ZEIT ONLINE: Herr Nick, ist das wirklich nötig, Superfood auf Fälschungen zu überprüfen?

Peter Nick: Ja, meiner Meinung nach schon. Bei Trends wie Chiasamen oder Goji-Beeren ist in kurzer Zeit ein Hype entstanden. Plötzlich wird ganz viel davon benötigt. Häufig sind das Pflanzen, die traditionell in einem begrenzten Gebiet wachsen, in kurzer Zeit sind die Vorräte erschöpft. Chia wird beispielsweise im Süden von Mexiko und in ein paar Ländern in Mittelamerika angebaut. Wenn etwa in Europa plötzlich große Mengen angefragt werden, sind die Chiafelder relativ schnell leer. Lieferanten müssen dann schauen, wo sie den Chia herbekommen und werden notfalls erfinderisch: Verkauft wird dann alles Mögliche, was vielleicht Chia heißt, aber nicht notwendigerweise der Chia ist, den der Verbraucher in der Verpackung erwartet. Oder noch schlimmer: Manchmal wird gestreckt oder Zusatzstoffe werden hinzugegeben. Original und Fälschung sind mitunter schwer auseinanderzuhalten, weil die Pflanzen in Europa nicht gut bekannt sind und man wenig darüber weiß, wie der echte, richtige Chia aussehen müsste.

ZEIT ONLINE: Was sind das für andere Chiasamen?

Nick: Der echte Chia ist eine Salbei-Art, Salvia hispanica, mit großen Blütenständen, die viele kleine schwarze Samen tragen. Das hat die EU-Kommission bei uns als Chia zugelassen. Diese Art hat viele tolle Eigenschaften: Wenn jemand vegan leben möchte, kommt er mit Chia an sehr wichtige ungesättigte Fettsäuren, ohne Seefisch essen zu müssen. Der Name Chia kann in Mittelamerika aber mehrere Pflanzen bezeichnen. Beispielweise andere Salbei-Arten, auch Quinoa oder Amaranth, die ja gar nichts mit Salbei zu tun haben. Ohne bösen Willen kann es leicht zu Missverständnissen kommen. Zudem kommen auch in Europa ständig neue Produkte auf den Markt, die als Chia bezeichnet werden. Wir haben beispielsweise Basilikumsamen entdeckt, die als Chia verkauft werden. Da weiß der Verbraucher nicht, was in der Verpackung steckt, und ich fürchte, auch die Hersteller wissen nicht, was sie da verkaufen.

ZEIT ONLINE: Wie oft kommt so etwas vor? 

Nick: Das ist eine schwierige Frage. Um eine statistische Aussage treffen zu können, müsste man die Produkte flächendeckend prüfen. Doch niemand testet sie, weil oft das Wissen dafür fehlt. Wir haben in Europa – vor allem in Deutschland – eine gut funktionierende Lebensmittelüberwachung. Aber für gute Kontrollen braucht man zuerst die Information, wie das, was man kontrolliert, eigentlich aussehen muss.

Ein Beispiel, das wir aufgedeckt haben: Der Zwerg-Bambus-Tee wird in der traditionellen chinesischen Medizin eingesetzt und hat tatsächlich medizinisch eine Wirkung. Als wir bemerkten, dass er in Deutschland boomt, haben wir uns Handelsproben angeschaut und waren entsetzt: Nirgendwo war Bambus drin, sondern Nelken. Das liegt daran, dass in China bestimmte Nelken auch als Stein-Bambus bezeichnet werden. Da kann man sagen: Okay, ist ja nicht schlimm. Aber diese Nelken regen die Gebärmuttertätigkeit an und können im extremsten Fall verfrüht Wehen auslösen. Frauen, die schwanger sind, sollten diesen Tee nicht trinken. Wir haben die Hersteller informiert. Doch die Reaktionen war sehr unterschiedlich und offen gestanden sehr ernüchternd: Manche haben sich zwar gekümmert, doch andere haben überhaupt nicht reagiert und schienen das Problem kleinzureden.

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Superfood-Hype

Ziemlich gutes Marketing

Superfood soll direkt vor Krebs, Diabetes und anderen Leiden schützen. Das sind leere Versprechen, um Produkte zu verkaufen. Was stimmt: Nährstoffe in Obst und Gemüse helfen, Krankheitsrisiken vorzubeugen. Das geht mit heimischen Sorten aber auch.

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Die Beeren sollen uns gesünder, jünger und sogar schlanker machen. Das ist Unsinn. Reich an Nährstoffen sind sie neben Antioxidantien aber schon. Und das ist gut. Allerdings gehen Inhaltsstoffe verloren, je stärker die Beeren verarbeitet sind. Ob Ihnen also 100 Gramm Açai-Pulver für 15 Euro etwas bringt, ist fragwürdig.

