Naturschutz in Indonesien "Meine Heimat wurde vernichtet"

Der Wissenschaftler Tampung Saman kämpft auf Borneo gegen die Zerstörung des Regenwalds. Dagny Lüdemann hat mit ihm über Erfolge und Widerstände gesprochen.

Dort, wo der ursprüngliche Regenwald abgeholzt, brandgerodet oder für die Landwirtschaft trockengelegt wurde, brennt die nachwachsende Vegetation fast jedes Jahr. Dieses Foto wurde im November 2009 an einer Straße in der Nähe von Palangkaraya im indonesischen Teil Borneos aufgenommen

Dort, wo der ursprüngliche Regenwald abgeholzt, brandgerodet oder für die Landwirtschaft trockengelegt wurde, brennt die nachwachsende Vegetation fast jedes Jahr. Dieses Foto wurde im November 2009 an einer Straße in der Nähe von Palangkaraya im indonesischen Teil Borneos aufgenommen

ZEIT ONLINE: Herr Saman, seit Ihrer Jugend kämpfen Sie für den Naturschutz auf Borneo. Offenbar vergeblich: In den vergangenen 30 Jahren wurde die Hälfte des Regenwalds auf der Insel zerstört. Gibt es nicht genug Menschen, die Sie unterstützen?

Tampung Saman: Die Menschen auf Borneo leben traditionell von dem, was der Wald ihnen bietet. Die systematische Zerstörung fing an, nachdem der ehemaligen Präsident Suharto Tausende Javanesen nach Sumatra, Borneo und auf andere Inseln umgesiedelt hatte. Sie mussten sich eine Lebensgrundlage schaffen, brauchten Ackerland und Arbeit. Holzeinschläge und Brandrodungen waren die Folge. Noch schlimmer wurde es, als internationale und indonesische Firmen dann anfingen, riesige Palmölplantagen auf Borneo anzulegen. Viele der Einheimischen wurden dort zu Tagelöhnern.

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ZEIT ONLINE: Das klingt, als hätten die Menschen gar keine andere Wahl, als den Regenwald zu zerstören.

Saman: Zumindest haben sie aus ökonomischen Gründen kaum Interesse am Naturschutz. Unsere Aufgabe im Rahmen des Central Kalimantan Peatland Project ist es, das Bewusstsein für die Umwelt zu stärken. Seit Jahren brennt es hier in jeder Trockenzeit – vor allem im Gebiet des Mega-Reisprojektes. Dort ließ Suharto Ende der neunziger Jahre eine Million Hektar Waldfläche roden und durch Entwässerungskanäle trockenlegen. Diese Flächen sind sehr anfällig für Brände. Der Rauch gefährdet die Gesundheit der Menschen, gerade in diesem Jahr mussten viele mit Atemwegserkrankungen behandelt werden.

Tampung Saman
Tampung Saman

Tampung Saman wurde in Kalimantan, dem indonesischen Teil Borneos, geboren. Seit seiner Jugend kämpft der Wissenschaftler für Sozialentwicklung von der Universität Palangkaraya gegen die Zerstörung der Natur in seiner Heimat. Mehr als 20 Jahre hat er mit angesehen, wie der Regenwald seiner Kindheit von Holzfällern kahlgeschlagen, für die Landwirtschaft und für Palmölplantagen gerodet und von Waldbränden endgültig zerstört wurde.

Schon in den neunziger Jahren protestierte Saman gegen Holzfirmen und die Politik auf Borneo. Seit 2006 unterstützt er das Central Kalimantan Peatland Project (CKPP).

ZEIT ONLINE: Veranlassen die Waldbrände die Einwohner dazu, stärker über den Schutz des verbliebenen Regenwalds nachzudenken?

Saman: Ja und nein. Für viele gehören Brandrodungen zum Alltag. Wir müssen sie dafür sensibilisieren, dass diese Feuer ein großes Umweltproblem sind. In den letzten Jahren haben wir zusammen mit dem WWF eine Freiwillige Feuerwehr in mehreren Dörfern etabliert und die Menschen in Brandbekämpfung geschult. Im Moment arbeiten wir gerade an der Einrichtung eines Radiosenders an der Universität und für die Dörfer rund um den Sebangau-Nationalpark. Über diesen Sender soll die Bevölkerung künftig über aktuelle Feuer und Vorbeugemaßnahmen informiert werden.

ZEIT ONLINE: Wie reagieren die Leute auf solche Maßnahmen?

Saman: Einige, vor allem die Dayak und andere Ureinwohner Kalimantans, wollen den Wald schützen und erinnern sich daran, dass es ihnen besser ging, als sie noch von Produkten aus dem Wald lebten. Andere, darunter viele der angesiedelten Javanesen, sind gegen die Schutzmaßnahmen, weil sie nicht an den langfristigen Nutzen glauben. Sie wollen lieber kurzfristig Geld machen.

ZEIT ONLINE: Wie versuchen Sie, auch diese Menschen von Ihren Ideen zu überzeugen?

Saman: Wir zeigen ihnen Alternativen zur Arbeit auf den Palmölplantagen oder dem illegalen Handel mit Tropenholz. Neben dem Verkauf von Rattan ist der Anbau von Kautschuk-Pflanzen eine Möglichkeit. Aus dem Gummi werden Isolierungen für Kabel oder auch Kaugummi hergestellt. Wie das geht, können sich die Leute hier auf einer Testfläche in der Nähe von Palangkaraya ansehen. Allerdings ist der Kautschuk-Anbau recht teuer und rentiert sich erst nach Jahren. Deshalb müssen wir für die Menschen eine Übergangslösung finden. Leider steht das Kautschuk-Projekt auf diesem Acker im Moment ohnehin still.

