Kaum Wartezeit? Eine schicke Praxis? Und die Ärztin hört immer gut zu? Das klingt gut. Und wird entsprechend bewertet. Auf Bewertungsportalen wie Jameda fließen neben der Bewertung des Arztes auch die Parkplatzsituation und die Praxiseinrichtung in die Note des Arztes hinein. Praxen mit freundlichen Mitarbeitern, guter Organisation und einer Schale Obst im Wartezimmer bekommen deshalb bessere Bewertungen als altmodische, die man schlecht per Telefon erreicht und in denen man lange warten muss. Klar, einerseits ist das ja auch wünschenswert. Über die fachliche Kompetenz aber, die ja eigentlich entscheidend ist, sagen diese Bewertungen meist wenig aus. Wie aber findet man einen fachlich kompetenten Arzt, bei dem man optimal behandelt wird? Wenn Sie einige der folgenden fünf Punkte beachten, kommen Sie ein Stück weiter:

1. Nutzen Sie das Wissen ihres Hausarztes

Der erste Weg bei Beschwerden sollte zum Hausarzt oder zur Hausärztin führen. Zwar könnten Sie – gemäß dem Prinzip der freien Arztwahl – in Deutschland auch direkt zu einem Facharzt gehen, aber damit würden Sie die Kompetenz des Hausarztes oder der Hausärztin unausgeschöpft lassen. Die Hausärztin hilft bei speziellen Problemen wie einem Meniskusriss medizinisch nicht viel weiter. Aber, und das ist das Entscheidende, sie kennt in der Regel viele Fachkollegen im Umkreis. Klar, dass sie Ihnen als Patienten mit Meniskusriss einen Orthopäden empfiehlt, mit dem sie gute Erfahrungen gemacht hat.

In seltenen Fällen allerdings erfolgen Empfehlungen auch aufgrund inoffizieller Abmachungen zwischen Hausarzt und Facharzt, manchmal werden sogar Prämien pro Patient gezahlt, wie eine Studie des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenversicherungen zeigte (GKV-Spitzenverband, 2012). Deshalb sollte man als Patient oder Patientin zur Sicherheit nachfragen, warum die Hausärztin eine spezielle Kollegin empfiehlt. Anhand der Reaktion lässt sich hier manchmal etwas ablesen. Wenn Sie aber keinen Facharzt suchen, sondern einen Hausarzt, halten Sie sich am besten an die folgenden Punkte. Sie helfen übrigens auch bei der Auswahl des richtigen Facharztes und der richtigen Klinik.

2. Bereiten Sie sich auf das Arztgespräch vor

Als Patientin fehlt Ihnen das Fachwissen, um die medizinische Kompetenz eines Arztes zu beurteilen. Aber Sie können im Gespräch doch eine Reihe von Hinweisen finden. Nicht nur daher gilt: Bereiten Sie sich auf das Arztgespräch vor. Denn wie kompetent und strukturiert ein Arzt ist, könne die Patientin letztlich mit zwei Fragen annähernd herausfinden, sagt Gunter Frank, Allgemeinmediziner aus Heidelberg und Autor des Buches Fragen Sie Ihren Arzt – aber richtig.  

Erstens: Was habe ich von einer Behandlung konkret? "Fast jeder Arzt kann den Wirkmechanismus eines Medikaments erklären, zum Beispiel dass bestimmte blutdrucksenkende Medikamente die Gefäße weit stellen. Aber wenn es darum geht, welchen konkreten Vorteil die Patientinnen haben, etwa die Senkung des Herzinfarktrisikos, können die meisten Ärzte keine konkreten Zahlen nennen", sagt Frank. Eine Ärztin, die bei dieser berechtigten Frage abblockt, statt offen und reflektiert mit eigenem Unwissen umzugehen, sollte eher misstrauisch machen. "Denn das ist ein Hinweis darauf, dass er oder sie nicht nur nicht genau weiß, was er eigentlich verordnet, sondern dass er keine ausgeprägte Fähigkeit zum Reflektieren besitzt", sagt Frank. Dabei ist das Unwissen an sich nicht das Problem. Die Kenntnisse in der Medizin sind derart umfangreich, dass keiner alles wissen kann. Entscheidend ist aber, dass eine Ärztin sich genau dessen bewusst ist und weiß, wo sie was nachschauen kann, etwa in den Leitlinien oder in Datenbanken für Studien. Wenn der Arzt also eine Nachfrage nicht beantworten kann, wäre es etwa eine gute Reaktion, das zuzugeben und zu versprechen, es bis zum nächsten Mal in Erfahrung zu bringen. 

Zweite Frage: Welche Nebenwirkungen gibt es und wie wahrscheinlich sind sie? Natürlich steht das bei Medikamenten in der Packungsbeilage. Aber ein guter Arzt sollte laut Frank die meisten Nebenwirkungen kennen. "Und wenn er sie nicht kennt, sollte er wenigstens auf die Packungsbeilage verweisen." Abblocken ist ein schlechtes Zeichen.

