ZEIT Geschichte Der Hausherr der Seele
Sigmund Freud war einer der großen Entdecker seiner Zeit. Als Wissenschaftler ist der Erfinder der Psychoanalyse bis heute umstritten. Was bleibt?
Im September 1910 machte der Wiener Nervenarzt Sigmund Freud eine Reise nach Italien. Das Wetter war »bezaubernd schön«, aber es gab auch Schattenseiten: »Anzüge gehen bei den Eisenbahnfahrten rigid zugrunde Die Wäsche wird viel leichter schmutzig als in Nordwijk « Freuds Frau Martha und seine zahlreichen Kinder hatten zu Hause bleiben müssen. Der außerordentliche Professor der Wiener Universität, wiewohl längst ein berühmter Mann, konnte sich einen italienischen Familienurlaub nicht leisten: »Es thut mir schrecklich leid, dass ich Euch das nicht verschaffen kann. Um das alles zu 7., zu 5. oder auch nur zu 3. zu genießen, hätte ich nicht Psychiater u. angeblich Gründer einer neuen Richtung in der Psychologie, sondern Fabrikant von irgend etwas allgemein Brauchbarem wie Klosettpapier, Zündhölzchen, Schuhknöpfen werden müssen. Zum Umlernen ist es jetzt zu spät « Gemessen mit den Maßstäben einer bürgerlichen Karriere, war es mit Freud tatsächlich recht mühsam vorangegangen: Das Handbuch österreichischer Autorinnen und Autoren jüdischer Herkunft , herausgegeben von der Österreichischen Nationalbibliothek, hält penibel fest, dass es von Freuds Habilitation bis zur Ernennung zum ordentlichen Professor 34 Jahre dauerte.
Bis heute ist der Streit darüber, ob Freud etwas für die Menschheit Lebensnotwendiges erfunden hat oder ob er bloß ein spekulativer Philosoph, schlimmstenfalls ein Scharlatan gewesen ist, nicht abgeebbt. Wahrscheinlich gerade wegen seiner Umstrittenheit ist das Logo »Freud« eingegangen ins Weltgedächtnis, das tiefernste bärtige Gesicht mit den unergründlich forschenden Augen zumal, aber auch seine Therapie-Erfindung, die Patientencouch. Hätte er sie sich rechtzeitig patentieren lassen, er wäre vielleicht doch noch zu Lebzeiten ein vermögender Mann geworden.
Als vor ein paar Jahren die Bilanzen zum 20. Jahrhundert gezogen wurden, spielte der Name Sigmund Freud eine herausragende Rolle. Er hatte mühelos den großen Verlierer Karl Marx an Vitalität übertroffen. Freuds Werk, die Psychoanalyse, mochte noch so umstritten sein, über ihre epochale Bedeutung war man sich einig. Vor allem die Menschen aus der Kultur, weniger jene aus dem Reich der exakten Naturwissenschaften, stehen seit einem Jahrhundert Spalier, wenn es darum geht, Freud zu ehren. Im frisch erschienenen Buch Sigmund Freud von Micha Brumlik steht: Er »schuf nicht mehr und nicht weniger als eine neue Anthropologie, eine neue Lehre vom Menschen, die universale und überzeitliche Gültigkeit beanspruchen muss«. Das Unisono der Bewunderung kehrt bei jeder Stichprobe aus der Vergangenheit wieder. Die Literaten der ersten Jahrhunderthälfte, von André Gide bis D. H. Lawrence, haben ihn als neuen Christoph Kolumbus besungen. Thomas Mann sah in ihm den »Ritter mit erzenem Blick«, der sich furchtlos in die finstersten Seelenabgründe hinuntergewagt habe. Der englische Dichter Wystan Hugh Auden prägte das Wort von Freud als Meinungsklima und bewies damit einen guten Instinkt. Denn mit dem Handwerkszeug der Wissenschaftsgeschichte allein ist Freuds Wirkung überhaupt nicht zu fassen. Wer sich auf Freuds Spuren begibt, der stellt im Gegenteil fest, dass seine Breitenwirkung oft im krassen Gegensatz zur exakten Kenntnis seiner Theorien stand.
