Reformen im Weltklimarat Lehren aus dem Gletscherfehler

Nach der Aufregung um Fehler im Weltklimabericht fordern viele Forscher bessere Prozeduren. Einige hat der Weltklimarat IPCC allerdings auch vorher schon angestoßen.

Der Khumbu Gletscher im Himalaya-Gebirge ist einer der längsten der Welt. Er befindet sich rund 140 Kilometer nordöstlich von Kathmandu

Der Khumbu Gletscher im Himalaya-Gebirge ist einer der längsten der Welt. Er befindet sich rund 140 Kilometer nordöstlich von Kathmandu

"Das ist nicht gut für den IPCC", lautete Guy Brasseurs Reaktion, als er vom "Gletscherfehler" im letzten Weltklimabericht erfuhr. Der Direktor des Hamburger Climate Service Center hatte selbst daran mitgearbeitet. Genauer gesagt, am ersten Band über die physikalischen Grundlagen des Klimawandels, in der ersten Arbeitsgruppe (working group, kurz: WG) von dreien. Jede erarbeitet einen eigenständigen Band. "Diese drei Berichte wurden ungefähr parallel geschrieben. Ich habe immer gesagt, das geht nicht", berichtet Brassuer. "Eigentlich müsste WG1 einen Bericht schreiben, auf den die anderen dann aufbauen sollen."

Denn WG2 stellt ja die Auswirkungen des Klimawandels dar, die dritte Gruppe mögliche Maßnahmen gegen ihn. Im Prinzip sind die Aufgaben klar getrennt. Im Einzelfall, wie etwa den regionalen Fallbeispielen zur Gletscherschmelze auf dem Kilimandscharo und im Himalaya, wurde in den WGs aber auch aneinander vorbei gearbeitet: So stieß der Glaziologe Georg Kaser von der Universität Innsbruck (WG1) nur zufällig auf gravierende Fehler in den Entwürfen der zweiten Arbeitsgruppe.

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Wie kann es sein, dass im zweiten Band in der Darstellung regionaler Beispiele gravierende Widersprüche zu den viel fundierteren Aussagen im Band eins auftauchen? Zu wenig Austausch zwischen den Gruppen. Darüber haben sich in den vergangenen Tagen viele beteiligte Wissenschaftler beklagt. Auch Brasseur findet, "dass es viel zu wenig Kommunikation zwischen WG1 und WG2 gibt".

Bald werden die Teams für den "Assesment Report 5" (AR5) zusammengestellt, den nächsten Bericht. Online läuft gerade die Nominierung der "lead authors", jener koordinierenden Autoren, welche die Hauptlast der Arbeit tragen werden, in der wohl umfassendsten Meta-Analyse wissenschaftlichen Materials, die je in Angriff genommen wurde.

Was soll dann besser laufen als beim letzten Mal? Die Frage nach Schwachstellen im Prozedere des Weltklimarats IPCC gewinnt durch die aktuelle Debatte enorm an Bedeutung. Schließlich hat der "Gletscherfehler" nicht bloß Beteiligte wie Brasseur geärgert. In der Öffentlichkeit hat der – an sich kleine – Fehler für viel negative Schlagzeilen gesorgt. Kleine Ursache, große Auswirkung: Plötzlich steht die Glaubwürdigkeit des Weltklimarats infrage. Und natürlich frohlocken jene, die den Einfluss des Menschen auf die Klimaerwärmung leugnen. Längst haben sie das suggestive Wort "Glaciergate" geprägt. Einige suchen inzwischen "das Gate des Tages".

Keine Fehler zu machen ist unmöglich. Dazu sollte man stehen. Es geht hier um den Umgang damit.

Hans von Storch, Klimaforscher in Geesthacht

Dennoch ermutigt der Kieler Klimaforscher Mojib Latif seine Kollegen zur Selbstkritik. Die Furcht, Verschwörungstheoretikern und Luftverschmutzern Argumente zu liefern, dürfe sie davon nicht abhalten. "Wissenschaftliche Qualität hat immer Priorität", sagt Latif. "Ob man damit den Klimaskeptikern in die Hände spielt oder nicht, darf keine Rolle spielen." Hans von Storch, IPCC-Autor vom GKSS-Forschungszentrum in Geesthacht, betont: "Überhaupt keine Fehler zu machen ist ganz einfach nicht möglich. Dazu sollte man stehen. Es geht hier um den Umgang damit."

