Und wieder Sommerzeit. Um zwei Uhr heute Nacht wurde die Mitteleuropäische Zeit auf drei Uhr vorgestellt, astronomisch ist das die Zeit von Antalya. Nach der um eine Stunde kürzeren Nacht sind wieder alle müde und haben schlechte Laune, wie immer zu Beginn der Mitteleuropäischen Sommerzeit (MESZ). Schuld daran ist die Politik. Die MESZ wurde EU-weit 1996 eingeführt, in Deutschland bereits 1980. Damals hat die DDR angefangen und die BRD ist nachgezogen. Muss das sein? Was bringt die Sommerzeit? Ist wirklich sie es, die uns müde macht? Oder ist es einfach die Frühjahrsmüdigkeit, über die man schon vor der Sommerzeit klagte?

Anfang Februar 2018 debattierte sogar das EU-Parlament über die Sommerzeit. Der Verkehrsausschuss hatte vorgeschlagen, sie abzuschaffen. Das kam nicht durch, aber die EU-Kommission muss jetzt untersuchen lassen, welche Vor- und Nachteile sie hat. Tatsächlich liegen die wissenschaftlichen Fakten längst auf dem Tisch (Sleep Medicine Reviews: Harrison, 2013).

Die Sommerzeit spart keine Energie

Praktisch begründet wird die Sommerzeit seit jeher damit, dass sie Energie spare, weil wir dann im Sommer abends erst später Licht brauchen. Die Idee ist nicht ganz neu: Bereits 1784 hatte Benjamin Franklin, einer der Gründungsväter der Vereinigten Staaten, sie "zum Kerzensparen" vorgeschlagen. Allerdings meinte er das eher als Witz, wie Jürgen Zulley in seinem Buch Schlafkunde berichtet. Zwar stimmt die Sache mit dem Licht, doch zum Ausgleich heizen wir morgens mehr, wenn wir eine Stunde früher aufstehen. Erst kürzlich hat Michael Schunke aus Erfurt an Eigenheimen durchgerechnet, dass der Gesamtenergieverbrauch durch die Sommerzeit letztlich sogar steigt.

Noch eindeutiger wird es, wenn man in den Blick nimmt, wie Menschen als Lebewesen auf die Sommerzeit reagieren. Sie erleben nämlich mit der neuen Uhrzeit eine Art Jetlag von einer Stunde. Das ist ungefähr so, als wäre man über Nacht nach Antalya geflogen. Bei einem Jetlag ist man zur falschen Zeit müde und wach, schläft schlechter oder gar nicht und fühlt sich generell nicht wohl. Die innere Uhr kann sich allerdings an den Jetlag anpassen. Bei einem Jetlag von mehreren Stunden braucht sie pro Stunde einen Tag (Praxis: Cajochen, 2005; pdf). Objektiv zeigt sich das daran, dass sich der Tiefpunkt der Körpertemperatur, der bei den meisten zwischen zwei und vier Uhr morgens liegt, um die jeweilige Stundenanzahl nach vorne oder hinten verschoben hat. Die innere Uhr braucht äußere Hilfen – Zeitgeber –, um sich anzupassen. Der mit Abstand wichtigste Zeitgeber ist helles Licht, am besten Sonnenlicht (The Circadian Clock: Daan, 2010, Science: Münch et al, 2017). Auch regelmäßige Ereignisse können als Zeitgeber dienen, sie wirken aber deutlich schwächer als das Licht.

In Antalya funktioniert die Umstellung reibungslos, weil die Sonne eine Stunde früher auf- und wieder untergeht als hier. Das ist anders, wenn die Sommerzeit beginnt. Dieser Jetlag hat nichts mit der Sonne zu tun, weil die bleibt, wie sie war. Man zählt ihn zu den sozialen Jetlags, der damit zu tun hat, wie wir unser Zusammenleben organisieren. Um uns daran anzupassen, haben wir zunächst nur den Zeitgeber Uhrzeit zur Verfügung. Weil er schwach ist, dauert die Anpassung etwa eine Woche.

Die Folgen der Sommerzeit: Richter urteilen härter, es gibt mehr Herzinfarkte

Aufstehen müssen trotzdem alle eine Stunde früher. Da man nicht unbedingt einschläft, wenn man einfach eine Stunde früher ins Bett geht, war die vergangene Nacht bei vielen zu kurz. Die sicherste Vorbereitung tut sich kaum jemand an: Die zwölf Tage vorher morgens jeweils fünf Minuten früher aufstehen, abends ähnlich, aber nicht so streng. So wenige Minuten schafft die innere Uhr ohne Weiteres. Wer unvorbereitet ist, startet fast unweigerlich mit einem Schlafdefizit in die erste Sommerzeitwoche und mit schlechterem Schlaf überdies. Erst nach einer Woche, wenn sich die innere Uhr umgestellt hat, wird der Schlaf wieder besser. 

