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Freuds Königsweg zum Unbewussten: Die Traumdeutung als Expedition ins Reich der verschlüsselten Reize

Kürzlich saß ich inmitten aufgeregt lachender Nonnen auf dem Flughafen Hannover, und der Trainer meiner Sportmannschaft aus Kindertagen kam Hand in Hand mit der Grünen-Chefin Renate Künast um die Ecke, leckte aufreizend ein Eis und sagte: "Wir gehen jetzt nach Afrika." Dann versuchte ein orangefarbenes Räumfahrzeug, mich mit enormen Schneemassen zu ersticken, aus dem Führerhaus schaute die tote Katze meiner Schwester.

An einem frühen Morgen aufgewacht, ist dies der Moment, Rat bei der Traumdeutung zu suchen. Jeder kennt das Phänomen, wenn sich nachts scheinbar sinnlose Bilder ins Gehirn schleichen (giggelnde Nonnen und Eis essende Jugendtrainer), wenn verborgene Sehnsüchte in die Seele kriechen (Sex, Fernweh, Mord) und kurzgeschlossene Erlebnisfetzen eine Partitur liefern, die keiner Logik gehorcht. Jeder träumt fast jede Nacht, und jeden Morgen hat der träumende Mensch einen, vielmehr seinen Grundkonflikt verhandelt, den großen, ungelösten Schicksalskonflikt des eigenen Lebens - als ob es eine Instanz gäbe, die den Einzelnen nach ihrem Willen durch die Nacht leitete.

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"Zu meiner großen Überraschung", schrieb Sigmund Freud in seinem Aufsatz Über den Traum 1901, "entdeckte ich eines Tages, dass nicht die ärztliche, sondern die laienhafte, halb noch im Aberglauben befangene Auffassung des Traumes der Wahrheit nahe kommt."

Freud wusste, dass die Entschlüsselung der Gesetzmäßigkeiten des Traums ein Menschheitsrätsel lösen würde. Wohlweislich hatte er sein Hauptwerk Die Traumdeutung auf 1900 vorausdatiert, obschon es im November 1899 gedruckt vorlag - als hätte er gespürt, dass dieses vielfaserige Buch die symbolische Eröffnung eines Jahrhunderts, die Erzählung einer ganzen Epoche werden, dass es einen Paradigmenwechsel vollziehen und die gesamte Wissenschaftskultur beeinflussen würde.

Und in der Tat läutete das Werk eher das 20. Jahrhundert ein, als dass es das 19. abschloss; die unbestrittene Bedeutung der Traumdeutung lag schließlich darin, dass dieses Buch nicht nur eine psychologische Theorie aufstellte und, wie einst Kopernikus und Darwin, einen unentdeckten Kosmos erkundete. Es war darüber hinaus medizinische Heilkunde, Kulturtheorie und Wissenschaftsgeschichte; es nahm Erkenntnisse der Neurowissenschaft vorweg und amalgamierte Geistes- und Naturwissenschaft. Es buchstabierte eine Metabiologie, formulierte eine Anthropologie und zum ersten Mal eine Psychopathologie. Kurzum: Freuds generalstabsmäßige Deutung des Träumens war die verstörend empirische Expedition ins Reich des Lichtlosen und Numinosen, die ihre eigene Entstehungsgeschichte stets mitbedachte und auch ärztliche Behandlungsmethode war. Die Traumdeutung war die Geburtsurkunde der Psychoanalyse. Bis zu Freud war der Traum das Mirakel der Menschheit, das im Dunkeln blieb. Somit ist die Traumdeutung ein Werk der intellektuellen Erhellung und Entmystifizierung. Traumdeutung ist Traumenträtselung und insofern Aufklärung.

Alles begann mit "Irmas Injektion": Freud deutet seinen eigenen Traum

In einem Brief an seine Schwägerin im Jahr 1893 schrieb der 37-jährige Freud: "Ich benütze jetzt meinen Schlaf im Bibliothekszimmer dazu, meine Träume zu notieren, was in zehn Jahren eine schöne Arbeit ergeben wird." Die schöne Arbeit ergab sich früher. 1895 unterzog der Nervenarzt zum ersten Mal einen Traum seiner Deutung, den Urtraum der Psychoanalyse: seinen eigenen, in dem er all das fand, was ihn der Enträtselung des Phänomens näher brachte. Alles begann mit "Irmas Injektion".

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