Transparenterer Umgang mit Fehlern, wenn sie denn geschehen; bessere Kommunikation zwischen den Arbeitsgruppen; mehr Vorsicht bei Daten aus nicht begutachteten Quellen – so lassen sich die drei wichtigsten Forderungen nach Reformen im IPCC zusammenfassen, die Wissenschaftler in den letzten Tagen öffentlich formuliert haben.

Über Veränderungen im Prozedere wird allerdings schon länger nachgedacht. "Es gibt Reformbedarf", sagt Ottmar Edenhofer vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK), "und beim Assessment Report 5 müssen wir effizienter arbeiten". Das fordert nicht irgendjemand. Edenhofer verfolgte die Entstehung des letzten Weltklimaberichts aus der Perspektive eines Leitautors. Seit 2008 leitet er sogar die Arbeitsgruppe 3. Er betont: Auch schon vor der öffentlichen Aufregung über den Gletscherfehler sei die Zusammenarbeit zwischen den Arbeitsgruppen ein Thema gewesen. "Seit Monaten arbeiten wir erfolgreich daran, sie zu verbessern." Das Ziel dabei: Die einzelnen Autoren sollen mehr miteinander reden, die Arbeit soll gezielter verteilt werden.

Trotz der aktuellen Schlagzeilen beobachtet Edenhofer: "Die Bereitschaft von Spitzenforschern, am IPCC mitzuarbeiten, hat zugenommen." In seiner Arbeitsgruppe wolle er die Besten ins Boot holen. "Experten sind für die Lösung von Zukunftsfragen unverzichtbar – Energieversorgung, Geo-Engineering oder Emissionshandel sind keine Fragen, die man mit gesundem Menschenverstand alleine lösen kann."

Nur mit Expertise ist es indes nicht getan. "Der Bote ist genauso wichtig wie die Nachricht", kommentierte die Wissenschaftszeitschrift Nature vergangene Woche in einem Editorial.

Die Akteure und das Prozedere müssen vertrauenswürdig erscheinen. Laufende Reformen voranzutreiben, zusätzliche Verbesserungen zu erwägen und beides möglichst öffentlich – das ist für den IPCC die beste Investition in die eigene Glaubwürdigkeit.

 
Leser-Kommentare
    • mexi42
    • 28.01.2010 um 7:58 Uhr

    und Dilettanten gibt es offensichtlich nicht nur
    in der Politik, sondern auch im obskuren IPCC.
    Wer hätte das gedacht.

  1. Man muss sich fragen, ob die derzeitigen IPCC Größen die Wirklichkeit erkannt haben, oder ob sie, mit kleinen Korrekturen, so weiter machen wie bisher.

    Ausdrücke wie Verschwörungstheoretiker und Luftverschmutzer in der Diskussion sind wohl keine Grundlage, auch kritisch eingestellte Wissenschaftler zur Mitarbeiter zu gewinnen.

    Denn der Flop am Himalaja ist keineswegs ein unbedeutender Vorgang.

    Und auch nicht der erste.

    Bereits 1995 wurde durch Ben Santer ein Beschluss einer Arbeitsgruppe ohne deren Wissen eigenmächtig geändert. Es ging um den menschlichen Einfluss auf das Klima, was von der Kommission nicht beschlossen war, von Santer aber hineingeschrieben wurde.

    Und liest man die früheren Klagen von Spitzenwissenschaftlern wie Lindzen oder Christy, deren Beiträge einfach ignoriert wurden, dann kommt man sehr schnell zur Auffassung, dass im IPCC nicht nur Wissenschaft, sondern auch handfeste Agitation betrieben wurde. Und sieht man die Umstände der Diskussion um den Hockey-Stick an, dann wird man, wenn bisher noch nicht, zum Skeptiker.

    Und kein Wort im Bericht zu den E-Mails der einflussreichsten Wissenschaftler wie Phil. Jones oder Mann, die mit großem Einsatz versucht haben, teilweise mit Erfolg, kritische Stimmen zu unterdrücken.