Unmöglich ist es, zwischen wissenschaftlicher und unwissenschaftlicher Wirkungsgeschichte sauber zu unterscheiden. Freuds Thesen und Begriffe haben alles Denken über die conditio humana infiltriert, sie haben die Medizin wie die Literatur, die bildende Kunst wie die Politik und die Alltagssprache durchwandert und ihre Spuren hinterlassen. Nichts blieb danach so, wie es vorher gewesen war. Zwar hatte sich Freud immer als Wissenschaftler verstanden, aber gewaltig in der Sprache, gewaltig in der Entfesselung von Sympathie und Antipathie, hat er in Wirklichkeit eine Bewegung begründet, die das 20. Jahrhundert auf ähnliche Weise herausgefordert hat wie die Religionsschöpfungen früherer Epochen. Ein Jahrhundert lang ging es in Sachen Freud nicht zuletzt um Glauben oder Unglauben, um Treue oder Verrat, um Orthodoxie oder Ketzertum. Die Anhänger Freuds haben ihn lange geradezu als »Religionsstifter« verehrt.
Freuds Lehre
Was er um 1900 mit wenigen, kühnen Schriften in die Welt warf, war etwa Folgendes: Das Ich des Menschen ist nicht Herr im Haus seines Lebens und seiner Seele. Das Es, die verborgenen, unbewussten Zonen, regiert mit auf überraschende, oft kaum zu kontrollierende Weise viel machtvoller, als es die alteuropäische Dialektik von Willen und Gefühl, Moral und Leidenschaft hatte wahrhaben wollen. Denn das Unbewusste, das Es, ist primitiv und irrational, es ist rein dynamisch. Es kennt keine Wertungen, nicht Gut und Böse, Moral ist ihm fremd. Es ist immun gegen die Erfahrung der Zeit, seine Erfahrungen vergilben nicht, verhalten sich nach Jahrzehnten so, als seien sie eben erst entstanden. Sexualität und archaische Triebe bewegen das Leben von Kindheit an und treten unter den erstaunlichsten Masken auf.
Der verborgenen Mechanik der Seele auf die Spur zu kommen, bedarf es einer Archäologie der Träume und der scheinbar bedeutungslosen Alltagsphänomene wie des Vergessens, Versprechens und des Witzes. Seelische Krankheit rührt von »neurotisierenden« Familienkonstellationen in Kindheit und Jugend her, von früh erlebter Sexualität, früh erlittener Angst und Ohnmacht, die zum leidvollen Konflikt zwischen Ich und Es führen. Und heilen kann man in einem kontrollierten Assoziationsgespräch zwischen Arzt und Patient, Analyse genannt, bei dem die »Übertragung« vom Patienten auf den Therapeuten eine große Rolle spielt. Das Ziel der Analyse ist, der Menschenseele eine neue, ihrer komplizierten Mehrschichtigkeit bewusste Fassung zu geben: »Wo Es war, soll Ich werden.« Eine Art postnaive Souveränität ist das Ziel, und nützlich dabei ist die Erinnerung, dass alles Menschenschicksal nicht nur seine individuelle Erfahrung spiegelt, sondern jahrtausendealte Mythen und Lebensmuster wie die Ödipussage. Was Freud fast atemlos in großen Strichen skizzierte, formten seine Anhänger, fast alles jüdische Ärzte wie er, in den Jahrzehnten danach zu einem ausgeklügelten Gebäude, erschließbar mit Hilfe eines ganzen Vokabulars neuer Begriffe: Libido, polymorph-pervers, Über-Ich, Phobie, Verdrängung, Sublimierung. Nach den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs fügte Freud seiner Theorie noch den Trieb zur Destruktion, zum Tode, hinzu.
Freud in seiner Zeit
Ein radikaler Entwurf wie dieser kommt nicht aus dem Nichts. Seine Kühnheit spiegelt und überwindet gleichermaßen die Tendenzen der Epoche. Freud war ein Kind des 19. Jahrhunderts, ein Bürger der alten bürgerlichen Welt mit ihrem Fortschrittsglauben und ihrem Rationalismus, ihrem Schwelgen in Idealen, ihrem rastlosen Drang nach Weltenträtselung, ihrem Stolz auf die Beschleunigung des wissenschaftlichen- technischen Fortschritts. Es war die Zeit der rapiden Säkularisierung: Verfasste Kirchenreligion verlor ihr Monopol der Welt- und Seelendeutung, Religion bekam die Nebenrolle einer didaktischen Instanz zur Stabilisierung der Klassengesellschaft. Charles Darwins Evolutionstheorie verabschiedete den allmächtigen Schöpfergott aus der Naturgeschichte. Nietzsches »Gott ist tot« war die philosophische Urkunde für diesen Prozess. Wer etwas bewegen wollte, dachte an Gerechtigkeit nicht im Jenseits, sondern im Diesseits. Mit dem Sozialismus/Kommunismus von Karl Marx wuchs eine alles Bürgerliche bedrohende, zugleich erschreckende wie viele Menschen faszinierende Gegenwelt heran.
