"Menschenversuche" und "Affen in der Gaskammer" – es sind Begriffe, die einen erschaudern lassen. Sie erinnern unweigerlich an Verbrechen der Nazi-Zeit, als Ärzte in Konzentrationslagern grausame Experimente machten. Damals wurden psychisch Kranke, Behinderte und Menschen, die aufgrund ihrer Religion oder Herkunft von den Nationalsozialisten inhaftiert worden waren, auf systematische Weise für die Forschung missbraucht. Auch Kinder. Das geschah gegen den Willen der Opfer, ohne Rücksicht auf deren Überleben und ohne, dass diese erfuhren, was mit ihnen gemacht wurde. Im Zusammenhang mit den von deutschen Autofirmen veranlassten Abgas-Tierversuchen an Makaken in den USA von "Gaskammern" zu schreiben, weckt die direkte Assoziation zur Ermordung von Millionen Juden in Konzentrationslagern während des Holocaust.

So berechtigt die Empörung sein mag, dass ein Forschungsverbund von VW, Daimler und BMW in einem wenig sinnvoll aufgebauten Experiment an Primaten ausprobieren ließ, wie sich die Dieselabgase eines VW-Beetle auf die Gesundheit auswirken – noch dazu, wie sich später herausstellte, mit einem manipulierten Auto, das nicht die korrekten Abgaswerte anzeigte. Und so nachvollziehbar es auch sein mag, sich darüber aufzuregen, dass eine Studie mit Freiwilligen zu Stickoxiden, die an der RWTH-Aachen durchgeführt wurde, von den Autokonzernen mitfinanziert war: Beide Fälle durch Vergleiche mit der Nazizeit zu dramatisieren, ist nicht nur irreführen, sondern auch gefährlich. Es übertreibt nicht nur maßlos, es verharmlost, wofür der Begriff "Menschenversuche" in Deutschland historisch steht. Vor diesem Hintergrund empfiehlt sich ein Blick in die Medizingeschichte.

Versuche an Menschen gibt es, seitdem es Ärzte gibt

Florian Bruns ist Arzt und Historiker am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin an der Universität zu Köln. Er lehrt und forscht zur Medizinethik und zum Nationalsozialismus. © privat

Wohl kaum ein Arzt würde heute einem Patienten mit akuter Lungenentzündung zu einer Blutspende raten – zu groß wäre die Gefahr, dass der Blutverlust den ohnehin angegriffenen Körper weiter schwächt. Noch weniger kunstgerecht wäre es, mit einem Aderlass die Erkrankung als solche behandeln zu wollen. Doch woher wissen wir heute, dass die Entnahme eines halben Liters Blut bei einer Pneumonie nichts Gutes bewirkt? Immerhin wurde der Aderlass über Jahrhunderte hinweg als therapeutische Maßnahme gegen alle möglichen Krankheiten empfohlen und war bis ins 19. Jahrhundert hinein gängige ärztliche Praxis. Die Antwort lautet schlicht: Indem es Ärzte an ihren Patienten ausprobiert haben. Als der französische Arzt Pierre Louis in den 1830er-Jahren zeigen konnte, dass Kranke, denen im akuten Stadium einer Lungenentzündung Blut abgezapft wurde, häufiger starben als jene, die man der Prozedur erst später unterzog, beschleunigte dies die Abkehr von der Aderlass-Therapie.

Die Idee, mithilfe von Experimenten am (lebenden und toten) Menschen die Wirkung von Behandlungsverfahren oder Medikamenten empirisch zu überprüfen, ist so alt wie die Medizin selbst. Auf breiterer Basis umgesetzt wird sie jedoch erst seit der Zeit der Renaissance, als sich Anatomie und Physiologie als wichtige Grundlagenfächer einer rationalen Medizin etablierten. Mit der Hinwendung der Medizin zur Naturwissenschaft Ende des 19. Jahrhunderts setzte sich die Anwendung experimenteller Methoden auf den menschlichen Körper als zentrale Methode des Erkenntnisgewinns endgültig durch.

Nun wäre es ebenso billig wie verfehlt, zu behaupten, deshalb wisse und könne die heutige Medizin im Vergleich zu früher alles besser. Auch in vormodernen Zeiten haben Ärzte und andere Heilkundige ihre Patienten behandelt, nicht selten mit Erfolg. Dass sich Heilung mitunter nicht wegen, sondern trotz der Behandlung einstellt, kommt auch heute vor und ist kein Grund, hochmütig auf die Medizin vergangener Tage herabzuschauen.

Wer krank ist, wünscht sich dennoch nicht ins 18. Jahrhundert zurück. Dies liegt nicht zuletzt an der wissenschaftlichen Prüfung, denen neue Behandlungsmethoden und vor allem neue Medikamente heute unterworfen sind. Durch systematische Erprobung an Tieren und Menschen sind medizinische Therapieverfahren heute wirksamer und sicherer geworden – was nicht heißt, dass es nicht noch Verbesserungsbedarf gäbe, etwa bei der Prüfung älterer, bereits zugelassener Verfahren und Arzneien. Da Tiermodellen die letzte Aussagekraft fehlt, muss eine solche Erprobung früher oder später auch am menschlichen Organismus stattfinden. Dies kann man Humanexperiment oder, abstrakter, klinische Prüfung nennen. Von der Sache her ist dasselbe gemeint. Auch das Wort Menschenversuch bedeutet vom Wortsinn her nichts anderes – nur hat es im historischen Kontext eine anders besetzte Bedeutung.

Es braucht Aufklärung, Freiwilligkeit und Transparenz

Ob klinische Studien als ethisch vertretbar gelten können, hängt unter anderem davon ab, ob die Teilnehmer ausreichend über Risiken aufgeklärt wurden, freiwillig zustimmen und jederzeit abbrechen können, bei Schäden versichert sind und für ihren Aufwand angemessen entschädigt werden. Nur unter diesen Voraussetzungen wird eine Ethikkommission die Studie genehmigen. Dass der Ausgang eines Menschenversuchs prinzipiell unwägbar ist, liegt in der Natur der Sache, sonst bräuchte es den Versuch nicht. Hier kann es lediglich das Ziel von Versuchsleiter und Ethikkommission sein, Risiken zu minimieren.

Die Ende der 1970er-Jahre gegen manche Widerstände durchgesetzte Norm, Versuche an Menschen – und Tieren – im Vorfeld von einer Ethikkommission begutachten zu lassen, ist historisch gut begründet und stellt in sich einen großen medizinischen Fortschritt dar. Der Blick in die Geschichte zeigt nämlich, dass es bei der Forschung am Menschen immer wieder zu ethischen Grenzüberschreitungen kam, am extremsten in der Zeit des Nationalsozialismus.