Gefährlicher Untergrund Unter Haiti rumort die Erde

Haiti wurde schon häufiger von schweren Beben getroffen. Denn unter der Karibikinsel verlaufen gefährliche Bruchkanten der Erdkruste. Experten erwarten weitere Nachbeben.

Viele der labilen Hütten in den Armenvierteln von Port-au-Prince wurden während des Bebens zerstört und begruben vermutlich tausende von Menschen

Viele der labilen Hütten in den Armenvierteln von Port-au-Prince wurden während des Bebens zerstört und begruben vermutlich tausende von Menschen

Es trifft in Haiti die Ärmsten der Armen und es ist noch nicht vorbei: Nach dem schweren Erdbeben der Stärke 7,0 in der Nacht zu Mittwoch erwarten Geologen, dass der Untergrund Haitis nicht so bald zur Ruhe kommt: "Es gab bereits Nachbeben, die jeweils um eine Magnitude geringer ausfielen", sagt Jochen Zschau, Leiter des Bereichs Erdbebenrisiko und Frühwarnung am Deutschen Geoforschungszentrum in Potsdam (GFZ). "Es gibt noch keine Entwarnung, Haiti muss sich mit hoher Wahrscheinlichkeit auf weitere Beben in den nächsten Tagen und Wochen einstellen."

Diese Beben werden an Stärke verlieren. Doch für die Menschen in Haiti ist das kein Trost. In dem Land, das von Naturkatastrophen geplagt ist, gibt es kaum Gebäude, die einem Erdbeben standhalten könnten, noch dazu leben Hunderttausende in den Slums der Hauptstadt Port-au-Prince.

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Selbst zusammengezimmerte Unterkünfte und alte Hütten bieten kaum Schutz. Im Zweifel überleben jedoch Menschen, die darunter begraben sind, eher als jene, die von zusammenstürzenden Stein- und Betonbauten verschüttet werden.

This image obtained from Twitter purportedly shows Haitians standing amid rubble on January 12, 2010 in Port-au-Prince after a huge quake measuring 7.0 rocked the impoverished Caribbean nation of Haiti, toppling buildings and causing widespread damage and panic, officials and AFP witnesses said. A tsunami alert was immediately issued for the Caribbean region after the earthquake struck at 2153 GMT. AFP PHOTO / TWITTER == RESTRICTED TO EDITORIAL USE / NO SALES == (Photo credit should read -/AFP/Getty Images)

"Wenn wir von der extremen Armut in Haiti ausgehen, können auch Beben der Stärke fünf vermutlich noch große Schäden anrichten", sagt Zschau. Während in Deutschland bei solch einer Stärke "vielleicht ein Schornstein einstürzen" würde, müssen die Menschen in Haiti weit Schlimmeres befürchten. "Zumal das jetzige Beben schon massive Schäden verursacht hat".

Unterhalb der Insel Hispaniola, auf der neben Haiti auch die Dominikanische Republik liegt, rumort die Erde. Am Dienstag entluden sich um sieben Minuten vor fünf Ortszeit am Nachmittag in zehn Kilometern Tiefe Spannungen in der Erdkruste. Das Epizentrum des Bebens lag rund 16 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Port-au-Prince. "Haiti liegt am Rand der karibischen Erdplatte, einer der kleinen tektonischen Platten der Erde", sagt Jonas Kley, Geologe an der Universität Jena. Diese schiebt sich gegen die nordamerikanische Platte.

"Die Grenze dazwischen kann man sich aber nicht als Strich in der Untergrundlandschaft vorstellen", sagt sein Kollege Zschau. "Hier unten gibt es ein komplexes System aus Verwerfungen und Bewegungen." Neben Bereichen, in denen sich eine Platte unter die jeweils andere schiebt, gibt es auch schräge Bewegungen der Erdkruste, bei denen die Kanten gegeneinander schrammen. "An der Plattengrenze verhakt es sich dann", sagt Zschau, "besonders in dieser Region ist das ein ganz komplexes System".