In allem und hinter allem aber leuchtete der Traum vom Individuum, das sich autonom entfaltet und den Platz in der Welt erobert, der ihm zukommt: frei, unbegrenzt in seinen Möglichkeiten, solidarisch, human. So weit, so europäisch. Aber Freud erlebte die Belle Époque in einer ganz besonderen Ausprägung, wo sich in all das Fortschrittspathos eine schwer zu überhörende Endzeitmelodie beimischte: Er war ein Bürger der k. u. k.-österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie, die nach dem klassischen Wort von Karl Kraus damals die »Versuchsstation Weltuntergang« war. In diesem ersten multikulturellen Staat der Moderne prallten in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg die schärfsten Gegensätze aufeinander.
Über allem thront, die »apostolische Majestät« von Kaiser Franz Joseph I., einem supranationalen Reichsgedanken verpflichtet, dem von allen Bürgern Österreichs eigentlich nur noch der Adel und die Juden unverbrüchlich die Treue hielten. Zu diesem österreichischen Judentum gehörten die Freuds; alles an ihnen war typisch, die Herkunft aus den böhmischen Ländern, der kaufmännische Beruf der älteren Generation, der dramatische Aufstieg aus der Outcast-Rolle, die noch Freuds Vater demütigend am eigenen Leib erfahren hatte, ins strahlende Licht der Metropole Wien, der unbändige Bildungswille und der Ehrgeiz, sich in der Welt einen Namen zu machen.
1856 wird Sigmund Freud in einer mährischen Kleinstadt geboren, 1860 zieht die Familie nach Wien. Im Kampf um einen Platz an der Sonne »assimiliert« man sich, das heißt: Das traditionelle Judentum wird rigoros abgestreift. Typisch auch die Erfahrung, dass Juden trotz aller Assimilierung weitgehend unter sich blieben; auch die Geschichte der Psychoanalyse spielte zu Beginn fast nur innerhalb jüdischer Kreise. Die Juden wussten besser als alle anderen Österreicher, wie brüchig der schöne Schein ist. Denn seit der Revolution von 1848 drehte sich das Karussell der Verfassungsexperimente, welche die destruktiven Interessengruppen bändigen sollten. Die radikalen Nationalismen versuchten den Menschen eindimensional sprachlich-ethnisch zu definieren. Längst vor 1914 gab es in der k. u. k. Monarchie »nationalsozialistische« Parteien und bösartigen Antisemitismus. Völkisch-rassistische Ideologen warfen alle Humanität zugunsten biologischer Abhängigkeiten über Bord. Das kaiserliche Wien vor 1914, in dem Freud, von der Gesellschaft kaum geliebt, aber auch nicht behindert, sein Gedankengebäude errichtete, war auch »Hitlers Wien«, wo der Mensch aus dem Nichts die Schule des Vorurteils und des Hasses absolvierte. Franz Grillparzer, der österreichische Staatsdichter, hatte voller Vorahnung bemerkt, der Weg der Menschheit werde wohl von der Humanität über die Nationalität zur Bestialität gehen - exakt diese Prophezeiung sollte sich in der Lebensspanne Sigmund Freuds traurig erfüllen.
1918 war das Vorspiel zu 1938; die schlecht gelöste Frage, was denn aus der Gemengelage der Nationen in Mitteleuropa werden sollte, wenn man die »Idee Österreich« aufgab, beantwortete Hitler mit einer Orgie der Gewalt, deren erstes Opfer das kleine Nachbarland wurde. Während Wiens Juden im März 1938 vom Nazimob auf den Straßen gedemütigt wurden, verließen die letzten Patienten den alten Freud, der nur noch einen Wunsch hatte, » to die in freedom «. Drei von Freuds Schwestern wurden im Holocaust ermordet.