Dass fast alle in der ersten Sommerzeitwoche müder als sonst sind, kann Folgen haben. So sollte man am Montag nach der Zeitumstellung nicht vor Gericht stehen; zumindest US-Richterinnen und Richter verhängen da im Schnitt härtere Urteile als an anderen Montagen (Psychological Science: Cho et al., 2017). Vor allem gibt es mehr Verkehrsunfälle, Schlafforscher Zulley spricht von acht Prozent zusätzlich, die meisten wegen Müdigkeit, einige deshalb, weil mehr Leute noch in der Dunkelheit losfahren müssen (Sleep Medicine Reviews, Harrison, 2013). Außerdem erleiden zu Beginn der Sommerzeit etwas mehr Menschen einen Herzinfarkt als in anderen Wochen des Jahres. Das belegte gerade eine italienische Arbeitsgruppe, die alle empirischen Studien zum Thema geprüft und die sechs besten mit insgesamt fast 90.000 Patienten systematisch analysiert hat (European Review for Medical and pharmacological Sciences, Manfredini et al., 2018). Was hinter den zusätzlichen Herzinfarkten steckt, ist nicht geklärt, es könnte die Desynchronisierung selbst sein, aber auch der Schlafmangel.

Das ganze Jahr über Sommerzeit?

Sollten wir die Sommerzeit also abschaffen? Und auf die langen Abende im sommerlichen Biergarten verzichten? Dagegen gibt es einen Vorschlag der Netzkommentatoren, den einige Politikerinnen und Ökonomen teilen: einfach das ganze Jahr über Sommerzeit. Gute Idee? Nicht wirklich. Denn das hieße zum Beispiel für Kiel im hohen Norden, dass dort im Winter die Sonne erst um 9.40 Uhr aufginge. Für Menschen in Frühschicht ein Horror. Wenn man lange vor Sonnenaufgang aufstehen muss, dann wirkt sich das immer auf die Wachheit, die Stimmung und die Gesundheit aus. Je früher, umso deutlicher, weil dann die Sonne erst lange nach dem Aufstehen als Zeitgeber wirken kann. Schon das halbe Jahr Sommerzeit überfordert das chronobiologische System mancher Menschen so, dass sie durchweg im sozialen Jetlag leben. Das ist umso wahrscheinlicher, je weiter westlich jemand in unserer Zeitzone wohnt (Current Biology, Roenneberg et al, 2007), weil dort die Sonne, relativ zur Uhrzeit, später aufgeht.

Ein Land hat es trotzdem versucht. In Russland blieb man ab Herbst 2011 einfach bei der Sommerzeit, die Uhren gingen dauerhaft um eine Stunde vor, bis zum Herbst 2014. Da kehrte man zur Normalzeit zurück, diesmal ganzjährig. Gerade eben hat eine russische Arbeitsgruppe um Mikhail Borisenkow (Biologic Rhythm Research, 2017) untersucht, wie sich diese Zeitsysteme auf die Schlafgesundheit von knapp 8.000 Mädchen, Jungen und Teenager auswirkten. Demnach litten in den Jahren der Dauersommerzeit erheblich mehr Jugendliche unter sozialem Jetlag als zuvor, sie waren müder und schliefen weniger regelmäßig. Außerdem zeigten sie mehr Symptome der Winterdepression, die direkt mit zu wenig Sonnenlicht zusammenhängt. Am besten war die kontinuierliche Normalzeit, die seit 2014 gilt. Das bestätigt im empirischen Großversuch, was nahezu alle Schlafforscherinnen und -forscher fordern: Sommerzeit abschaffen (zum Beispiel Psychological Science, Barnes & Drake, 2015).

Was könnte sonst noch hinter der Müdigkeit stecken?

Und wie steht es um die Frühjahrsmüdigkeit? Oder ein Vitamin- oder und Hormonmangel? Einige Hormone, etwa Melatonin und Cortisol, haben tatsächlich leichte Jahreszeitenrhythmen. Es kann müde machen, wenn man zu viel oder zu wenig von ihnen hat. Doch weniger davon hat man allenfalls im Winter, nicht dann, wenn der Winter endet. Lediglich für Vitamin D, das eigentlich ein Hormon ist, könnte besonders das Frühjahr kritisch sein. Menschen können Vitamin D zwar eine Weile speichern, doch neues bilden sie nur, wenn genug Sonnenlicht die Haut erreicht. Wenn also am Ende des Winters die Vitamin-D-Speicher leer sind, die Sonne nördlich der Alpen aber noch zu schwach, dann kann es zu einem Mangel kommen. Und manche Medizinerinnen und Mediziner glauben, dass ein solcher Mangel müde macht (Scandinavian Journal of Primary Health Care, Knutson et al., 2010; Medicine: Nowak et al., 2016).

Doch das ist nicht die Frühjahrsmüdigkeit, über die sich Nutzer in Foren austauschen und gegen die sie Tipps und Tricks sammeln. Was sagt die Wissenschaft zu diesem Phänomen? Genau genommen: nichts. Internationale und deutschsprachige medizinische und psychologische Datenbanken fördern nahezu nichts Brauchbares zutage, was systematisch mit Müdigkeit im Frühjahr zu tun haben könnte. Das Stichwort "Frühjahrsmüdigkeit" selbst taucht in den Datenbanken nur dreimal auf: einmal 1946 und einmal 1984. Das dritte Mal erscheint die Frühjahrsmüdigkeit dann in einem spanischen Medizinjournal für Hausärzte von 2013 (Atención Primaria: Cerecedo Pérez et al., 2013) – es dient als Beispiel für Fake-Krankheiten. Die allgemeine Müdigkeit der nächsten Woche hat nur einen Grund: die Umstellung der Uhren.