Bakterien als Herzensbrecher

Chlamydien sind ins Visier der medizinischen Fahnder geraten. Das Bakterium lebt in den Zellen und soll schuld sein am Herztod von Millionen

Sieht so der Steckbrief des Killers aus? Größe: 250 millionstel Millimeter, erstmals gesichtet 1982. Der Name des Unholds: Chlamydia pneumoniae. Vor zehn Jahren geriet der Erreger erstmals ins Visier der medizinischen Fahndung, seither häufen sich die Verdachtsmomente gegen den winzigen Parasiten. Sollte die Bazille für Arteriosklerose und damit für Millionen Herz-Kreislauf-Tote verantwortlich sein? Vergangene Woche präsentierte das Forscherteam des Mediziners Christoph Meier vom Boston University Medical Center neue Befunde, die das Bakterium belasten. Offenbar, so das Fazit, können Antibiotika gegen die tödlichen Gefäßblockaden schützen. Die Mediziner hatten die Krankenakten von mehr als 3300 britischen Herzinfarktpatienten durchforstet und überprüft, ob die Herzkranken zuvor in ihrem Leben mit Antibiotika gegen eine Bakterieninfektion behandelt worden waren. Zum Vergleich zogen sie die Gesundheitsdaten von über 13000 Briten heran, die nie einen Herzinfarkt erlitten hatten. Ergebnis des Datenabgleichs : Menschen, die in den vergangenen drei Jahren mit Antibiotika aus der Gruppe der Tetrazykline behandelt wurden, haben ein um ein Drittel geringeres Herzinfarktrisiko, rechneten Meier und Kollegen im Fachblatt Jama vor. Bei Behandlung mit antibakteriellen Chinolonen sinke die Gefahr auf weniger als die Hälfte. Beide Antibiotikagruppen gelten als hochwirksam gegen Chlamydieninfektionen.

Für eine massenhafte Verordnung von Antibiotika für Herzinfarktpatienten und Arteriosklerosekranke ist es nach Ansicht der meisten Experten allerdings zu früh. Fritz Hermann Kayser, Chef der Abteilung für Medizinische Mikrobiologie am Zürcher Universitätsspital, warnt: "Der Beweis, daß es sich bei der Chlamydieninfektion um die auslösende Ursache von Arterienverkalkung und Herzinfarkt handelt, ist nicht erbracht." Noch halten die meisten Mediziner am hart erarbeiteten Theoriegebäude der Arterioskleroseforschung fest: Bluthochdruck und Fettleibigkeit, Rauchen und cholesterinreiche Nahrung gelten weiterhin als Auslöser der Gefäßverkalkung. Doch der Bostoner Befund rückt den Verdacht, daß Arterienverkalkung durch eine Bakterieninfektion hervorgerufen wird, in die Nähe einer Gewißheit. Seit Jahren geistert er durch die Medizinergazetten. Schon Ende der achtziger Jahre fanden finnische und amerikanische Forscher erhöhte Antikörpermengen gegen die Bakterien im Blut von Arteriosklerosepatienten. Kurz darauf stießen Forscher dort auch auf das Erbgut der Bazille.

Aufsehen erregte jedoch erst die Untersuchung des US-Kardiologen Brent Muhlestein. Sein Team hatte die Chlamydien 1996 im Arterienkalk von Infarktkranken aufgespürt. Ärzteteams in London und Buenos Aires behandelten daraufhin Herzpatienten zusätzlich mit einem Antibiotikum gegen Chlamydien. Bei den Patienten sanken danach kritische Blutwerte, die auf eine Entzündung hindeuten. Und: Bei den mit Antibiotika behandelten Patienten traten weniger Infarkte auf. Auch bei Kranken, die unter Angina pectoris litten, verringerten sich unter dem Einfluß des Bakterienkillers die Krankheitszeichen drastisch - der stechende Herzschmerz gilt als typischer Vorbote eines Herzinfarktes. US-Mediziner meldeten 1997, daß gesunde Menschen mit einem erhöhten Spiegel des C-reaktiven Proteins (CRP) im Blut ein bis zu dreifach erhöhtes Risiko tragen, später an Arterienverkalkung und Infarkt zu erkranken. CRP gilt den Medizinern als sicheres Anzeichen für eine Bakterieninfektion. Inzwischen mehren sich die Anzeichen, daß auch die Hessischen Risikofaktoren wie überhöhter Cholesterinspiegel und Bluthochdruck Folgen einer Infektion sein könnten: 38 Prozent seiner Bluthochdruckpatienten, stellte der britische Mediziner Peter Cook im vergangenen Jahr fest, wiesen verräterische Antikörper gegen die Bazillen im Blut auf, in einer Gruppe gesunder Menschen waren es nur halb so viele.

Verläßliche Auskunft wird es erst in zwei Jahren geben: Dann sollen die Resultate internationaler Studien vorliegen, in denen die Wirkung von Antibiotika auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen an Tausenden von Patienten geprüft werden. Die Pharmazeuten rüsten sich bereits: Mehrere US-Firmen, verkündete Kardiologe Muhlestein diese Woche beim Treffen der Herzmediziner in Davos, planen neue Forschungsprojekte. Ziel: Impfstoffe gegen den mutmaßlichen Killer

(c) DIE ZEIT Nr. 7 vom 11.2.1999

 
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