Die Wirkungsgeschichte
In der akademischen Welt Wiens blieb Freud jahrzehntelang ein Außenseiter. Das hinderte nicht den Aufstieg zu einem der Chefdenker seiner Zeit. Freuds Theorie war deshalb so wirkungsvoll, weil sie in einer Epoche der Emanzipation gleichsam den Schlüssel zur letzten noch verschlossenen Tür lieferte. Eisenbahn, Dampfschiff, Telegrafie, Weltmarkt, Zeitungen und Migrationen hatten gerade die erste Globalisierung verursacht. Menschen lösten in Massen, freiwillig oder unfreiwillig, alte Bindungen. Auch die Familie, das Gehäuse uralter Abhängigkeiten, geriet in ihre große Krise. Antworten darauf waren versperrt hinter der Tür der Prüderie, die als Selbstdisziplinierung des Bürgertums zum Aufstieg der neuen Klasse im 18./19. Jahrhundert beigetragen hatte. Nun blockierte die Sprachlosigkeit, hinter der die bürgerliche Familie die »Dinge des Lebens« versteckte, den Schritt ins Freie. Freuds Psychoanalyse war für die progressiven bürgerlichen Eliten deshalb sofort von charismatischem Glanz umgeben, weil sie anstelle einer bloßen Optimierung der Mann-Frau-Beziehungen (mit der Freud angefangen hatte) sehr bald auf die Anerkennung jeder Individualität hinauslief. Nicht was Sigmund Freud im Einzelnen über die Wechselwirkung von Libido, Triebabfuhr oder Sublimierung herauszufinden glaubte, machte die Faszination der Psychoanalyse aus. Sondern dass hier ein Genie der wissenschaftlich-philosophischen Begriffsbildung seine Sprachgewalt benutzte, um den intimsten Phänomenen, die über Glück und Unglück der Biografie entschieden, endlich Platz im hellen Licht der Gesellschaft zu verschaffen.
Als der Erste Weltkrieg innerhalb von vier Jahren die viktorianische Gesellschaft in den Abgrund gestürzt und die Stellung der Frau radikal verändert hatte, stand die Psychoanalyse bereit, im Chaos Wegweiser aufzustellen. Die »neue Frau« der zwanziger Jahre, die Erziehungs- und Sexualreform der Weimarer Republik, schließlich der Kampf um die Entkriminalsierung der Homosexualität verdankten dem Wissenschaftspathos Freuds ihre Würde und ihren langen Atem. In den Instituten für Sexualforschung, deren berühmtestes das von Magnus Hirschfeld in Berlin wurde, wandte man sich nüchtern den Varianten des Eros zu: Begriffe wie Oralität, Analität, Exhibitionismus, Narzissmus, Voyeurismus, Sadismus, Masochismus sickerten langsam, immer noch argwöhnisch beäugt, in die öffentliche Meinungsbildung ein. In den zwanziger Jahren begann bei einigen Schülern Freuds auch der Brückenschlag zur sozialistisch-kommunistischen Bewegung: Die Befreiung von Triebunterdrückung sollte Arm in Arm mit der Befreiung der Arbeit im Kapitalismus erkämpft werden.
Freud und die Künste
Am schnellsten zeigte sich der Erfolg Freuds dort, wohin sein Denken eigentlich nicht gezielt hatte, in den Künsten und den Medien. Die literarische Moderne flog sofort auf die Psychoanalyse, zuerst in Wien, spätestens seit 1910 in allen anderen deutschsprachigen Zentren des literarischen Lebens, seit den zwanziger Jahren in ganz Europa und den USA. Arthur Schnitzler, jüdischer Arzt wie Freud, las die Traumdeutung sofort nach ihrem Erscheinen und vollendete kurz darauf seine Novelle Leutnant Gustl , in der zum ersten Mal in der Literatur ein innerer Monolog verwendet wurde, ein direktes Echo des Assoziationsstromes der Psychoanalyse. Später gingen Joyce' Ulysses und Döblins Berlin Alexanderplatz diesen Weg weiter. Hugo von Hofmannsthal, Thomas Mann, Hermann Hesse und Franz Kafka haben auf Freud reagiert, der seinerseits eine rege Korrespondenz mit den großen Schriftstellern seiner Zeit unterhielt.
