Evolution der Reptilien Blindschlangen waren blinde Passagiere

Blindschlangen leben unterirdisch. Lange rätselten Forscher, wie sich die Tiere auf alle Kontinente ausbreiteten. Ein Gentest verrät: Sie reisten als Treibgut übers Meer.

Nicht selten werden Blindschlangen mit Regenwürmern verwechselt

Nicht selten werden Blindschlangen mit Regenwürmern verwechselt

"Blindschlangen sind nicht besonders hübsch anzusehen, sie werden häufig übersehen oder sogar mit Regenwürmern verwechselt", sagt Blair Hedges, Biologieprofessor an der Pennsylvania State University. "Nichtsdestotrotz haben sie eine sehr interessante Evolutionsgeschichte."

Zu den Blindschlagen zählen rund 260 verschiedene Arten. Sie bilden die größte Gruppe der wurmartigen Schlangen. Die Tiere sind vor allem auf den südlichen Kontinenten und tropischen Inseln verbreitet, sind aber auch weltweit zu finden – außer in der Antarktis. Sie können schlecht sehen – daher ihr Name – und ernähren sich von Insekten wie Ameisen und Termiten. Bisher hat man kaum Fossilien dieser Tiere gefunden, sodass man wenig über ihre Evolution sagen konnte. Zudem leben sie unter der Erde, sodass Wissenschaftler lange rätselten, wie sie sich von Kontinent zu Kontinent ausbreiten konnten.

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Hedges und Nicolas Vidal vom Naturhistorischen Museum in Paris haben nun herausgefunden, dass Blindschlangen schon vor 155 Millionen Jahren auf dem Ur-Kontinent Gondwana vorkamen. Für ihre Studie, die sie in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Biology Letters vorstellen, arbeitete das Forscherteam mit dem Erbmaterial von 96 heute lebenden Blindschlangenarten. Sie isolierten jeweils fünf Gene, die Auskunft darüber geben, wann sich die verschiedenen Arten aufspalteten. "Unsere Ergebnisse zeigen, dass der kontinentale Drift einen massiven Einfluss auf die Evolution der Blindschlangen hatte", erläutert Vidal, "dadurch dass sich die Kontinente auseinander bewegten, wurden Populationen getrennt."

Mutationen in den Genen der trübäugigen Tiere protokollieren ihre Entwicklungsgeschichte. Demnach entstand eine Ur-Popualtion schon auf Gondwana, dem südlichen Superkontinent der frühen Erdgeschichte. Vor 155 Millionen Jahren zerfiel er in Ost-Gondwana, also die Landmassen von Indien, Australien, Madagaskar und Antarktis, und West-Gondwana, dem heutigen Südamerika und Afrika.

Auf Ost-Gondwana entwickelten sich zahlreiche Linien von Blindschlangen. Später spaltet sich auch dieser Kontinent auf, in Indigaskar, also Indien plus Madagaskar, und eine Landmasse aus dem heutigen Australien und der Antarktis. Auf Madagaskar haben die Forscher eine Art entdeckt, die just zu der Zeit entstanden sein muss, als schließlich auch Indigaskar in seine heutigen Bestandteile zerfiel und die verschiedenen Blindschlangenspezies endgültig voneinander trennte. Das war vor gut 94 Millionen Jahren.

In einer zweiten Auswanderungswelle vor etwa 28 Millionen Jahren wanderten die Blindschlangen entweder aus Afrika oder aus Indien nach Asien ein, das damals noch am nördlichen Superkontinent Laurasia klebte. Zu dieser Zeit tauchten sie auch in Australien auf. Da aber keine Landverbindung zwischen Asien und Australien bestand, müssen die Blindschlangen als Treibgut über das Meer gedriftet sein. Damals lag der Meeresspiegel besonders niedrig und die Verbindungen zwischen den Kontinenten begannen gerade erst, sich zu formen.

Die Theorie klingt ungewöhnlich, aber die Biologen haben noch eine zweite zeitliche Korrelation gefunden, die dafür spricht, dass die Schlangen über das Meer getragen wurden. Vor etwa 100 Millionen Jahren zerbrach auch West-Gondwana und trennte sich in Afrika und Südamerika auf. Aber die genetische Aufspaltung der Blindschlangen zwischen den beiden Kontinenten erfolgte erst vor 63 Millionen Jahren. Das bedeutet: Die Blindschlangen kamen nach der Spaltung West-Gondwanas zunächst nur in Afrika vor. Da sie sich später nachweislich in Südamerika ansiedelten, müssen sie den Atlantik überquert haben.

Eine solche Ausbreitung wurde bisher selten dokumentiert, nur sechs oder sieben andere Wirbeltiere haben den Atlantik von Ost nach West überwunden. Für die Blindschleichen dürfte das nach Ansicht der Forscher aber kein Problem gewesen sein. Ihre Reise dauerte nur geschätzte sechs Monate. Vermutlich reisten die Würmer, die mit wenig Futter auskommen, als blinde Passagiere auf Flößen aus Treibholz und Pflanzenresten mit. Dort fanden sie womöglich ein paar Insekten als Notration.

"Manche Wissenschaftler argumentieren, dass die Ausbreitung von unterirdisch lebenden Tieren über das Wasser doch sehr unwahrscheinlich ist", sagt Hedges, "Unsere Daten bekräftigen die Aussage, dass auch unwahrscheinliche Ereignisse während der Evolutionsgeschichte stattgefunden haben."
 

 
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