Es war eine Meldung, die aufregend klingt: Die Zahl der Masernfälle in Deutschland habe sich im Vergleich zum Vorjahr verdreifacht, schrieb die Agentur dpa vergangene Woche. Viele Medien griffen das am Wochenende auf – schnell war die Rede von der angeblich steigenden Zahl an Eltern, die ihre Kinder nicht impfen ließen. So entstand der Eindruck, die Masern seien gewaltig auf dem Vormarsch, weil es mehr Impfskeptiker gebe. Zwei Trugschlüsse, die auffallen, wenn man sich die Zahlen des Robert Koch-Instituts (RKI) im Detail ansieht.

Erstens: Die Verdreifachung im Vergleich zum Vorjahr hat zwar stattgefunden, liegt aber im Bereich einer normalen jährlichen Schwankung. Und zweitens: Die Zahl der Eltern, die ihre Kinder – entsprechend der offiziellen Empfehlung der Ständigen Impfkommission (hier ein Impfkalender als PDF) – gegen Masern impfen lassen, sinkt nicht etwa hierzulande. Sie steigt! Was wiederum nicht bedeutet, dass Kinder überall rechtzeitig geimpft würden. Das Hauptproblem sind aber im Fall der Masern die nicht ausreichend geimpften Erwachsenen.

Lokale Ereignisse in der Statistik

Also noch einmal zurück zu dem, was das RKI in seinem Epidemiologischen Bulletin (hier als PDF) vom 4. Januar schreibt. Darin verzeichnen die Infektionsmediziner für das Jahr 2017 bis zum Ende der 50. Kalenderwoche, also bis zum 17. Dezember, in Deutschland 919 registrierte Masernfälle. Im Vorfahr waren es 319 Fälle. Rein mathematisch gesehen waren es 2017 also wirklich knapp 2,9 Mal so viele wie im Jahr zuvor. Allerdings entfielen 520 dieser Infektionen 2017 auf Nordrhein-Westfalen, 332 ereigneten sich allein in der Stadt Duisburg, 53 in Essen – die meisten davon im ersten Halbjahr. Im Verhältnis zur Einwohnerzahl überdurchschnittlich viele Erkrankungen wurden auch in Berlin (67), Sachsen (69) und Hessen (76) gezählt. Kein Bundesland ist gänzlich masernfrei, mehrere berichten nur von Einzelfällen.

Daraus, dass es in einzelnen Regionen ein stärkeres Ausbruchsgeschehen gab als im Jahr 2016, lässt sich statistisch nun kein Trend für Gesamtdeutschland ableiten. Das wäre unseriös. Die jährliche Gesamtzahl schwankt zudem stark: So wurden im Jahr 2013 insgesamt 1.769 Fälle von Masern erfasst, 2014 dann nur 442. Ein Jahr darauf, 2015, waren es dann 2.465 – eine Steigerung um das 5,6-Fache im Vergleich zum Vorjahr – wenn man so rechnen will. Solche starken Schwankungen lassen sich allerdings vor allem durch "lokale Ausbruchsgeschehen" erklären, sagte RKI-Sprecherin Susanne Glasmacher ZEIT ONLINE. Da sei viel Zufall dabei.

Erwachsene sind zu selten geimpft

Auch eine Rolle spiele, dass es in einigen Regionen trotz hoher Impfquote unter Kleinkindern und Schulanfängern zuweilen zu größeren Ausbrüchen komme, weil Jugendliche und Erwachsene dort nicht ausreichend immun sind. "Allein unter den 33- bis 40-Jährigen haben mehr als die Hälfte nicht einmal eine Masern-Impfdosis erhalten", sagte Glasmacher.

Grundsätzlich empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko) die erste Impfung gegen Masern für Kleinkinder im Alter zwischen elf und 14 Monaten, die zweite, wenn sie zwischen 15 und 23 Monate alt sind. Bei Kindern, die das verpasst haben, wird eine Nachholung mit zwei Impfdosen bis zum 18. Lebensjahr empfohlen. Alle Erwachsenen, die nach 1970 geboren wurden und eventuell nur eine Impfung erhalten haben oder es nicht mehr wissen, sollten das in ihrem Impfpass prüfen und gegebenenfalls beim Hausarzt nachfragen, ob eine nachträgliche Impfung oder Auffrischung nötig ist.

Die meisten Eltern lassen ihre Kinder impfen

Auch wenn in den vergangenen Jahren viel über Risiken von Impfungen gesprochen und berichtet wurde, sinkt die Zahl der Eltern, die ihre Kinder nicht gegen Masern immunisieren lassen, stetig. Auch das zeigen die neuesten Zahlen des RKI (siehe Grafik). Allerdings impfen viele später als empfohlen.

So stieg die Impfquote unter Kleinkindern im Alter von 15 Monaten – der Gruppe also, die bis dato eine Spritze hätte erhalten haben sollen – innerhalb der vergangenen zehn Jahre deutlich an: Während von den im Jahr 2004 geborenen Kindern nur 71,7 Prozent die erste Spritze bekommen hatten, waren es unter den 2014 geborenen schon 89,5 Prozent in ganz Deutschland, mit einem leichten Unterschied zwischen den alten (89,9 Prozent) und den neuen Bundesländern (87,5 Prozent). Allerdings gibt es regional weiterhin starke Unterschiede, die von der deutschlandweit niedrigsten Impfquote für den Geburtenjahrgang 2014 im Landkreis Görlitz in Sachsen mit 72,4 Prozent bis zur höchsten von 97,5 Prozent in Zweibrücken in Rheinland-Pfalz reichen.