1924 erschien Thomas Manns Zauberberg , der in seinen ironischen Spiegelungen Freudscher Ideen, mit einem leibhaftigen Psychoanalytiker als komischer Romanfigur (dem »Seelenzergliederer« Dr. Krokowski) und mit Träumen voller Sexualsymbole auch als Hommage an den Wiener Meisterdenker gelesen werden kann. Den Freunden in der Literatur verdankte Freud auch die einzige große öffentliche Ehrung seines Lebens, den Frankfurter Goethe-Preis - Alfred Döblin hatte alles darangesetzt. Döblin sprach zu Freuds 70. Geburtstag, Thomas Mann zum 80., und die Grabrede hielt ihm 1939 in London Stefan Zweig.
In der bildenden Kunst wurde die Wirkung der Psychoanalyse zuerst bei den Wiener Zeitgenossen vor 1914 manifest, freilich auf wortlose Weise. Egon Schieles kühne Drehungen und Dehnungen des Körpers und seine »schamlose« Überbetonung der Genitalzone und Oskar Kokoschkas einzigartige Serie erhellender Bildnisse beweisen, mit welcher Intensität sich die Wiener Avantgarde unter dem Eindruck Freuds der Zusammenhänge zwischen Körper und Seele vergewisserte. Ganz bewusst auf die Lehren Freuds bezog sich dann am Anfang der zwanziger Jahre die Bewegung des Surrealismus, die von Paris ausging. Sie war eine tiefe Erschütterung des Kunst des Jahrhunderts. Die Surrealisten machten die Träume und Abgründe zu ihrer Substanz, die Tabus - kurz: das, was Freud das Es genannt hatte. André Breton, das Haupt des Kreises, forderte, das »Verdrängte« in den Mittelpunkt zu stellen. Und das surrealistische Gestaltungsverfahren der écriture automatique ähnelte der Assoziationstechnik der psychoanalytischen Sitzung, um unbewusste Seelenschichten für die Kunst zu erschließen. Internationaler Star des Surrealismus und damit auf Umwegen einer der großen Popularisatoren der Psychoanalyse wurde der Spanier Salvador Dalí. Seine Bilder, voller sexueller Anspielungen, machten international Furore. Von den dreißiger Jahren an war Dalí ein Markenzeichen für Träume und Albträume: Das Verständnis des Unbewussten in der Massenkultur, auch seine Vermarktung in Werbung und Modefotografie tragen bis heute Dalís Handschrift.
Es ist immer wieder bemerkt worden, dass die Begrün-dung der Psychoanalyse mit Freuds erster Veröffentlichung ( Studien über Hysterie ) gleichzeitig mit der Erfindung des Kinos stattgefunden hat. Traumdeutung und »Traumfabrik« haben beide 1895 die ersten Schritte gemacht. Der Film hat in seiner Überblendungs- und Rückblendungstechnik, aber auch in den unbegrenzten Möglichkeiten, die irreale Welt des Traumes und der Fantasievorstellungen ins Bild zu bringen, das Freudsche Menschenbild sozusagen nebenbei massenfähig gemacht. Freud selbst konnte mit dem Kino nichts anfangen; die ersten Versuche, die Geheimnisse einer Seele (G. W. Papst, 1926) filmisch umzusetzen, fand er »albern«.
Das Kino seinerseits wusste, was es an Freud hatte: 1925 machte der Hollywood-Produzent Samuel Goldwyn ihm vergeblich den Vorschlag, gegen ein ansehnliches Honorar an der Verfilmung der berühmtesten Liebesgeschichten aller Zeiten mitzuwirken. Von Luis Buñuel über Jean Cocteau ( Orphée ), Ingmar Bergman ( Wilde Erdbeeren ), Federico Fellini ( 8 1/2 ) bis Alfred Hitchcock ( Marnie ) kann man die Spur Sigmund Freuds im Kino verfolgen. In Hitchcocks Spellbound , einem Psychoanalyse-Melodram, kommen sogar zwei Wirkungslinien Freuds zusammen: Salvador Dalí hat die Traumkulissen dafür gemalt. Und alles, was mit Seelenkrankheit und dem Mysterium des Unbewussten assoziiert wird, hat mit Hitchcocks Filmtitel Psycho ein vieldeutiges Allzwecklogo erhalten. Enthoben der wissenschaftlichen Beweisführung und der therapeutischen Strategie, ist die kreative Kraft der Psychoanalyse vielleicht nirgendwo so »bei sich selbst« wie im dunklen Höhlenraum des klassischen Kinos, wo Wirklichkeit und Täuschung, Vergangenheit und Gegenwart in der »Projektion« (auch hier ein psychoanalytischer Anklang) bewegter Illusionsbilder verfließen.
