Gentherapie - Geheilt durch Hauttransplantation Mediziner aus Bochum und Modena in Italien haben ein Kind von einer ererbten Hauterkrankung geheilt. Sie konnten 80 Prozent der Epidermis mit gentherapierten Hautstücken rekonstruieren. © Foto: Reuters TV

Sie heißen Schmetterlingskinder und ihre Krankheit ist selten, aber grausam. Wer an Epidermolysis bullosa leidet, hat extrem empfindliche Haut, zerbrechlich wie die Flügel eines Schmetterlings. Kleinste Verletzungen führen zu Blasen. Daraus können sich je nach Schwere der Krankheit Geschwüre, chronische und kaum behandelbare Wunden, Infektionen und sogar Tumore entwickeln. Es gibt zehn verschiedene Subtypen, die mal milder, mal schwerer verlaufen, und keine Heilung. In manchen Fällen führt die Krankheit zum Tod. Sie sitzt in den Genen, ist schon da, wenn die Kinder zur Welt kommen. Ansteckend ist sie nicht.

Forschern der Ruhr-Universität Bochum ist es nun mit Kollegen aus Österreich und Italien gelungen, die Leiden eines schwer kranken Epidermolysis-bullosa-Patienten zu lindern. Mit aus Stammzellen gezüchteter Haut (Nature: Hirsch et al., 2017). Der Therapieerfolg ist noch ein Einzelfall, die Behandlung war mit nicht unerheblichen Risiken verbunden. Ob sie auch anderen Erkrankten helfen kann, ist ungewiss. Die Ergebnisse sind trotzdem beeindruckend.

Die Ärzte hatten den Eltern des Jungen die Therapie vorgeschlagen, nachdem der damals Siebenjährige im Juni 2015 mit schweren Symptomen in die Klinik gekommen war. 60 Prozent seiner Hautoberfläche war wund, von Bakterien infiziert und löste sich ab. Dadurch hatte er sehr hohes Fieber und entwickelte eine Sepsis – ein lebensbedrohlicher Zustand, im Volksmund Blutvergiftung genannt. Bald darauf waren 80 Prozent seiner Körperoberfläche von Wunden, Infektionen und Hautverlust betroffen. Der Zustand des Kindes verschlechterte sich. Den Ärzten blieb nur noch eine Palliativbehandlung oder die riskante Verpflanzung gezüchteter Haut.

Viele Operationen und ernste Risiken

Sie schnitten aus einem noch intakten Hautareal ein etwa vier Quadratzentimeter großes Stück heraus. Diese Probe behandelten sie mit einem retroviralen Vektor: Das ist ein Viruspartikel, der gezielt dazu genutzt wird, genetisches Material, also bestimmte Erbinformationen, in Zellen zu schleusen. Im Fall des Siebenjährigen brachten die Ärzte eine gesunde Version des betroffenen Gens in die Zellen ein. Anschließend züchteten sie aus der genetisch umgewandelten Probe genug gesunde Haut, um die Wunden des Jungen abzudecken. Das erforderte noch einmal mehrere Operationen.

Eine solche Gentherapie kann zu Komplikationen führen. Die Vektoren greifen das Erbgut nämlich an Stellen an, die sich vorher mitunter nicht ganz genau planen lassen. Das kann zur Folge haben, dass wichtige Erbinformationen gestört werden oder das Wachstum von Tumoren, also Krebs, gefördert wird. Um dies zunächst auszuschließen, haben die Studienautoren das Erbgut der gezüchteten Zellen genau analysiert. So fanden sie heraus, dass sich das Gen in den meisten Zellen in Erbgutteile eingebaut hatte, die nicht für die Bildung von Proteinen zuständig sind oder die nicht dafür bekannt sind, Krebs zu verursachen.

Dass es dabei bleiben könnte, lässt ein älterer Fall hoffen: Vor zwölf Jahren wurde einem bereits erwachsenen Patienten, der an derselben Krankheit litt, im Labor gezüchtete Haut transplantiert (Nature Medicine: Mavilio et al., 2006). Das Hautstück war jedoch sehr viel kleiner, als das aus dem aktuellen Fall. Der Patient von damals bekam auch Jahre nach dem Eingriff keinen Krebs, schreiben die Forscher.

Keine Therapie für alle

Ein weiteres Risiko bestand darin, dass der Körper des kranken Jungen die neue Haut als fremd hätte erkennen und abstoßen können. Auch 21 Monate nach dem Eingriff ist das nicht geschehen. In Folgeuntersuchungen stellten die Ärzte auch keine Antikörper im Blut des Jungen fest. Noch dazu funktionierte in der neuen Haut die Zellteilung: Sie erneuerte sich über den Verlauf eines jeden Monats – wie bei Gesunden auch. Zwei Jahre nach dem Eingriff bildeten sich noch immer keine neuen Blasen. Die Haut hielt Verletzungen aus und heilte normal ab. Der Junge geht inzwischen zur Schule und macht Sport, was vorher aufgrund der Verletzungsgefahr undenkbar gewesen wäre.

Unabhängige, nicht an der Studie beteiligte Forscher halten die gelungene Transplantation für einen wichtigen Schritt, derartige Krankheiten zu heilen – die Methode behebe den eigentlichen Gendefekt, also die Ursache der Erkrankung, sagte etwa Heike Walles, die den Lehrstuhl für Tissue Engineering und Regenerative Medizin am Uniklinikum Würzburg leitet. "Wachsen die transplantierten Hautplastiken stabil an, sollten damit diese Körperregionen des Patienten nicht mehr von der Krankheit betroffen sein." Nun sei interessant, was die Langzeitbeobachtung des Patienten ergebe. Forscher gehen außerdem davon aus, dass sich die Methode weiter verbessern lasse, wodurch das Krebsrisiko infolge solcher Gewebeverpflanzungen sinken werde.

Wie sich seine Haut langfristig entwickelt, muss sich zeigen. Dass sich Tumoren bilden oder Zellen andere Fehlfunktionen entwickeln, ist nicht ausgeschlossen. Noch dazu muss in weiteren Studien geprüft werden, ob sich auch andere Formen dieser Erkrankung mit diesem Verfahren behandeln lassen. Nichtsdestotrotz zeigt dieser Fall, was Ärzte dank Stammzellforschung und Gentechnik heute schon erreichen können.