FischindustrieFrischer Fisch von der Farm

Jeder zweite Fisch, der im Verkauf landet, stammt nicht aus freier Wildbahn, sondern von Fischfarmen. Die Produktion wächst jährlich und bedroht die natürlichen Bestände von 

Lachse werden auf einer industriellen Fischfarm verarbeitet.

Fischfarmen decken die Hälfte des weltweiten Bedarfs an Fisch. Besonders beliebt: der Lachs  |  © Francisco Negroni/AFP/Getty Images

Wer sich frischen Fisch zubereitet, geht davon aus, dass das schwimmende Tier zuvor ein Leben im Meer genossen hat. Doch dieser Schluss trügt, denn jeder zweite Fisch, der weltweit auf den Teller kommt, fristete sein Dasein zuvor in riesigen Fischfarmen. Zwischen 1995 und 2007 hat sich die Fischproduktion in solchen Aquakulturen beinahe verdreifacht, schreiben Forscher im Wissenschaftsmagazin PNAS. Frischer Fisch aus freier Wildbahn wird zur Mangelware.

"Die hohe Nachfrage nach Fisch führte in den letzten Jahren zu einer intensiven Produktion auf den Fischfarmen", sagt Rosamond Nayler von der Stanford-Universität im US-Bundesstaat Kalifornien. Um Fische in Farmen zu züchten, werden große Mengen an Futter benötigt. Dieses besteht größtenteils aus Fischmehl und -öl, für die in den vergangenen Jahrzehnten jährlich zwischen 20 und 30 Millionen Tonnen wilder Fisch gefangen und verarbeitet wurden. Die Konsequenz: Der Druck auf die natürlichen Bestände der Meere und Seen wird immer größer, denn sie dienen den derzeit rund 52 Millionen Tonnen an Farmfischen als Nahrung.

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Besonders hoch ist der Einsatz von Fischmehl bei der Herstellung von Lachs. Rund fünf Pfund wilder Fisch sind nötig, um ein Pfund der fetthaltigen Fische zu produzieren. "Und wir essen viel Lachs", sagt  Nayler.

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Der Fischbedarf steige, weil die Menschen sich auch zunehmend gesünder ernähren möchten, vermuten die Autoren der Studie. Deswegen würden sie auch vermehrt zu öligen Fischarten wie Lachs greifen. Lachs enthält langkettige Omega-3-Fettsäuren, die offenbar unter anderem das Risiko, an einem Herzleiden zu erkranken, senken können. Dies hätten Studien gezeigt. Das Problem ist, das Omega-3-Fettsäuren eben nicht vom menschlichen Körper hergestellt werden und deswegen über die Nahrung zugeführt werden müssen.

Vegetarischer Fisch wird zum Fleischfresser

Seit Anfang der neunziger Jahre wird zudem Fischmehl selbst an Fische verfüttert, die sich in der Natur rein pflanzlich ernähren. Das betrifft vor allem Arten wie den chinesischen Karpfen oder Buntbarsche. Der Grund dafür ist wohl auch die gestiegene Nachfrage für Fisch auf unseren Speiseplänen. Zwar ist der Anteil des Fischmehls am Futter vegetarischer Fische in den vergangenen Jahren wieder gesunken. Doch besteht etwa Futter der chinesischen Karpfen heute immer noch zur Hälfte, das der Buntbarsche noch zu Zwei-Dritteln aus verarbeitetem Wildfisch. 2007 standen rund 12 Millionen Tonnen Fischmehl bei Buntbarschen und chinesischen Karpfen auf dem Speiseplan – anderthalb Mal soviel, wie an Shrimps und Lachse in Aquakulturen zusammen verfüttert wurden.

Die Produktionssteigerung schätzen die Forscher bedrohlich ein. Dabei sei eine nachhaltigere Produktion zum Beispiel durch den verminderten Einsatz von Fischöl eine Möglichkeit. Der Bedarf an wildem Fisch könne auf rund 4 Pfund gesenkt werden, wenn gerade mal 4 Prozent weniger Fischöl verwendet würde, sagen die Wissenschaftler. Ein vermindertes Zufüttern von Fischmehl hätte hingegen nur wenig Auswirkungen.