Feindschaft, Emigration, Weltwirkung
Seit ihren Anfängen hatte Freuds Psychoanalyse auch Kritik erfahren. Sie reichte von seriöser naturwissenschaftlicher Falsifizierung bis zu wütender ideologischer Polemik. Berühmt ist das Bonmot von Karl Kraus, der sie als die Geisteskrankheit bezeichnete, für deren Therapie sie sich halte. Lange Zeit verwarfen die Kirchen Freuds Gedanken, vor allem wegen seiner Sexualtheorie. Der Hass der Nationalsozialisten war weniger theoretisch ausformuliert als von primitiver Abneigung gegen alles getrieben, was zur progressiven Weimar Culture zählte. Dass die Psychoanalyse keinen Platz im NS-Staat haben würde, war schon wegen der jüdischen Herkunft der meisten prominenten Analytiker selbstverständlich. Bei der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 auf dem Berliner Opernplatz flogen auch die Bücher Freuds ins Feuer, begleitet von dem »Feuerspruch«: »Gegen seelenzerfasernde Überschätzung des Trieblebens, für den Adel der menschlichen Seele! Ich übergebe der Flamme die Schriften des Sigmund Freud.« Analyse und Analytiker gingen in die Emigration, vor allem in die USA. 1936, bei seiner Rede zu Freuds 80. Geburtstag, hat Thomas Mann in Wien sehr deutlich auf die »zeitgeschichtliche Erfahrung« des NS-Deutschland hingewiesen, das an einer »moralischen Erkrankung« leide, «die durch die Anbetung des Unbewussten, die Verherrlichung seiner allein lebensfördernden Dynamik, ( ) die systematische Verherrlichung des Primitiven und Irrationellen erzeugt« werde: darum der Hass auf den großen Ernüchterer und Entlarver. Der erzwungene Exodus in die angelsächsische Welt war dann der Grund für den endgültigen Durchbruch der Analyse auf jenem Feld, für das sie ursprünglich gedacht gewesen war: der medizinischen Therapie.
In den USA geschah, was bis Ende der zwanziger Jahre noch hinausgeschoben worden war: die Verwandlung einer eng um den Begründer gescharten »Wissenschaftssekte« zu einem regulären Teil der staatlichen und akademischen Forschung und der Sozial- und Gesundheitspolitik. Im Zweiten Weltkrieg erhielt jeder amerikanische Militärarzt eine Basisschulung in Psychoanalyse. Nach 1945 entstanden wegen des großen Bedarfs neue Berufe wie der »klinische Psychologe«. Staatliche Familien- und Jugendberatungsstellen adoptierten eine praxiskompatible Version des Freudschen Denkens. Die amerikanische Psychiatrie legte dank Freud erfolgreich das Negativimage des »Irrenhauses« ab. Im gebildeten Mittelstand der USA wurde die Begleitung der normalen Lebensprobleme durch den Psychoanalytiker fast zum Statussymbol. Auch auf der Couch manifestierte sich ein zentraler Wert Amerikas, die Wichtigkeit des Individuums.
In den Filmen Woody Allens, den Romanen John Updikes, Philip Roths und Louis Begleys gehört der Analytiker zur Standardausstattung des bürgerlichen Lebens wie in vormodernen Zeiten der Beichtvater zum adeligen Standesherrn. Erica Jong, ebenso wie Woody Allen zum jüdischen Establishment der New Yorker Upper West Side gehörend, hat mit ihrem Welterfolg Angst vorm Fliegen 1973 bewiesen, dass man über die Erotik der Psychoanalyse auch herzlich lachen kann - bis heute reißt übrigens die jahrzehntelange Serie der Couch-Cartoons im New Yorker nicht ab! Im Land der »angewandten Aufklärung« mutierte die Analyse, die beim späten Freud längst zur Kulturphilosophie geworden war, zu einem Handwerk, vorrangig benutzt zur »Reparatur« harmonie- und arbeitshemmender seelischer Probleme in der Kleinfamilie, die nach dem Zweiten Weltkrieg noch einmal eine Renaissance erlebte.
