Frage: Frau Dr. Mundt, wie teilt man einem Menschen mit, dass sein Kind oder sein Partner gerade gestorben ist?

Angélique Mundt: Es gibt keine Standardformulierung, nur eine klare Maßgabe: die Nachricht sofort überbringen, ohne grausam zu sein. Das ist eine Gratwanderung. Man fragt an der Tür, ob man eintreten darf, tritt ein und kommt dann zügig zum Thema. Ich übe das mit den Polizisten direkt vor dem Einsatz: Wer wird sprechen, was wollen sie sagen? Zwei Sätze genügen: "Es geht um Ihren Sohn Daniel. Er ist vor einer Stunde bei einem Verkehrsunfall gestorben."

Frage: So schnell, ohne Vorwarnung?

Mundt: Es muss so schnell gehen. Wenn bei Ihnen zwei Polizisten und ein Zivilist vor der Tür stehen, dann wissen Sie, dass es nicht um einen Strafzettel geht. Man darf keine langen Geschichten von Rettungsversuchen erzählen, sonst schalten die Angehörigen nach den ersten Worten innerlich auf Abwehr und hören die eigentliche Todesnachricht nicht mehr. Natürlich sollte man auch nicht grausam sein und sagen: "Ihr Kind ist vor einen ICE gesprungen und wird gerade in Einzelteilen von den Gleisen gesammelt", sondern: "Ihr Sohn ist tot, er hat sich das Leben genommen."

Frage: Und wenn jemand Details wissen will?

Mundt: Zum Beispiel ob es ein schneller Tod war oder ob der Betroffene leiden musste? Die Angehörigen entscheiden, wie viel sie wissen wollen. Nehmen wir als Beispiel ein Elternpaar, dessen Tochter auf schreckliche Weise getötet wurde. Natürlich fragen die Eltern: "Wie ist unsere Tochter gestorben?" Dann antworte ich: "Durch Messerstiche." – "Hat sie sich gewehrt?" – "Ja." – "Wie viele Messerstiche?" Wenn ich es sicher weiß und die Polizei mir diese Angaben erlaubt, sage ich die Zahl. Wenn sie immer noch mehr wissen wollen, würde ich irgendwann fragen: "Wollen Sie das wirklich wissen?" Oder ich sage: "Es fällt mir schwer, Ihnen zu antworten, weil das ein unwichtiges Detail ist und das für Sie auch gar nichts mehr ändert."

Frage: Aber Sie beschönigen nichts?

Mundt: Soweit ich mich erinnere, habe ich in dieser Situation noch nie jemanden belogen. Ich kann und will einer Mutter nicht vorschreiben, was sie über ihr Kind wissen darf. Sie hat ein Recht auf die Wahrheit. Nur gebe ich die Informationen so sukzessive, dass die Mutter nach jeder Information Luft holen und entscheiden kann, ob sie noch mehr wissen will.

Frage: Handhaben das auch andere Institutionen so, etwa die Polizei?

Mundt: Die Familie kann über ihren Anwalt Akteneinsicht bekommen, und wenn sie den Verstorbenen selbst noch einmal sehen will, dann wird niemand Nein sagen.

Dieser Artikel ist im "Gehirn & Geist"-Spezial "Das kreative Gehirn" erschienen.

Frage: Würde man in manchen Fällen nicht empfehlen, darauf zu verzichten?

Mundt: Wenn der Anblick schrecklich ist, sage ich das auch und rate ab: "Es hat ein Feuer gegeben, Ihr Sohn ist verbrannt. Es gibt nichts mehr zu sehen. Was Sie sehen können, ist so verrußt, Sie werden darin niemanden erkennen." Wir hatten auch schon Angehörige, die sich von ihren komplett abgedeckten Verwandten verabschiedet haben. Sie wollen zumindest noch einmal in ihrer Nähe sein. Was wir nicht aushalten können, wollen wir nicht sehen oder wissen.

Frage: Und wenn Sie Kindern die Nachricht vom Tod der Mutter überbringen?

Mundt: Gerade Kinder und Jugendliche sind gut darin, sich die Informationen zu holen, die sie brauchen. Man sagt zunächst: "Deine Mama ist tot." Dann schlucken sie und weinen, es vergehen vielleicht 20 Minuten. Schließlich fragen sie: "Hat sie sich das Leben genommen?" – "Ja, wie kommst du darauf?" – "Die Mama hat das schon mal probiert." 20 Minuten später: "Wie hat sie es gemacht?" – "Sie ist von einem Hochhaus gesprungen."

Frage: Wie reagieren Menschen typischerweise auf eine Todesnachricht?

Mundt: In unserem Kulturkreis sind die Hinterbliebenen am ehesten geschockt und überfordert, fangen an zu weinen oder können es gar nicht glauben. Aber wir erleben viele verschiedene Reaktionen, auch Versteinerung, Ungläubigkeit, tiefste Verzweiflung, Wut. Dazu kommen Abwehrreaktionen: "Ich bin gerade am Fensterputzen, kommen Sie später wieder." Dann bleibt man erst mal stehen und fragt, ob man helfen kann. Nach einer Minute dreht sich der Angehörige um und fragt: "Wer sind Sie, was machen Sie hier?" Dann fängt man wieder von vorne an, bis die Nachricht wirklich angekommen ist. Das ist normal. Im Schock halten wir uns an bekannten Tätigkeiten fest. In anderen Kulturkreisen kann das anders aussehen. Vor allem Muslime können sehr expressiv reagieren, sehr laut und klagend schreien. Nicht unbedingt, weil sie so betroffen sind – das kann sein, muss aber nicht. Sondern um dem Toten Respekt zu erweisen, die Totenklage.