ZEIT ONLINE: Fehlen Ihnen die finanziellen Mittel, um weiter zu machen?

Saman: Nein. Geld haben wir von der Regierung der Niederlande bekommen. Aber die lokale Behörde hat uns bisher nicht die Genehmigung erteilt, das Gebiet hier weiterhin landwirtschaftlich zu nutzen.

ZEIT ONLINE: Und warum nicht?

Saman: Weil 82 Prozent der Flächen in Kalimantan zu Waldschutzgebieten erklärt wurden, in denen keine Landwirtschaft mehr betrieben werden soll. Darunter auch dieser Acker.

Hier stand einst ein dichter Regenwald. Entwässerungsgräben haben den Torfboden ausgetrocknet – seitdem zerstören Waldbrände jedes Jahr die nachwachsende Vegetation auf Borneo

ZEIT ONLINE: Aber das ist doch absurd? Immerhin stehen wir hier auf trockenem Schotter. Um uns herum liegen Tausende Hektar Land brach, auf denen der Wald aufgeforstet werden könnte.

Saman: Mit solchen bürokratischen Hürden haben wir hier häufig zu kämpfen. Das Hauptproblem ist, dass die zentrale Regierung in Jakarta und die Provinz-Regierungen auf Borneo so weit voneinander entfernt sind, und zwar sowohl räumlich als auch, was ihre Ziele angeht. Die indonesische Regierung hat zum Beispiel ein Gesetz erlassen, wonach keine Torfmoorwälder mehr zerstört werden dürfen. Die lokalen Regierungen setzen das aber kaum um, weil sie vielerorts nicht einsehen, was ihre Provinzen davon hätten. Gleichzeitig ist es auf der riesigen Insel sehr schwer, die Einhaltung der Gesetze zu kontrollieren. Im Sebangau-Nationalpark sind zum Beispiel 13 Ranger für ein Gebiet von 600.000 Hektar zuständig.

ZEIT ONLINE: Viele Umweltschützer hoffen, dass der Waldschutz auf der Klimaschutzkonferenz im Dezember in Kopenhagen in ein Kyoto-Nachfolgeabkommen aufgenommen wird. Das würde bedeuten, dass Indonesien für den Schutz der Torfmoorwälder Kohlenstoff-Zertifikate bekommen und damit am Emissionshandel teilnehmen könnte. Würde das den Menschen in Kalimantan helfen?

Saman: Die Experten sind sich nicht einig, ob das Geld aus dieser Quelle bei den Menschen in den Dörfern ankommen würde. Ich selbst glaube daran, wenn wir die administrativen Strukturen dafür schaffen. Das ist eine goldene und wahrscheinlich die einzige Chance für Kalimantan. Allerdings gibt es auf Borneo immer noch Korruption bei der Vergabe von Lizenzen und Konzessionen, die es Firmen erlauben, Waldflächen in Palmölplantagen umzuwandeln. Dagegen anzukämpfen, ist fast unmöglich.

Gegen die Korruption anzukommen, ist fast unmöglich.

Tampung Saman, Wissenschaftler und Umweltschützer in Palangkaraya

ZEIT ONLINE: Vom Kautschuk-Anbau können sicherlich nicht so viele Menschen leben wie vom Palmöl oder dem Handel mit Holz. Welche weiteren Alternativen haben Sie, um vielen Menschen eine Arbeit zu geben?

Saman: Der Ökotourismus wäre eine Möglichkeit. Ein Magnet für Touristen wäre zum Beispiel die BOS-Orang-Utan-Station. Hier leben Tiere, die die Vernichtung ihres Lebensraums überlebt haben. Sie werden gepflegt und auf ein Leben in Freiheit vorbereitet. Die Einheimischen verstehen allerdings kaum, warum man dort teure Nahrung an Affen verteilt, die hier manchen Menschen zum Leben fehlt. Unsere größte Herausforderung ist, der Bevölkerung so etwas zu vermitteln.

ZEIT ONLINE: Während wir hier sprechen, brennen nur wenige Kilometer weiter die Wälder. Es riecht nach Rauch. Gerade konnte ich aus der Luft sehen, wie Bagger illegal weitere Entwässerungskanäle ausheben, währen Helfer des WWF woanders Dämme in Handarbeit errichten. Denn nur wenn der Grundwasserspiegel wieder steigt, können hier wieder Bäume wachsen. Glauben Sie nach Jahrzehnten des Kampfes noch an den Erfolg Ihrer Arbeit?

Saman: Es stimmt, dass es ein ungerechter Kampf ist. Aber der Schutz und die Wiederaufforstung der Wälder ist unsere einzige Chance auf eine Zukunft. Ich erinnere mich noch daran, wie ich als Kind in den Regenwäldern gespielt habe. Es gab dort Gibbons und Makaken, Schmetterlinge und riesige Blumen, in den Bächen schwammen Fischotter. Dass die Regierungen der vergangenen Jahrzehnte es zugelassen haben, dass meine Heimat zerstört wurde, macht mich sehr, sehr wütend und traurig. Vielleicht verstehen die Menschen durch meine Arbeit, was wie hier verloren haben.

 
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