Die massenhafte Verbreitung der Psychoanalyse in den USA, der Leitkultur der westlichen Welt, demokratisierte und banalisierte das psychoanalytische Denken. Alles Sprechen über seelische Phänomene, früher in religiöse, literarische oder philosophische Begrifflichkeit gehüllt, bediente sich jetzt mehr und mehr der Freudschen Erfindungen: Freud öffnete auch fern der Couch den Mund zuerst für das Reden, bald auch für den Small Talk über innerste Erfahrungen.
Wörter wie oral, anal, genital, phallisch, Unbewusstes, Hemmung, Phobie, Trieb, Konflikt, Neurose, hysterisch oder Vaterkomplex flossen in viele Sprachen ein und wurden umdefiniert. Als Versatzstücke, benutzt ohne viel Bedenken, haben die Freudschen Begriffe endgültig ihren wissenschaftlichen Anspruch verloren. Mit dem Unbewussten, das sprachlich auch ins Unterbewusste changiert, geht man genauso lässig um wie mit dem Bild vom Verdrängen, das das alte Kulturwort des Vergessens längst aus dem Feld geschlagen hat. Statt eines Vorbildes geistert das Über-Ich durch die Familiensagas.
Wer jemanden partout nicht ausstehen kann, hat einen Komplex, und jede Allerweltsfamilien-Peinlichkeit arriviert zum Tabu. Neurotisch ist gängiger Schimpfwort-Standard im Geschlechterkampf. Und auch das Trauma ist ein Allerweltswort geworden. Wenn jemand etwas herausrutscht, was er lieber nicht gesagt hätte, ist es allzu schnell eine freudsche Fehlleistung.
Freud und die sexuelle Revolution
Dass auch erogene Zonen und vaginale beziehungsweise klitorale Orgasmen (fast) ohne Erröten öffentlich diskutiert werden, ist eine Folge der letzten großen Psychoanalyse-Welle während der Studentenrebellion der sechziger Jahre. Auch sie nahm von den USA ihren Ausgang. Von Anfang an hieß sie auch »sexuelle Revolution«. Der Ausdruck geht auf den kommunistischen Freud-Schüler Wilhelm Reich zurück. Sein 1945 veröffentlichtes Werk The Sexual Revolution, konzipiert schon in den zwanziger Jahren, verband Psychoanalyse mit »Herrschaftskritik des Kapitalismus«: Die Unterdrückung der vitalen sexuellen Triebe führe zu Aggression und Frustration, welche verdrängt würden und sich als Lust an Macht ein Ventil schaffen müssten. Befreiung der Sexualität verursache deshalb automatisch eine friedliche Veränderung der gesellschaftlichen Strukturen - Menschen, die im sexuellen Glück lebten, ließen sich weniger blind in Herrschaftsstrukturen einbinden oder für gewaltsame Aktionen mobilisieren:
Make love, not war
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Reichs Abkehr von Freuds kulturschöpferischer Idee der Sublimation des Triebhaften passte genau auf die Zeit, in der (zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte) durch die Biochemie der Pille konfliktlose Sexualität am Horizont erschien. Das Freud-Interesse der neuen Linken der sechziger und siebziger Jahre mochte ein Missverständnis gewesen sein - dennoch hat es über den Jargon der 68er die Freudschen Begriffe endgültig zum Esperanto von Sex and the City gemacht.
Was bleibt von Freud?
Da ist, selten als Freud-Folge bemerkt, ein gewandeltes Rechtsgefühl. Die Relativierung des autonomen, aus überlegtem freien Willen allzeit verantwortlich handelnden Individuums durch die Freudsche Lehre hat ihre tiefsten Spuren bis heute im Strafrecht hinterlassen. Seit Freuds Theorie vom unverantwortlich antreibenden Es zum Standard unserer Vorstellung vom Menschen gehört, ist die psychologische Autopsie des Verbrechens eine herausfordernde Aufgabe für alle am Gerechtigkeitsprozess Beteiligten geworden. Strafprozesse handeln von der Überwältigung der Moral (die der Welt des Ichs angehört!) durch das Böse. Wie weit dieses Böse bewusster und damit strafwürdiger Entscheidung entstammt oder wie sehr es aus dem Unbewussten und Unverantwortlichen rührt, das zu entscheiden fällt der Justiz immer schwerer; sie bedient sich immer mehr der gutachterlichen Hilfe der Psychologie, um Gerechtigkeit »nach Freud« zu üben.