    Offensichtlich sind die Herren des IPCC der Meinung, dass es mit kleinen Korrekturen so weitergehen wird wie bisher. Ob man sich da nicht gründlich geirrt hat.

  2. Wozu braucht die Welt braucht einen Weltklimarat? Noch niemand hat mit das erklären können.

  3. dass das IPCC aus begangenen Fehlern lernt und die Strukturen verbessern will um Fehleinschätzungen auch zwischen den WGs zu verhindern.

    In so fern ist es fast erstaunlich, dass so ein großes Gebilde wie das IPCC sich flexibler im Denken und Handeln erweist als manche Kommentatoren oder Klimakritiker, die auf ihren Uraltargumenten sitzen und sitzen und sitzen...

  4. Was soll man dazu sagen ?

    Während der Sendung 3SAT Kulturzeit vom 30. 10. 2009 hat sich Schellnhuber, engster klimapolitischer Berater der Bundeskanzlerin Merkel zum Himalaja Gletscher geäußert und bestätigt das Jahr 2035 als Datum für das Abschmelzen der Gletscher.

    Dem IPCC war der Fehler in der Datenangabe seit 2007 sehr wohl bekannt. Warum Schellnhuber trotzdem bei seiner Aussage blieb, darüber kann man nur spekulieren. Einen Anhaltspunkt kennt man. Die Kopenhagen Konferenz stand kurz vor ihrem Beginn.

    Schellnhuber ist nun einer der ersten Klimaforscher, der eine Reform des IPCC forderte.

    Auf denn !!

    : www.youtube.com/watch?v=A...

  5. Jetzt ist gerade einmal eines der gern verbreiteten Argumente aufgeflogen, weil überhaupt keine wissenschaftliche Fundierung gegeben war.
    Wie viele weitere Publikationen haben nur den Anschein einer wissenschaftlichen Fundierung, würden aber einer Überprüfung nicht Stand halten?

    Seit Climategate ist bekannt wie Publikationen in dieser Community akzeptiert oder unterdrückt werden.

    Es ist 5 vor 12, und zwar für die Glaubwürdigkeit der Klimaforscher, die mit so tiefer Inbrunst ihre Thesen verbreiten.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... das die Einfältigkeit der "Klimakritiker" mit jeder Lautäußerung aufs neue Bestätigt wird.

    Denn natürlich schmelzen die Himalaya-Gletasher ab, nur eben nicht so schnell wie es der Bericht des IPCC aufgrund eines simplen Fehlers dargestellt hat.

    Auch "climategate" hat bislang keine inhaltlichen Fehler offenbart. Wenn überhaupt hat es nur aufgezeigt, dass auch die Klimaforscher keine Heiligen sind und im Angesicht der nahezu volksverhetzenden und nicht selten völlig gehirnlosen Kritik auch schon mal verbittern können.

    Richtig ist hingegen, dass es mehr Transparenz im IPCC geben muss und wird. Glaubwürdiger werden die "Klimakritiker" dadurch hingegen auch nicht.

    ... das die Einfältigkeit der "Klimakritiker" mit jeder Lautäußerung aufs neue Bestätigt wird.

    Denn natürlich schmelzen die Himalaya-Gletasher ab, nur eben nicht so schnell wie es der Bericht des IPCC aufgrund eines simplen Fehlers dargestellt hat.

    Auch "climategate" hat bislang keine inhaltlichen Fehler offenbart. Wenn überhaupt hat es nur aufgezeigt, dass auch die Klimaforscher keine Heiligen sind und im Angesicht der nahezu volksverhetzenden und nicht selten völlig gehirnlosen Kritik auch schon mal verbittern können.

    Richtig ist hingegen, dass es mehr Transparenz im IPCC geben muss und wird. Glaubwürdiger werden die "Klimakritiker" dadurch hingegen auch nicht.

  6. ... das die Einfältigkeit der "Klimakritiker" mit jeder Lautäußerung aufs neue Bestätigt wird.

    Denn natürlich schmelzen die Himalaya-Gletasher ab, nur eben nicht so schnell wie es der Bericht des IPCC aufgrund eines simplen Fehlers dargestellt hat.

