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Er ist ja schon der Beste in allem, was er anpackt. Ob Mauern bauen, Frauen respektieren oder Steuern verstehen. Einen Triumph aber schreibt der US-Präsident sich nicht selbst zu, sondern er wird ihm von Psychologen, Therapeuten und Medizinern bescheinigt: Niemand schadet der amerikanischen Psyche gerade stärker als er. Sie wissen, um wen es geht.

Das Selbstverständnis einer Nation leidet, nicht nur mit jedem weiteren Dreckslochkommentar. Was Forschern aber Sorge bereitet, ist, dass dieses Leiden chronisch wird. Seit dem Wahlkampf ist die Lage des Landes einer der größten Stressfaktoren der Amerikaner geworden. Und sie ist auf dem besten Wege, sie dauerhaft krank zu machen.

Tatsächlich klagen mittlerweile drei Viertel der US-Amerikaner über seelische und körperliche Stresssymptome. Jeweils ein Drittel berichtet von Nervosität oder Angstzuständen, Wut oder Gereiztheit. Es häufen sich auch Beschwerden wie Kopf- und Bauchschmerzen. Viele Menschen schlafen schlechter unter ihrem neuen Präsidenten (Stress in America: The State of Our Nation, American Psychological Association, 2017). Eine Mehrheit der Erwachsenen über alle Altersklassen hinweg sieht ihr Land sogar am tiefsten historischen Punkt angekommen, an den sie sich erinnern können. Das drückt gewaltig aufs Gemüt und ist kein zufälliger zeitlicher Zusammenhang. Es liegt auch an ihm.

All das geht aus der aktuellen repräsentativen Studie Stress in America hervor. Dahinter steht die größte Psychologengesellschaft der USA, die American Psychological Association, kurz APA. Deren Experten hatten schon während des US-Wahlkampfs und kurz danach erstmals in der seit 2007 durchgeführten Befragung einen signifikanten Anstieg der Stresslevels ermittelt. Der Grund war neu: Nie zuvor hatte das Land nervöser auf eine Präsidentschaftswahl reagiert. Nichts stresste die Bevölkerung mehr. Zuvor hatten stets Themen wie der Job, Geld und die Wirtschaft an erster Stelle gestanden.

Der Stress von Millionen ist politischer denn je. Eine Schlüsselrolle spielt dabei "Unsicherheit", sagt Vaile Wright, unter anderem Forschungsleiterin der APA. "Wir haben einen  unberechenbaren Präsidenten, der regelmäßig soziale Normen bricht." Das gefalle zwar vielen seiner Anhänger, doch führe es zu permanentem Stress.

Psychotherapeuten berichten vermehrt von Patienten, die Angst haben, bald in einem Land zu leben, indem sie nicht mehr sicher sind. "Das sind keine Ängste, in welche Steuerklasse man nun fällt, im Kern geht es um Auslöschung", sagt etwa die klinische Psychologin und Ärztin Jennifer Sweeton. Eine krasse Wortwahl und ein subjektiver Eindruck, den die Expertin und andere Mediziner aber in ihrer täglichen Arbeit beobachten. Besonders unter Migranten, Überlebenden sexueller Gewalt und Geflüchteten finden sich Menschen, die sich existenziell bedroht fühlen. Von der herabwürdigenden Art des Präsidenten, seinen Versuchen, die Einwanderungspolitik grundlegend zu verändern und seinen rassistischen Äußerungen. "Diese Menschen berichten davon, dass sie sich wie im Belagerungszustand fühlen und sogar um ihre Grundrechte fürchten", erzählt die Psychologin Angela Londoño-McConnell.