Die Kartoffel ist mehr als nur ein Gemüse.

Das zeigte sich schon 1756, als Friedrich der Große den Anbau der aus den Anden eingeschleppten Knolle in Preußen per Gesetz befahl. Viele Bauen weigerten sich – denn sie fürchteten das von der Kirche als "Teufelskraut" bezeichnete Nachtschattengewächs, nachdem einige versehentlich statt der gekochten Knolle eine rohe Kartoffel oder gar Teile der giftigen Pflanze probiert hatten.

Um den Bauern die Kartoffel schmackhaft zu machen, soll sich der Preußische König eines Tricks bedient haben: Der Legende nach ließ er die Kartoffeläcker von Soldaten bewachen. Das sollte den Bauern signalisieren, dass dort eine besonders wertvolle Frucht gedeiht, die andere stehlen würden.

Schließlich wurde die Kartoffel akzeptiert, Europa besiegte mit ihr den Hunger – auch wenn die Abhängigkeit von dem neuen Grundnahrungsmittel wiederum zu so mancher Hungersnot führte, sobald die Kartoffelernte einmal ausblieb. Heute hat sie den gesamten Erdball erobert, doch bis heute ist der Erdapfel auch ein Zankapfel. Als die Kartoffelsorte Linda im Jahr 2004 aus dem Sortiment gestrichen wurde, erregte das die Gemüter. Menschen demonstrierten für die Wiedereinführung der Knolle, die nach fünf Jahre wieder auf den Markt kam.

Und seit nunmehr 14 Jahren streiten Wissenschaftler, das Unternehmen BASF , Verbraucherschützer und Umweltorganisationen um die Einführung der genetisch veränderten Kartoffelsorte "Amflora". Am Dienstag genehmigte die EU-Kommission schließlich den Anbau dieser Kartoffel in Europa. Umweltschützer fürchten nun, dass damit alle Dämme gebrochen sind, die Europa bislang vor einer Schwämme gentechnisch manipulierter Lebensmittel bewahrten. Forscher hingegen freuen sich, dass neue Entwicklungen in der grünen Gentechnik nun auch in Europa eine Chance haben.

Grund genug, mit den größten Mythen um die "Gen-Kartoffel" Amflora aufzuräumen. Die wichtigsten Fakten im Überblick.

Die Zulassung der Kartoffelsorte Amflora wurde bereits 1996 erstmals von der Firma BASF beantragt. Wozu braucht der Chemie-Konzern Kartoffeln?

BASF möchte die Kartoffel als Stärkelieferant herstellen. Die Industrie macht daraus zum Beispiel Papier, Pappe und Kleister. Nach Informationen des Fachverbands der Stärke-Industrie werden jedes Jahr rund anderthalb Millionen Tonnen Stärke für die Industrie produziert. Etwa ein Drittel davon wird aus Kartoffeln gewonnen. Allerdings wird nur etwa die Hälfte der Stärke in Lebensmitteln verarbeitet. Auch Amflora ist nicht als Speisekartoffel gedacht, ihr hoher Stärkeanteil macht sie praktisch ungenießbar. Allerdings dürfen Tiere damit gefüttert werden.

Amflora geriet als "Gen-Kartoffel" in die Schlagzeilen. Eine irritierende Bezeichnung, da alle Lebewesen Gene enthalten. Was wurde an der Kartoffel gentechnisch verändert? 

Die Wissenschaftler wollten eine Kartoffel entwickeln, die fast nur Amylopektin-Stärke enthält. Denn die ist besonders gut zur Weiterverarbeitung geeignet. "Herkömmliche Kartoffelstärke besteht zu 80 Prozent aus Amylopektin und zu 20 Prozent aus Amylose", erläutert Thorsten Storck, Projektleiter bei BASF Plant Science . "Ein Großteil der an der Stärke geschätzten Eigenschaften stammt aus dem Amylopektin, zum Beispiel die gute Klebewirkung. Die Amylose dagegen stört bei vielen technischen Anwendungen. Sie geliert und macht die gelöste Kartoffelstärke dadurch instabil." Also veränderten die Forscher das Erbgut der Kartoffel so, dass das Enzym, dass für die Synthese der Amylose zuständig ist, nicht gebildet wird. Heraus gekommen ist eine Kartoffel, die fast nur aus Amylopektin-Stärke besteht.

Wenn die Amflora-Kartoffel gar nicht auf unsere Teller kommt – warum wehren sich dann Umweltverbände und Verbraucherschützer dagegen? 

Im Rahmen des Zulassungsverfahrens hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) die Sicherheit der Amflora-Kartoffel für Mensch, Tier und Umwelt bestätigt. Kritiker zweifeln allerdings daran, dass die Folgen gentechnischer Veränderungen an Pflanzen heute schon sicher für die Zukunft abzuschätzen sind. Außerdem fürchten sie, dass Substanzen aus der Industrie-Kartoffel Amflora auf Umwegen doch auf den Tellern der Verbraucher landen – etwa wenn das Fleisch von Tieren, die mit der Knolle gefüttert wurden, im Supermarktregal landet. "Die Behauptung der Regierung, die Gen-Kartoffel werde nicht in die Nahrung gelangen, ist unglaubwürdig. Wo Gen-Pflanzen angebaut werden, tauchen sie über kurz oder lang auch in Lebensmitteln auf. BASF weiß das und hat deshalb umfassende Zulassungen auch für Lebensmittel beantragt", sagt dazu Martin Hofstetter, Gentechnik-Experte bei der Umweltschutzorganisation Greenpeace .