    Auch "climategate" hat bislang keine inhaltlichen Fehler offenbart. Wenn überhaupt hat es nur aufgezeigt, dass auch die Klimaforscher keine Heiligen sind und im Angesicht der nahezu volksverhetzenden und nicht selten völlig gehirnlosen Kritik auch schon mal verbittern können.

    Richtig ist hingegen, dass es mehr Transparenz im IPCC geben muss und wird. Glaubwürdiger werden die "Klimakritiker" dadurch hingegen auch nicht.

    Antwort auf "Spitze des Eisbergs?"
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    Der IPCC hat sich nicht um ein paar Prozent verschätzt, sonder hat eine erfundene(!) Zahl aus einem Gedankenexperiment falsch(!) wiedergegeben um damit in der Politik und Öffentlichkeit Stimmung zu machen(!).

    Climategate hat gleich mehrere Dinge gezeigt:
    * Ergebnisse und Modelle wurde unseriös vermischt, um gezielt eine andere Aussage zu erreichen. Die realen Temperaturmesswerte dieser Wissenschaftler haben eigentlich gezeigt, dass ihre Modelle die Temperaturen nicht korrekt schätzen können. Wenn ein Modell heute die Temperaturen nicht korrekt abbilden kann, warum sollte es dann in der Vergangenheit richtige Werte liefern?
    * Unabhängig von der wissenschaftlichen Qualität wurden von einflussreichen Wissenschaftlern abweichende Meinungen gezielt unterdrückt.
    * Die E-Mails haben gezeigt, wie die Ausgangsdatenmenge so lange bearbeitet wurde, bis das erwünschte Ergebnis heraus kam.
    * Viele andere Klimaforscher weigern sich ebenfalls, dass dritte Ihre Ergebnisse überprüfen können. Sie sind schlicht nicht willens, ihre Rohdaten zur Verfügung zu stellen.

    PS: Argumenten gegenüber bin ich gerne offen, persönliche Verunglimpfungen verbitten ich mir aber.

    Der IPCC hat sich nicht um ein paar Prozent verschätzt, sonder hat eine erfundene(!) Zahl aus einem Gedankenexperiment falsch(!) wiedergegeben um damit in der Politik und Öffentlichkeit Stimmung zu machen(!).

    Climategate hat gleich mehrere Dinge gezeigt:
    * Ergebnisse und Modelle wurde unseriös vermischt, um gezielt eine andere Aussage zu erreichen. Die realen Temperaturmesswerte dieser Wissenschaftler haben eigentlich gezeigt, dass ihre Modelle die Temperaturen nicht korrekt schätzen können. Wenn ein Modell heute die Temperaturen nicht korrekt abbilden kann, warum sollte es dann in der Vergangenheit richtige Werte liefern?
    * Unabhängig von der wissenschaftlichen Qualität wurden von einflussreichen Wissenschaftlern abweichende Meinungen gezielt unterdrückt.
    * Die E-Mails haben gezeigt, wie die Ausgangsdatenmenge so lange bearbeitet wurde, bis das erwünschte Ergebnis heraus kam.
    * Viele andere Klimaforscher weigern sich ebenfalls, dass dritte Ihre Ergebnisse überprüfen können. Sie sind schlicht nicht willens, ihre Rohdaten zur Verfügung zu stellen.

    PS: Argumenten gegenüber bin ich gerne offen, persönliche Verunglimpfungen verbitten ich mir aber.

  7. 2035 and all that
    By David Holland

    David Holland ist es gelungen, trotz Widerstandes des IPCC, Einsicht in den internen Ablauf des 2035 Papiers zu erhalten, hier sein Bericht in voller Länge.

    http://www.thegwpf.org/in...

    Es ist keineswegs eine reine Verwechselung von 2035 und 2350. Es wurde durch die Experten intensiv Stellung bezogen und an Hunderte zur Stellungnahme gesandt, aber von den Lead Autoren der WG II, wurden die Stellungnahmen unterdrückt.

    Bei Dr. Lan, einem der Lead Autoren der WG II, findet sich die Bestätigung:

    “This is more about a systematic failure of the (IPCC) review process. The... conclusions were sent to hundreds of scientists and governments... and no one raised any doubts... then.”

    So wird eben im IPCC gerabeitet.

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