert. Die Wissenschaftler montieren sie an die Außenwände von Gebäuden, bisher vor allem in Manhattan und Brooklyn. 100 sollen es am Ende des Jahres sein, idealerweise dann auch in den übrigen Stadtteilen wie Queens und der Bronx, sagt Bellos Kollege Justin Salamon. 

Das Ziel: Ein Lärm-Live-Feed

Um keine Privatgespräche abzuhören, hängen die Sensoren auf Höhe des zweiten Stocks und nehmen nie länger als zehn Sekunden am Stück auf. Die Aufzeichnungen dienen dazu, einem künstlichen neuronalen Netz beizubringen, zehn Lärmquellen automatisch zu erkennen. Darunter sind Arten von Lärm, über die sich New Yorks Bürger besonders häufig beschweren: Musik, Presslufthämmer, Elektrobohrer, Hundegebell, Autohupen oder Sirenengeheul. Aber auch weniger häufige Geräusche wie die spielender Kinder oder Pistolenschüsse soll das System erkennen lernen. Mehr Arten von Krach von Baustellen oder aus dem Verkehr sollen bald hinzukommen, sagt Salamon. Ist das Training beendet, wird das SONYC-System statt der Tonaufnahmen nur noch einen Live-Feed des Lärmpegels und der Art der Lärmquelle durchgeben.

Die Klangerkennung funktioniert bereits. Wenn Salamon in seinem Brooklyner Büro einen Elektrobohrer anschaltet und neben die Mikros hält, dauert es vier Sekunden. Dann erscheint auf seinem Laptop ein blauer Balken und das Wort "drilling" – bohren. Auch die Anzeige des Lärmpegels reagiert mit nur wenigen Sekunden Verzögerung auf lautes Klatschen.