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Maca ist das vermeintliche Potenzwunder der südamerikanischen Inka. Der Knolle aus den Anden wird nachgesagt, dass sie sogar bei unerfülltem Kinderwunsch helfen soll. Das ist Quatsch, reich an sekundären Pflanzenstoffen und Ballaststoffen ist die Wurzel trotzdem.

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Die jungen, grünen Weizenhalme werden oft als Pulver verkauft. In Wasser aufgelöst trinkt man sie als Saft oder im Smoothie. Weizengras beinhaltet Nährstoffe, keine Frage. Allerdings ist die verzehrte Menge meist gering. Es lohnt sich mehr, gleich Obst oder Gemüse zu essen. Angebaut wird das Gras übrigens auch in Deutschland.

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Acerola gilt als Powerobst aus Mittel- und Südamerika. Kaum eine Frucht beinhaltet mehr Vitamin C. Doch so viel kann der Körper davon nicht speichern, viel geht verloren. Das ist nicht schlimm, aber klingt für Werber schlecht. Frisch oder als Saft ist Acerola gut. Doch die Kirsche verdirbt schnell, eignet sich also kaum für den Transport.

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Die meist getrocknet erhältlichen Goji-Beeren sollen das Immunsystem stärken, gegen Sehschwäche wirken. Belege fehlen. Die Beeren sind vitaminreich, Erdbeeren schneiden im Vergleich aber besser ab. Aufpassen muss, wer Blutverdünner nimmt. Die Beeren können gefährlich wechselwirken. Oft sind die Früchte zudem pestizidbelastet.

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Chia-Samen aus Lateinamerika sollen schlank machen. Geht nicht. Die Samen (oft in Puddings oder Getränken verwendet) enthalten aber z. B. die lebensnotwendige Alpha-Linolensäure. Mehr als 15 Gramm Chia pro Tag sind zu viel: Die Samen können zu Verstopfungen führen und mit Arzneien wechselwirken. Bis zu 30 Euro kostet das Kilo.

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In den Cyanobakterien steckt viel Magnesium, Kalzium und Eisen. Spirulina soll Allergien lindern und das Immunsystem stärken. Bewiesen ist das nicht. Veganer holen sich mit der Mikroalge Vitamin B12, das etwa die Blutbildung und das Nervensystem unterstützt und auch in Eiern, Fleisch und Milch enthalten ist.

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Der Moringa-Baum stammt ursprünglich aus der Himalajaregion. In seinen Blättern steckt viel Eisen, Kalzium und Kalium. Das hilft aber nicht, wie oft versprochen, gegen das Altern. Direkt den Blutzucker- und Cholesterinspiegel senken die Blätter auch nicht. Als Kapsel oder Pulver sind sie teuer: pro Kilo mehr als 20 Euro.

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ZEIT ONLINE: Warum können Fälschungen von Superfood bisher nicht leichter erkannt werden?

Nick: Ein Grund ist, dass Superfood oft in verarbeiteter Form auf den Markt kommt. Nehmen Sie Moringa, den Meerrettichbaum. Die Blätter können Sie vielleicht noch von anderen unterscheiden. Aber es gibt Produkte wie Pulver und Tee, da können Sie schlecht feststellen, ob wirklich Moringa drin ist. Deshalb plädieren wir für den genetischen Barcode, weil man den auch an verarbeiteten Produkten nutzen kann.

ZEIT ONLINE: Was ist der genetische Barcode?

Nick: Das sind Erbgut-Sequenzen, also DNA-Abschnitte, die es in allen Pflanzen gibt. Bestimmte Genabschnitte unterscheiden sich aber von Art zu Art. Es lässt sich ein genetischer Fingerabdruck erzeugen, anhand dessen sich die jeweilige Pflanzenart erkennen lässt. So ließe sich gegenchecken, ob der Barcode des Moringa-Tees mit dem Barcode der originalen Moringa-Pflanze übereinstimmt. Von solchen Vergleichsabdrücken haben wir schon 7.000 in einer Datenbank gesammelt.

ZEIT ONLINE: Sie haben jetzt eine Packung Chiasamen vor sich. Wie prüfen Sie die Samen auf Echtheit?

Nick: Ich nehme die Abdrücke von Chia und von den Arten, die mit Chia verwechselt werden können. Und ich entwickele dann auf der Grundlage dieser Barcodes einen einfachen Test. Ohne die Barcodes geht es nicht, mein Test greift auf sie zurück.