3. Schauen Sie, ob die Praxis Qualitätskontrolle betreibt

Praxen, die sich systematisch einer Qualitätskontrolle unterziehen, sind selten. In Deutschland gibt es zwei große Programme zur Qualitätskontrolle: das Programm Qualität und Entwicklung in Praxen (QEP) der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und die Zertifizierung der Stiftung Praxissiegel. Gehört eine Praxis zu diesem kleinen Kreis, ist das ein Hinweis darauf, dass man dort Wert auf Qualität legt. Die meisten Praxen geben ihr Zertifikat auf ihrer Webseite an. An den beiden Programmen nehmen deutschlandweit aber nur 2.100 Praxen teil. Eine QEP-Zertifizierung haben deutschlandweit rund 600 Arztpraxen (eine Liste finden Sie hier). Kein Wunder, denn diese Praxen müssen mehr als 244 Punkte erfüllen: von Diagnose und Therapie über regelmäßige Fortbildungen bis hin zu Feedbackschleifen und wiederkehrenden technischen Kontrollen werden die Arztpraxen immer wieder von unabhängigen Qualitätsmanagement-Sachverständigen getestet. Die Stiftung Praxissiegel bietet ein ähnliches Programm an, dort wurden bis heute rund 1.500 Praxen vor allem für aktives Qualitätsmanagement ausgezeichnet. Hier müssen insgesamt 15 Kriterien erfüllt werden, darunter ist auch ein Feedback aus Patientensicht und von externen Gutachtern, die die Praxis besuchen.

4. Achten Sie bei Klinikärzten darauf, wie oft sie operieren

Sie haben einen chirurgischen Eingriff vor sich und suchen nach dem richtigen Krankenhaus? Dabei ist es nützlich zu wissen, dass die Krankenhauslandschaft grob aufgeteilt ist in Universitätskliniken auf der einen Seite und auf mittelgroße und kleinere Krankenhäuser auf der anderen Seite. In einer Universitätsklinik werden eher die komplizierten, seltenen Fälle operiert. Wer eine Universitätsklinik aufsucht, macht in der Regel nichts falsch, hier sitzt gebündelte Expertise. Andererseits sind Universitätskliniken oft unpersönlicher, weil sie jedes Jahr viel mehr Patienten haben als kleinere Krankenhäuser.

In kleineren Krankenhäusern ist die Versorgungsqualität oft gut genug. Wenn sich das Krankenhaus auf eine bestimmte Operation spezialisiert hat, zum Beispiel auf die Implantation künstlicher Hüftgelenke, haben kleinere Häuser sogar mehr Erfahrung als Universitätskliniken. Und auf die Erfahrung kommt es bei Operationen zu einem großen Teil an. Denn oft ist es bei Ärzten ähnlich wie bei Handwerkern: Je mehr Übung sie haben, desto weniger Fehler unterlaufen ihnen. "Deshalb ist die Erfolgsquote bei einem Eingriff bei Kliniken mit niedrigen Fallzahlen meist schlechter als bei solchen, die darin viel Routine haben", sagt der Qualitätsforscher Joachim Szecsenyi, Direktor des Instituts für angewandte Qualitätsförderung und Forschung im Gesundheitswesen (AQUA) in Göttingen. Daher sollte die Fallzahl eines bestimmten Eingriffes eines der Hauptauswahlkriterien einer Klinik sein. Nachschauen kann man die Fallzahlen einzelner Kliniken auf der Weißen Liste. Bei besonders seltenen oder außergewöhnlichen Eingriffen hingegen sollte eine Universitätsklinik aufgesucht werden oder zumindest eine Klinik, die als Lehrkrankenhaus an eine Universitätsklinik angebunden ist.

5. Vertrauen Sie nicht allein auf Bewertungsportale

Kommen wir noch einmal zu den Arztbewertungsportalen zurück. Zwar versuchen die großen, renommierten Portale wie Jameda, Qualität zu gewährleisten und gefälschte Patientenbewertungen zu verhindern, doch das gelingt nicht immer. Selbst wenn eine große Mehrheit der Bewertungen echt ist, stammt sie eben von den Patienten – und die können die Fachkompetenz eines Arztes nur begrenzt beurteilen. Verschiedene Studien aus den USA (JAMA: Gray et al., 2015) und Großbritannien (Journal of Medical Internet Research: Greaves et al., 2012) zeigen, dass Behandlungsqualität nicht oder nur sehr bedingt mit den Bewertungen der Patientinnen zusammenhängt. Deshalb sollte grundsätzlich nicht allzu viel auf Bewertungsportale gegeben werden. Andererseits sollte man den Gesamteindruck der Bewertenden vor allem bei besonders negativen Bewertungen auch nicht völlig ignorieren. Denn eine grottenschlechte Bewertung ist in jedem Fall ein Warnsignal. Selbst ohne Fachkompetenz erkennen eben die meisten Menschen einen sehr schlechten Arzt.