Es sind dramatische Zahlen: Seit zwei Jahrzehnten gab es nicht mehr so wenige Organspenden in Deutschland wie im abgelaufenen Jahr (Eurotransplant: 2018, PDF). Und der Abwärtstrend hält an. Mehr als 10.000 Menschen warten derzeit auf ein Organ, durch das sie eine Überlebenschance hätten: Die meisten, etwa 8.000, brauchen eine Niere. Nur ein Drittel wird eine vermittelt bekommen – und zwar nicht zwingend aus Deutschland, sondern von irgendjemandem aus einem der Eurotransplant-Länder. Lediglich von 769 deutschen Verstorbenen wurden 2017 Organspenden entnommen. Zu wenig. Gleichzeitig sterben jeden Tag im Schnitt drei Menschen, die auf der Warteliste stehen.

All das klingt, als seien wir Deutschen herzloser und egoistischer als manche unserer Nachbarn – und als könnten wir mit der Freiwilligkeit der Organspende kaum umgehen. Schnell wird der Ruf nach einer Widerspruchslösung laut, wie es sie etwa in Belgien, Frankreich, Spanien und vielen osteuropäischen Ländern gibt und wie sie Großbritannien und – in leicht abgewandelter Form – in den Niederlanden erwogen wird. Die Regel bedeutet: Wer zu Lebzeiten nicht widerspricht, ist als Toter automatisch Organspender. Und das wirkt. Die Einführung dieser Regel erhöht die Zahl der Spender im Schnitt um 20 bis 30 Prozent (British Medical Journal: Rithalia et al, 2009).

Doch dieser radikale Weg wäre ein tiefer Einschnitt in die Selbstbestimmtheit des Einzelnen und die Rechte Angehöriger – und ist ethisch daher umstritten. Darüber hinaus ist es zu kurz gedacht, die Schuld am aktuellen Organmangel in Deutschland allein auf all jene zu schieben, die sich keinen Organspendeausweis besorgt haben. Wobei es schon helfen würde, wenn jeder einen hätte – selbst wenn darin stünde, dass derjenige kein Spender sein möchte. Sich frei zu entscheiden, dazu hat jeder das gute Recht. Das zentrale Problem ist zudem nicht, dass zu wenige zur Organspende bereit wären, sondern dass potenzielle Spender, Angehörige und Ärzte das Thema meiden oder einfach nicht daran denken. So wird die Chance verpasst, mehr Leben zu retten.

Was also müsste sich ändern? Das offenbart ein genauerer Blick auf die Situation hierzulande.

Um welche Organe geht es?

Eines vorweg: Wir reden hier nicht von Menschen, die ihrem Partner, einem Verwandten oder einer guten Freundin zu Lebzeiten eine Niere oder Teile einer Leber spenden. Diese Lebendspenden sind im Transplantationsgesetz gesondert geregelt, sie finden statt, betreffen aber nur einen kleinen Teil von Patienten.

Der Großteil der Organe für all die Wartenden kommt von Menschen, die tot sind. Ihnen werden nach dem Hirntod Nieren, Lebern, Lungenflügel, Herzen und Bauchspeicheldrüsen entnommen, wenn die Organe noch gesund sind. Im Todesfall eines potenziellen Spenders muss das rasch und unter bestimmten medizinischen Voraussetzungen geschehen. Schon an dieser ersten Stelle einer langen Ereigniskette läuft vieles schief. Hat jemand nicht zu Lebzeiten verfügt, dass er Organspender sein möchte und den möglichst nicht zu alten Ausweis oder das Dokument dazu nicht im Moment des Todes am Leibe, kann es schwierig werden.  

Wie viele Verstorbene werden Spender?

Und genau das spiegelt sich in den aktuellen Zahlen wider: Während in Spanien, wo die Widerspruchsregelung gilt, von einer Million Einwohnern mehr als 40 – meist nach dem Tod – ihre Organe zur Verfügung stellen (American Journal of Transplantation: Matesanz et al, 2017), sind es in Deutschland weniger als zehn. 

