Naturschutz in Indonesien "Meine Heimat wurde vernichtet"Seite 2/2

ZEIT ONLINE: Wie versuchen Sie, auch diese Menschen von Ihren Ideen zu überzeugen?

Saman: Wir zeigen ihnen Alternativen zur Arbeit auf den Palmölplantagen oder dem illegalen Handel mit Tropenholz. Neben dem Verkauf von Rattan ist der Anbau von Kautschuk-Pflanzen eine Möglichkeit. Aus dem Gummi werden Isolierungen für Kabel oder auch Kaugummi hergestellt. Wie das geht, können sich die Leute hier auf einer Testfläche in der Nähe von Palangkaraya ansehen. Allerdings ist der Kautschuk-Anbau recht teuer und rentiert sich erst nach Jahren. Deshalb müssen wir für die Menschen eine Übergangslösung finden. Leider steht das Kautschuk-Projekt auf diesem Acker im Moment ohnehin still.

ZEIT ONLINE: Fehlen Ihnen die finanziellen Mittel, um weiter zu machen?

Saman: Nein. Geld haben wir von der Regierung der Niederlande bekommen. Aber die lokale Behörde hat uns bisher nicht die Genehmigung erteilt, das Gebiet hier weiterhin landwirtschaftlich zu nutzen.

ZEIT ONLINE: Und warum nicht?

Saman: Weil 82 Prozent der Flächen in Kalimantan zu Waldschutzgebieten erklärt wurden, in denen keine Landwirtschaft mehr betrieben werden soll. Darunter auch dieser Acker.

Hier stand einst ein dichter Regenwald. Entwässerungsgräben haben den Torfboden ausgetrocknet – seitdem zerstören Waldbrände jedes Jahr die nachwachsende Vegetation auf Borneo

ZEIT ONLINE: Aber das ist doch absurd? Immerhin stehen wir hier auf trockenem Schotter. Um uns herum liegen Tausende Hektar Land brach, auf denen der Wald aufgeforstet werden könnte.

Saman: Mit solchen bürokratischen Hürden haben wir hier häufig zu kämpfen. Das Hauptproblem ist, dass die zentrale Regierung in Jakarta und die Provinz-Regierungen auf Borneo so weit voneinander entfernt sind, und zwar sowohl räumlich als auch, was ihre Ziele angeht. Die indonesische Regierung hat zum Beispiel ein Gesetz erlassen, wonach keine Torfmoorwälder mehr zerstört werden dürfen. Die lokalen Regierungen setzen das aber kaum um, weil sie vielerorts nicht einsehen, was ihre Provinzen davon hätten. Gleichzeitig ist es auf der riesigen Insel sehr schwer, die Einhaltung der Gesetze zu kontrollieren. Im Sebangau-Nationalpark sind zum Beispiel 13 Ranger für ein Gebiet von 600.000 Hektar zuständig.

ZEIT ONLINE: Viele Umweltschützer hoffen, dass der Waldschutz auf der Klimaschutzkonferenz im Dezember in Kopenhagen in ein Kyoto-Nachfolgeabkommen aufgenommen wird. Das würde bedeuten, dass Indonesien für den Schutz der Torfmoorwälder Kohlenstoff-Zertifikate bekommen und damit am Emissionshandel teilnehmen könnte. Würde das den Menschen in Kalimantan helfen?

Saman: Die Experten sind sich nicht einig, ob das Geld aus dieser Quelle bei den Menschen in den Dörfern ankommen würde. Ich selbst glaube daran, wenn wir die administrativen Strukturen dafür schaffen. Das ist eine goldene und wahrscheinlich die einzige Chance für Kalimantan. Allerdings gibt es auf Borneo immer noch Korruption bei der Vergabe von Lizenzen und Konzessionen, die es Firmen erlauben, Waldflächen in Palmölplantagen umzuwandeln. Dagegen anzukämpfen, ist fast unmöglich.

Gegen die Korruption anzukommen, ist fast unmöglich.

Tampung Saman, Wissenschaftler und Umweltschützer in Palangkaraya

ZEIT ONLINE: Vom Kautschuk-Anbau können sicherlich nicht so viele Menschen leben wie vom Palmöl oder dem Handel mit Holz. Welche weiteren Alternativen haben Sie, um vielen Menschen eine Arbeit zu geben?

Saman: Der Ökotourismus wäre eine Möglichkeit. Ein Magnet für Touristen wäre zum Beispiel die BOS-Orang-Utan-Station. Hier leben Tiere, die die Vernichtung ihres Lebensraums überlebt haben. Sie werden gepflegt und auf ein Leben in Freiheit vorbereitet. Die Einheimischen verstehen allerdings kaum, warum man dort teure Nahrung an Affen verteilt, die hier manchen Menschen zum Leben fehlt. Unsere größte Herausforderung ist, der Bevölkerung so etwas zu vermitteln.

ZEIT ONLINE: Während wir hier sprechen, brennen nur wenige Kilometer weiter die Wälder. Es riecht nach Rauch. Gerade konnte ich aus der Luft sehen, wie Bagger illegal weitere Entwässerungskanäle ausheben, währen Helfer des WWF woanders Dämme in Handarbeit errichten. Denn nur wenn der Grundwasserspiegel wieder steigt, können hier wieder Bäume wachsen. Glauben Sie nach Jahrzehnten des Kampfes noch an den Erfolg Ihrer Arbeit?

Saman: Es stimmt, dass es ein ungerechter Kampf ist. Aber der Schutz und die Wiederaufforstung der Wälder ist unsere einzige Chance auf eine Zukunft. Ich erinnere mich noch daran, wie ich als Kind in den Regenwäldern gespielt habe. Es gab dort Gibbons und Makaken, Schmetterlinge und riesige Blumen, in den Bächen schwammen Fischotter. Dass die Regierungen der vergangenen Jahrzehnte es zugelassen haben, dass meine Heimat zerstört wurde, macht mich sehr, sehr wütend und traurig. Vielleicht verstehen die Menschen durch meine Arbeit, was wie hier verloren haben.

 
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