Was wir ihm nie vergessen
Was bleibt von Freud dort, wo er einst angefangen hat, als vermeintlich exakter Wissenschaftler? Der Fortschritt der Psychologie und der interkulturellen Anthropologie hat vom Alleinvertretungsanspruch der klassischen Psychoanalyse wenig übrig gelassen. Alle Forschungen über die frühe Kindheit und die Mutter-Kind-Konstellation lassen von Freuds Primat des Sexuellen kaum noch etwas gelten.
Penisneid und Ödipuskomplex sind vom Thron ihrer Menschheitsgültigkeit herabgeholt, ebenso wie die Allgegenwart der sexuellen Symbolik in den Träumen. Was Freud benutzte, war nicht zeitloser Menschheitsstoff, sondern die historisch und kulturell definierte Familienkonstellation der viktorianischen Gesellschaft. Insbesondere das Verständnis von Weiblichkeit bei Freud ist unübersehbar zeitbedingt beschränkt. Vom Traum der frühen Freudianer, aus des Meisters Wegweisungen könne am Ende eine Art ewig gültige Grammatik oder besser noch Physiklehre der Seele entstehen, anhand deren man den Strom der Gedanken und Gefühle ähnlich nachprüfbar verfolgen könne wie den elektrischen Strom in Netzwerken, ist nichts übrig geblieben. Damit ist auch die zentrale Rolle der Psychoanalyse als Heilmethode relativiert. Sie ist zwar, nach jahrzehntelangem Kampf seit den siebziger Jahren, von den Krankenkassen als seriöse Therapie seelischer Störungen anerkannt. Aber andere Methoden wie die Verhaltenstherapie mit all ihren Varianten, von der Skinnerschen Belohnung bis zur paradoxen Intervention Paul Watzlawicks, konkurrieren inzwischen mit Freuds Couch.
Die neueren Methoden offerieren für die »normalen« Seelennöte des Menschen oft viel praktikablere Schnelltherapien. Neuerdings ist der gewaltige Erfolg der Psychopharmaka in der Therapie vieler seelischer Leiden unbestreitbar und mindert die Neigung des öffentlichen Gesundheitssystems zur aufwändigen Psychoanalyse. Dennoch entspannt sich in der jüngsten Zeit der Gegensatz Naturwissenschaft contra Freud. Gehirn- und Nervenforschung lehren: Zwar gibt es nicht das Unbewusste und das Bewusste in starrer Scheidung wie Keller und Dachgeschoss eines Hauses. Aber da wir endlich mehr über die Funktionsverteilung des Gehirns und seine Biochemie der Hormone und Botenstoffe wissen, rückt die exakte Vermessung auch der unbewussten Emotionen, Affekte und ethisch-moralischen Prägungen in Sichtweite.
Was bleibt von Freud? Er hat groß gefragt und große Antworten gegeben. Was immer von ihnen falsch war und der naturwissenschaftlichen Nachprüfung nicht standhält, es bleibt doch die gewaltige Energie im Fragen lebendig. An der Freud-Faszination wird selbst ein so schockierendes und desillusionierendes Buch wie Eva Weissweilers Familienbiografie Die Freuds nichts ändern. In der detektivisch recherchierten Clan-Story bleibt nichts vom milden Licht des Seelenfreundes: Freud als patriarchalischer Tyrann, Ehe-Egoist, kalter Vater, herzloser Bruder, ein Mann, der seiner Familie kein Glück bringt. Dass große Denker keine guten Menschen sein müssen, wissen wir längst.
Micha Brumliks philosophisches Buch Sigmund Freud - Der Denker des 20. Jahrhunderts und Eli Zaretskys Geschichte der psychoanalytischen Branche Freuds Jahrhundert beweisen, dass wir noch lange nicht fertig sind mit dem Titan aus der Wiener Berggasse 19. Thomas Mann, hintersinnig wie immer, wenn er lobte, hat über Freud gesagt, mit ihm sei ein »Argwohn in die Welt gesetzt«, ein »entlarvender Verdacht, die Verstecktheiten und Machenschaften der Seele betreffend, welcher, einmal geweckt, nie wieder daraus verschwinden kann«. So ist es: Freud hat uns uns interessant gemacht, das vergessen wir ihm nie.
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- Quelle ZEIT Geschichte 1/2006
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