Nahe der Stelle des Bebens vom Dienstag hat es in vergangenen Jahrhunderten immer wieder Beben gegeben. Die Aufzeichnungen gehen zurück bis ins Jahr 1618. Seit dem rumorte es mindestens sechs weitere Male in unterschiedlichen Abständen. Das letzte große Beben ereignete sich 1860. Die Spannungen im Boden summierten sich so durch Verschiebungen in mehreren Kilometern Tiefe in den vergangenen 250 Jahren auf.

"Damals gab es ein ähnlich starkes Beben an der gleichen Stelle wie am Dienstag", sagt Zschau. Seismologen kennen die Region unterhalb der Insel, an der die Karibik- und die Nordamerikaplatte aufeinandertreffen als "Enriquillo-Plaintain Garden fault system". Hier reiben die Platten horizontal und seitlich gegeneinander. Mithilfe von GPS-Messungen und Satellitendaten wissen Geologen, dass sich die Verwerfungen hier jedes Jahr um etwa sieben bis acht Millimeter bewegen. "Addiert man zusammen, welche Spannungen seit 1860 entstanden sind, kommt man auf fast zwei Meter, die verrutscht sind", sagt Zschau. "Das entspricht ziemlich genau einem Beben der Stärke Sieben."

Für Haitis Nachbarn, die Dominikanischen Republik und Länder wie Kuba, Jamaika und Puerto Rico besteht durch das Beben nahe Port-au-Prince derzeit keine unmittelbare Gefahr. "Die Bruchkante, die das Beben in Haiti ausgelöst hat, ist schätzungsweise 20 bis 30 Kilometer lang", sagt Zschau. "An den Enden des Bruches sind Beben wahrscheinlicher, weil die Spannungen in der Kruste sich verlagern". Bei dieser Größenordnung kann man mit Nachbeben in einem Umkreis von etwa 100 Kilometern um das Zentrum des Erstbebens ausgehen. Das betrifft hauptsächlich Haiti, nur im äußersten Südwesten der Dominkanischen Republik könnten weitere Erdstöße kleine Schäden anrichten.

Grundsätzlich gilt aber die komplette Region entlang der Plattengrenze als erdbebengefährdet. Eine Vorhersage der Erdstöße wird es auch künftig kaum geben. Dazu ist der Untergrund viel zu unberechenbar. Um die verheerenden Folgen von Beben zu mindern, ist die Information der Bevölkerung entscheidend. "Schon den Schulen muss ein Risikobewusstein vermittelt werden", sagt Zschau. Das gelte grundsätzlich für alle Erdbebenregionen und darüber hinaus.

"Doch was man nicht vergessen darf: Nicht Erdbeben töten, sondern einstürzende Gebäude", sagt der Geologe. "Klar ist, dass der Mensch sicherer bauen muss." Nicht nur für ein Land wie Haiti sei dies aber leicht dahingesagt. "Hier denken die Menschen natürlich in erster Linie daran, wie jeden Tag Essen auf den Tisch kommt und nicht an Erdbeben".

Um in Zukunft Lehren und Risikoeinschätzungen aus den Beben der Erde zu ziehen, gibt es seit März 2009 ein Projekt, um die globale Gefährdung durch Bewegungen der Erdkruste aufzuzeichnen. Das Global Earthquake Model wurde unter internationaler Beteiligung vom GFZ in Potsdam gegründet. Mithilfe von Satellitendaten und Bodeninstrumenten verfolgen Geologen die Erdbebenaktivität weltweit und in Echtzeit.

Auch wenn das Projekt eine Katastrophe wie in Haiti nicht verhindern kann. Die Daten helfen jetzt und in Zukunft besser, auf die unberechenbare Gewalt der Kräft in der Erdkruste zu reagieren.

Aktuelle Twitter-Einträge zum Thema "Haiti"

Der Online-Kurzinformationsdienst Twitter ermöglicht es jedem, Updates über das Internet oder ein Mobilgerät zu senden. Bei Naturkatastrophen wie Erdbeben kann Twitter unter Umständen als Quelle eine schnelle und authentische Ergänzung zu den Meldungen klassischer Medien darstellen; vor allem aber ermöglicht es einen Überblick in Echtzeit, wie die Netz-Community die neuesten Entwicklungen einschätzt und kommentiert:

 
Leser-Kommentare
  1. ...gebeutelt von der Natur - geplündert vom Weltkapitalismus.

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