In totalen Zahlen bedeutet das: Noch im Jahr 2010 hatten 1.300 Deutsche ein oder mehrere Organe gespendet, 2017 waren es gerade einmal 769 Menschen.

Sind die Deutschen herzlos?

Die Hauptmotivation, sich registrieren zu lassen, ist Altruismus. Denn letztlich profitiert meist ein Unbekannter, ohne dass der Geber noch etwas davon mitbekommt. Wer seine Organe spendet, das zeigen Umfragen, tut das also, um anderen zu helfen. Sind Deutsche also einfach egoistischer als Menschen in anderen Ländern? "Nein", sagt Birgit Blome, Pressesprecherin der Deutschen Stiftung Organtransplantation: "Wir sehen keine mangelnde Spendenbereitschaft." Nach der letzten größeren Umfrage dazu (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: 2016, PDF) finden vier von fünf Bundesbürgern die Organspende gut. Der Anteil derer, die so denken, wächst seit Jahren bei uns – und ist ähnlich hoch wie anderswo. Drei von vier Deutschen sind sogar persönlich bereit, eines oder mehrere Organe zu spenden.

Oder nur zu unentschlossen?

Wenn die Hilfsbereitschaft da ist – warum besorgen sich also nicht mehr Deutsche einen Organspendeausweis? Den hat nur jeder Dritte im Portemonnaie. Zwar stieg diese Zahl allein zwischen 2012 (22 Prozent) und 2014 (35 Prozent) deutlich an – und von denen sind 80 Prozent bereit, ihre Organe zu spenden.

Das Problem sind die Unentschiedenen und diejenigen, die ihren Willen nicht dokumentieren. Rund 40 Prozent hat sich noch nicht entschieden. Knapp die Hälfte dieser Gruppe sagt, sie habe sich noch nicht genügend mit dem Thema auseinandergesetzt. Gleichzeitig hat etwa jeder Zweite, der weiß, was er will, dies nicht in einem Organspendeausweis oder einer Patientenverfügung vermerkt.

Haben viele einfach nur Angst?

Angst vor Missbrauch, wie zum Beispiel Organhandel oder einem ungerechten oder schlecht funktionierenden System, ist ein Grund dafür, dass Menschen sich nicht durchringen können, Spender zu werden. Ungefähr jeder Fünfte, der sich aktiv gegen eine Spende entscheidet, gibt diese Art von Gründen an. Ein bundesweiter Organspendeskandal im Jahr 2011 hat diese Sorgen etwas verstärkt, die Spendenbereitschaft aber nicht verändert. Religiöse Gründe werden vergleichsweise selten genannt: Gerade einmal zehn Prozent derer, die nicht wollen, dass ihnen Organe entnommen werden, gaben als Grund dafür ihren Glauben an.

Immerhin jeder Fünfte hat Angst vor der Organentnahme, etwa aus Zweifel, ob die Todesfeststellung gut genug funktioniert oder aus Sorge vor Schmerzen während der Operation – auch wenn diese nach dem Tod geschieht. Ängste, die unberechtigt sind. Immerhin ist das System der Entnahme in Europa extrem gut reguliert. Und es werden nur Organe von Menschen entnommen, die mit absoluter Sicherheit keine Schmerzen mehr spüren und auch nicht mehr ins Leben zurückkehren.

Überhaupt scheint viel Unwissen zu herrschen: Fast die Hälfte der Befragten gibt der BZgA gegenüber an "weniger gut" oder sogar "schlecht" über die Organspende informiert zu sein. Und das, obwohl der Bundestag im Jahr 2012 die Organspenderegelung reformiert hat. Seitdem schicken die Krankenkassen jedem Versicherten immer wieder Informationsmaterial und fordern ihn dazu auf, sich für oder gegen eine Spende zu entscheiden und das auf einem Organspendeausweis zu vermerken.