Für den Arzt Heiko Jessen verbirgt sich hinter der Argumentation aber noch etwas anderes: Für die Sicherheit des privaten, sexuellen Vergnügens will selten eine staatliche Stelle bezahlen. "In Deutschland hat sich die Sexualmoral seit den Fünfzigerjahren eben kaum weiterentwickelt", sagt er. Dass Truvada nicht nur vor Ansteckung schützt, sondern noch dazu Männern hilft, die beim Einsatz von Kondomen Erektionsprobleme bekommen, ist für Krankenkassen natürlich auch kein Argument, dafür aufzukommen. "Und das ist eine große Gruppe", sagt Jessen und verweist auf eine kürzlich erschienene Studie, für die 479 Männer befragt wurden. Mehr als die Hälfte gab an, beim Sex mit Kondom Erektions- und Orgasmusprobleme zu haben (AIDS and Behavior: Sanders et al., 2014).

Aus finanzieller Sicht für das Gesundheitssystem erscheint es wenig sinnvoll, dass die Krankenkassen keine Vorbeugung bezahlen. Das rechnete ein holländischer Mediziner dieses Jahr den niedergelassenen deutschen Hausärzten vor, die HIV-Kranke versorgen (David van de Vijver, 2017 – Vortrag als pdf). Die Tabletten, die pro Patient knapp 10.000 Euro pro Jahr kosten, seien viel günstiger als die 17.000 Euro, die die Krankenkassen für die Behandlung eines HIV-Infizierten ausgeben müssen. Das deckt sich mit Studien aus den Niederlanden (The Lancet Infectious Diseases: Nichols et al., 2016) und Großbritannien (The Lancet Infectious Diseases: Cambiano et al., 2017).

Andere Geschlechtskrankheiten werden häufiger

Ein Problem könnte der zunehmende Einsatz der Pillen aber mit sich bringen: Geschlechtskrankheiten wie Syphilis, Herpes, Gonorrhö und Chlamydien könnten weiter zunehmen. Weil Safer Sex seltener wird. "HIV und seine Übertragungswege sind in der Bevölkerung sehr gut bekannt. Die Bekanntheit anderer sexuell übertragbarer Infektionen liegt deutlich niedriger", sagt Klaus Jansen von der Abteilung für Infektionsepidemiologie des Robert Koch-Instituts. Die Anzahl von Syphilis-Infektionen sei in den letzten Jahren besonders stark angestiegen, vor allem unter homo- und bisexuellen Männern. 85 Prozent der Neuinfektionen, zeigt eine Studie von Jansen, entfallen inzwischen auf diese Gruppe (Bundesundheitsblatt: Bremer, Jansen et al., 2017).

Ein Grund dafür könnte ein verändertes Risikoverhalten sein. Viele Männer, die Sex mit Männern haben, würden neuerdings gezielt nach HIV-negativen Sexpartnern suchen, um ohne Kondom mit ihnen schlafen zu können. Die Folge: die Fälle an Infektionen mit andere Geschlechtskrankheiten nimmt zu, wie eine Studie aus Frankreich zeigt (21st International AIDS Conference: Mascolini, 2016). Die Verfügbarkeit einer HIV-Prophylaxe könne zu diesem Trend beitragen. Ob das wirklich so ist, ließe sich jetzt aber noch nicht beurteilen.

Truvada-Nutzer Michael Kappel jedenfalls ist sich der Ansteckungsgefahr bewusst. Er hatte selbst schon einmal eine Gonokokken-Infektion im After. "Die hatte ich aber auch schon mal vor zwei Jahren, als ich beim Sex noch Kondome benutzt habe", sagt er. Kappel lässt sich alle drei Monate routinemäßig auf HIV und andere Geschlechtskrankheiten testen, eine Frequenz, zu der Ärzte wie Jessen auch anderen PrEP-Nutzern raten. "So reduzieren Sie das Risiko, eine mögliche Infektion weiterzugeben", erklärt Kappel.

Seit Kurzem: PrEP für 50 Euro im Monat

Er besorgt sich seine Pillen auf Grund der hohen Kosten aus dem Internet. Dort bieten indische Hersteller wie der Pharmakonzern Cipla Truvada-Verschnitte für 65 Euro an. Eine Forschergruppe aus Großbritannien fand heraus, dass die online erhältlichen Mittel genauso sicher sind wie das Originalpräparat Truvada (HIV Medicine: Wang et al., 2017).

Seit Kurzem ist das Onlineshopping für billige Generika gar nicht mehr nötig. Ein Kölner Apotheker hat mit der Pharmafirma Hexal, die seit August bereits ein kostengünstigeres Generikum vertreibt, einen weiteren Rabatt verhandelt. In mehreren Apotheken in Deutschland ist das Truvada-Nachahmerpräparat seither für 50 Euro im Monat erhältlich. Rund 1.300 Menschen würden diese günstige PrEP bereits nehmen, sagt der Infektiologe Jessen, die Hälfte von ihnen in Berlin. Und es werden sicherlich mehr werden. Für Jessen ist das ein Durchbruch. Er ist sich sicher: "Das Medikament wird noch zugänglicher und das wird viele weitere HIV-Infektionen verhindern."

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* Name von der Redaktion geändert