Selten war der Aufschrei angesichts eines Tierversuchs so groß. Dass VW im Zusammenschluss mit anderen Autofirmen in den USA Dieselabgase an Makaken testen ließ – das allein finden viele unverzeihlich. Noch dazu war der VW Beetle, aus dem das Abgas strömte, offenbar manipuliert, eventuell ohne dass der Forschungsleiter in den USA das wusste.

Mit Bekanntwerden der Affenversuche im Auftrag von VW, Daimler und BMW und Berichten über mitfinanzierte Abgasstudien an Freiwilligen hat der Dieselkandal einen neuen dramatischen Tiefpunkt erreicht. Je mehr über die Verstrickungen der beteiligten Forscher, Auftraggeber und Financiers der Studien durchsickert, desto klarer wird: Das hier ist auch ein Forschungsskandal, der das Vertrauen in die Unabhängigkeit von Wissenschaft erschüttern wird. Nicht zuletzt hat all das Deutschlands Debatte um Sinn und Ethik von Tierversuchen neu entfacht. Wir haben fünf Tierethiker, Affenforscher und Experten für Umweltgifte nach ihrer Meinung zu dem Fall gefragt. Das sind ihre Antworten:

"Affen ein paar Stunden Abgasen auszusetzen, ist unwissenschaftlich"

Prof. Stefan Treue, Neurobiologe am Primatenzentrum, Göttingen

Noch wissen wir wenig über den Ablauf der Tests an Affen in den USA. Aber nach allem, was bis jetzt öffentlich geworden ist, muss man die Sinnhaftigkeit sehr infrage stellen. Gibt es hier überhaupt eine wissenschaftlich fundierte Fragestellung? Wenn dann noch den Forschern im Labor ein manipuliertes Fahrzeug untergeschoben wurde, werfe ich den Auftraggebern der Studie bewussten Betrug vor. Die öffentliche Empörung halte ich daher für gerechtfertigt. Zugleich besteht aber die Sorge, dass daraus eine generelle Ablehnung von Tierversuchen konstruiert wird. In Deutschland wird sehr bedacht und sachlich abgewogen, wann und was an Tieren getestet werden darf. Dazu kann auch gehören die Sicherheit von Stoffen, insbesondere neuen Medikamenten, für den Menschen zu überprüfen. Das gilt jedoch für unbekannte Substanzen, deren Wirkung wir noch nicht abschätzen können, nicht für bekannterweise giftige Abgase.

"Die Affenversuche waren wohl unethisch"

Prof. Peter Dabrock, Theologe und Ethikrat-Chef

Kein Tierversuch, wenn es eine andere Möglichkeit gibt (Replace), nicht mehr Tiere als nötig nutzen (Reduce) und die Experimente so optimieren, dass die Versuchstiere möglichst wenig leiden (Refine) – das 3R-Prinzip gilt als Maßstab für die ethische Vertretbarkeit von Tierversuchen. Sind diese Kriterien nicht erfüllt, sollen Behörden sie nicht genehmigen. Im Fall der Affenversuche, die im Auftrag der Autokonzerne in den USA stattfanden, wurden die 3R vermutlich nicht voll erfüllt. Schon allein, weil das Experiment überflüssig war – die Gefährlichkeit der getesteten Schadstoffe ist ja unbestritten. Das wird noch davon überschattet, dass Auftraggeber und Profiteur dieselbe Institution sind, dies aber nicht transparent gemacht wurde. Seriöse Forschung geht offen mit so einer engen Verzahnung um.

Inkonsequent, nach Tierversuchsverboten zu rufen, wenn die Mehrheit Fleisch konsumiert
Peter Dabrock, Vorsitzender des Deutschen Ethikrats

Was die allgemeine Debatte um Tierversuche angeht, sollten wir uns zuerst selbst kritisch hinterfragen: Wie viel liegt uns daran, Tierversuche so weit wie möglich zu vermeiden? Wie sehr kämpfen wir für Alternativen? Ich halte es zudem für inkonsequent, nach Tierversuchsverboten zu rufen, wenn die Mehrheit Fleisch konsumiert, das von der Billigtheke im Discounter stammt. Die Bedingungen in der Nutztierhaltung sind ethisch weniger verträglich als jene in Tierversuchen. Ebenso können viele dankbar sein, dass es Tierversuche gibt, wenn sie selbst oder ihr Kind auf ein komplexes Medikament angewiesen sind. Bei aller Sympathie für Tiere sollte man vorsichtig sein, zu laut ein Verbot von Tierversuchen zu fordern.

"Dass Stickoxide der Lunge schaden, ist bekannt"

Prof. Barbara Hoffmann, Umweltmedizinerin der Uniklinik Düsseldorf

Zu den Wirkungen von  Stickoxiden (NO2), wie sie in Dieselabgasen vorkommen, gibt es umfangreiche Forschungsdaten. Je höher ihre Konzentration in der Atemluft, desto eher kommt es kurzfristig zu Kurzatmigkeit und zu leichten Entzündungen in der Lunge und im Blut. Bei langfristiger Belastung erhöht sich die Wahrscheinlichkeit für bestimmte Atemwegserkrankungen wie Asthma oder chronische Bronchitis. An Mäusen, Ratten und anderen Nagern wurde die Giftigkeit von Dieselabgasen in verschiedenen Studien getestet. 

"Tierversuche in der Toxikologie sind unverzichtbar"

Prof. Hans Drexler, Arbeitsmediziner der Uni Erlangen-Nürnberg

Tierversuche sind derzeit in der Toxikologie unverzichtbar. Wollen wir Sicherheitslücken für den Menschen schließen, werden wir in absehbarer Zeit nicht um sie herumkommen. Das gilt für alle Stoffe, die potenziell giftig sind, also für Stickoxid, Feinstaub, Glyphosat und andere. Manchmal werden dafür auch Affen benutzt, die sind dem Menschen physiologisch am nächsten. Zur Begründung, welche Grenzwerte gelten sollten, zum Beispiel im Fall der polychlorierten Biphenylen (PCB), waren Affenversuche wesentlich. Im Fall der Affenversuche in den USA ist es problematisch, dass die Studie nicht veröffentlicht wurde. An Menschen werden übrigens längst ähnliche Versuche gemacht: In Schweden fanden zwei Studien statt, für die insgesamt 47 Probanden mit Asthma und 48 Probanden ohne Asthma den Dieselabgasen ausgesetzt wurden (European Respiratory Journal: Stenfors et al., 2004 und Thorax: Behndig et al., 2011).