Keine Demonstrationen. Keine Kundgebungen. Es herrscht Versammlungsverbot in Madagaskars Hauptstadt Antananarivo. Denn überall, wo viele Menschen sind, lauert die Pest. Regierungschef Olivier Mahafaly Solonandrasana hatte das am Samstag angeordnet. Da waren bereits 24 Menschen in dem Inselstaat vor der Küste Mosambiks an der Seuche gestorben. 131 Madegassen sind bisher nachweislich infiziert.

Jetzt soll also ein Notfallplan helfen, zu dem auch strengere Sicherheitsvorkehrungen an Flughäfen und Sammelplätzen für Taxis und Busse zählen. Seit August wütet der Erreger – das Bakterium Yersinia pestis – in dem bitterarmen Land. Wieder einmal.

Während es in Europa seit dem 18. Jahrhundert keine Pestepidemien mehr gab, ist Madagaskar Ausbrüche gewöhnt. Seit Jahren erkranken dort regelmäßig Menschen. Auf den Inselstaat vermutlich erst im späten 19. Jahrhundert eingeschleppt, wurde der Erreger 1920 dort zur Bedrohung. Seit 1980 bricht die Pest in einigen Landesteilen immer wieder aus, meist zur Regenzeit zwischen Herbst und Frühjahr. Der letzte größere Ausbruch zwischen 2014 und 2015 tötete 79 Menschen von 335 Erkrankten. Ein zweiter Ausbruch im Jahr 2015 machte 14 Menschen krank, von denen zehn starben. Im Jahr 2016 infizierten sich 124 Madegassen: 52 überlebten nicht.

Die Seuche erfasst neue Gebiete

Die aktuelle Epidemie begann mit dem Tod eines 31-Jährigen im Bezirk Ankazobe. Der liegt im zentralen Hochland Madagaskars und ist bekannt für lokale Pestausbrüche. Die Gesundheitsbehörde des Landes handelte routiniert: Umgebung beobachten, diejenigen aufspüren und überwachen, die mit dem Toten Kontakt hatten. Trotzdem breitete sich der Erreger aus. Die Weltgesundheitsorganisation WHO schreibt in einem Bericht, dass bis zum 30. September bereits zehn Städte Fälle von Lungenpest gemeldet hatten. Die Hauptstadt Antananarivo mit ihren Vororten war mit am stärksten betroffen. Zunehmend tritt die Pest auf Madagaskar auch an Orten auf, die bisher nicht als Risikogebiet galten.

In diesem Jahr überschattete die Seuche eine Basketballmeisterschaft, wie sie die Inselstaaten im Indischen Ozean regelmäßig austragen. Ein Sportler von den Seychellen, der für das Turnier mit seinem Team nach Madagaskar angereist war, starb am 27. September in einem Krankenhaus an der Lungenpest.

Von den 131 bislang Infizierten bekamen 73 diese besonders aggressive Form, die anderen 58 zeigten Symptome der Beulenpest. Übertragen wird die Pest durch Flohstiche oder andere Insekten. Die Bakterien schlummern im Blut von Nagern, vor allem Ratten, aber auch anderen Säugetieren, wie Hunden, Mäusen oder Katzen.

Beißt ein Floh erst ein infiziertes Tier und anschließend einen Menschen, kann Yersinia pestis über den Biss in den Körper gelangen, sich über die Lymphbahnen ausbreiten und sich in den Lymphknoten vermehren. Anfangs macht sich die Infektion nach einer Inkubationszeit von drei bis sieben Tagen durch grippeähnliche Symptome bemerkbar: Fieber, Schüttelfrost, Schwäche, Kopf- und Gliederschmerzen, Übelkeit und Schwindel. Bald darauf entzünden sich die Lymphknoten, schmerzen und schwellen an. Durch innere Blutungen färben sich die Beulen häufig dunkelblau bis schwarz. Dieses Symptom gab der Seuche im Mittelalter ihren Beinamen Schwarzer Tod. In diesem Stadium ist die Erkrankung nicht direkt von Mensch zu Mensch übertragbar. Das ändert sich jedoch, sobald der Erreger auf die Lunge übergeht.