Die optimale Lösung sei das jedoch nicht. "Unser Verlangen nach langkettigen Omega-3-Fettsäuren wird den Druck auf das marine Ökosystem immer weiter erhöhen", sagt Naylor. Es müsse daher vielmehr gelingen, Omega-3-Fettsäuren kommerziell herzustellen. In laufenden Projekten wird zum Beispiel versucht Omega-3-Fettsäuren von einzelligen Mikroorganismen und genetisch veränderten Landpflanzen zu gewinnen. "Alternative Nahrungszusätze würden den Weg für Aquakulturen ebnen, die die Ozeane unterstützen – und nicht ausbeuten."

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Leserkommentare
  1. diese langkettigen Omega3-Fettsäuren haben es mir auch angetan. So lecker, vor allem wenn die Kette lang ist.

    Jetzt mal ehrlich, ich muß von Zombies umgeben sein, wenn Fisch deshalb gegessen wird, weil es irgendwelche Omega-Sachen enthält. Hoffe die Welt krepiert dran.

  2. Karpfen für die Speisefischproduktion werden in Deutschland und seinen Nachbarländern in der Regel gerade nicht mit Pellets aus Fischöl gefüttert. Fischöl ist auf dem Weltmarkt in den vergangenen Jahren viel zu teuer geworden, um es bei den erzielbaren Preisen für Karpfen wirtschaftlich einsetzen zu können. Der Geschmack würde übrigens auch schlechter.

    Da der Karpfen entgegen dem Bericht auch kein Vegetarier sondern ein Gemischtköstler ist, lautet die Faustregel für jeden ordentlichen Karpfenzüchter 50% Naturnahrung aus dem Weiher (verhindert als limitierender Faktor auch die Überbesetzung eines Weihers) und 50% Zufütterung mit Futterweizen oder Futterroggen. Mehr ist absolut nicht nötig und verursacht nur zusätzliche Kosten.

    Diese Produktionsweise dürfte sich wohl gerade im Vergleich zu den Haltungsformen aller anderen Nutztiere sowohl ernährungsphysiologisch wie auch tierethisch sehen lassen. Auch die Energiebilanz stimmt bei lokaler Produktion.

    Was die übrige Fischproduktion in dem Artikel angeht, möchte ich anmerken, dass bei einem Futterkoeffizienten von 1:5 jeder Lachszüchter in Konkurs gehen würde, auch wenn die angestrebten 1:1,1 wie z.B. in der Forellenzucht üblich, sicher nicht immer erreicht werden.

    Statt Katastrophenszenarien auszubreiten, wäre ein Hinweis sinnvoll gewesen, dass weltweit intensiv daran geforscht wird, Fischöl-Bestandteile durch pflanzliche Eiweisse zu ersetzen und dass dabei in den letzten 3 Jahren enorme Fortschritte erzielt wurden.

  3. Redaktion

    Lieber Leser, vielen Dank für Ihren Hinweis. Die Informationen über die Zufütterung mit Pellets stammen aus der Veröffentlichung im Fachmagazin PNAS. Darin wurde die Fütterung von Speisefisch weltweit untersucht - für die Jahre 1995 bis 2007. Bei dem Karpfen haben sie allerdings absolut Recht: Unser europäischer Karpfen ist natürlich kein Vegetarier. In dem Paper geht es um asiatische Karpfen, die sich nur von Pflanzen ernähren. Das haben wir geändert. Auf die von Ihnen erwähnte Forschung an Ersatzölen wird im letzten Absatz eingegangen. Herzliche Grüße, Ihre ZEIT ONLINE WISSEN Redaktion

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  • Serie Umwelt
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Fisch | Mikroorganismus | Körper | Marine | Produktion | See
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