Es ist eine Theorie, die den Geologen Walter Alvarez und seinen Vater vor genau 30 Jahren weltberühmt machen sollte. Heute kennt die beiden kaum noch jemand, doch ihre Schlussfolgerungen hat jedes Kind schon einmal gehört: Es ist die Erklärung, warum vor 65 Millionen Jahren die große Ära der Dinosaurier mit einem beispiellosen Massensterben zugrunde ging: Ein Asteroideneinschlag und seine Folgen löschten fast alle Tier- und Pflanzenarten auf der Erde aus.

Doch ist die wohl bekannteste Theorie über das Ende der Saurier auch die plausibelste? "Nach der derzeitigen Datenlage sprechen alle Fakten, auch gestützt durch Ergebnisse aus den letzten Jahren, für einen Impakt", sagt Peter Schulte. Der Geologe vom Geozentrum Nordbayern an der Universität Erlangen-Nürnberg hat zusammen mit 40 weiteren internationalen Forschern alle verfügbaren Fakten zusammengetragen, die für die Asteroidentheorie sprechen. Ihr Überblicksartikel ist im Wissenschaftsmagazin Science erschienen und dürfte die Diskussion um das Ende der Dinosaurier neu entfachen.

"Die Impakttheorie wurde in den vergangenen Jahren immer wieder infrage gestellt", sagt Schulte. Alternative Erklärungsversuche hätten für sehr viel Presserummel gesorgt, etwa die Theorie, der Asteroideneinschlag habe viel früher stattgefunden oder auch die Behauptung, Vulkanausbrüche in Indien seien die Ursache des Dinosauriersterbens gewesen. Deswegen war es nun Zeit, die Daten noch einmal genauer anzuschauen, auch aus unterschiedlichen Wissenschaftsbereichen, zusammen mit Paläontologen, Geophysikern, Chemikern und Geologen. "Ansonsten kann man leicht zu falschen Schlüssen kommen", sagt Schulte.

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Herausgekommen ist eine Zusammenstellung des altbekannten Szenarios, dass sich in etwa so abgespielt haben soll: Ein Asteroid mit einem Durchmesser von gut zehn Kilometern schlägt gegen Ende der Kreidezeit auf der heutigen Yucatán-Halbinsel in Mexiko ein. Bereits die Wucht des Einschlags hat katastrophale Folgen. Unvorstellbar starke Erdbeben der Magnitude 11 erschüttern den Planeten, der Festlandsockel der Halbinsel kollabiert und zahlreiche Tsunamis erreichen die Küstenregionen der umliegenden Ozeane. Alles Leben im Umkreis von 1500 Kilometern hat keine Chance.

Der Aufprall schleudert zudem enorme Staub- und Rußpartikel in die Atmosphäre, die den Himmel verdunkeln und die Temperaturen für Jahre sinken lassen. Nahrungsketten brechen zusammen, freigesetzte Schwefelgase sorgen zusätzlich für unwirtliche Zustände. "Ein globaler Winter tötete all jene Arten, die sich nicht an diese höllische Umgebung anpassen konnten", fasst die Mitautorin der Arbeit, Joanna Morgan vom Imperial College in London zusammen. Die Dinosaurier starben aus.

Charakteristische Ablagerungen in Sedimenten, Gesteinsproben aus Amerika , Europa , Asien und Australien würden diese Theorie eindrücklich belegen, heißt es. Spuren des Einschlags sind noch heute unterhalb des Dorfes in Chicxulub in Mexiko zu finden. Hier liegt unter Gestein konserviert ein riesiger Krater, die Überreste eines Asteroiden, der einst auf die Erde niederging und Energien freisetzte, die Millionen von Nuklearsprengsätzen entsprechen.

"Den absoluten Beweis für die Asteroidentheorie haben wir nicht"

Der Geologe und Paläontologe Wolfgang Stinnesbeck sieht die neue Zusammenfassung zur Asteroidentheorie kritisch. Seit mehr als 20 Jahren forscht Stinnesbeck in Mexiko unter anderem am Chicxulub-Krater. Er kennt die Geologie der Region gut und hat mehrere Studien zu den Sedimenten aus der Zeit, als die Dinosaurier von der Erdoberfläche verschwanden, veröffentlicht. "Der jetzt erschienene Überblicksartikel ärgert mich sehr, es ist die Rede von neuen Daten, doch die gibt es nicht", sagt Stinnesbeck ZEIT ONLINE. Der Geologe kennt auch Peter Schulte gut, schließlich war er sein Doktorvater.

"Die Arbeit zeigt nur eine Seite der Medaille." Seit Jahren gebe es Belege, die der Asteroidentheorie widersprechen. Hinter dem Artikel vermutet Stinnesbeck vor allem eins: "Es geht den Befürwortern des Impakts einfach darum, zu zeigen: Wir sind eine große Gruppe und sind uns einig." Alternative Erklärungen und Ungereimtheiten würden "vom Tisch gewischt."

Bohrungen des International Continental Scientific Drilling Programmes (ICDP) weisen seit Langem darauf hin, dass der Chicxulub-Krater nicht nur um mindestens 50 Kilometer kleiner sei als die von den Anhängern der Asteroidentheorie veranschlagten 180 bis 200 Kilometer im Durchmesser. Auch zeigen sie, dass der Impakt dort tatsächlich Tausende Jahre früher stattgefunden hat, ehe die Dinosaurier ausstarben. "Sedimentologische, paläontologische sowie mineralogische Punkte sprechen gegen Chicxulub als Impaktkrater an der Kreide-Tertiär-Grenze", sagt Stinnesbeck. So bezeichnen Forscher den Übergang von Kreidezeit zur Erdneuzeit vor rund 65 Millionen Jahren. Dass an dieser Stelle einst ein Asteroid auf die Erde traf ist unbestritten. Die Frage sei nur wann.

Stinnesbeck arbeitet derzeit an einer Studie, die die Sandsteinablagerungen, die in der Arbeit von Schulte und seinen internationalen Kollegen als Überbleibsel der Tsunamis nach dem Einschlag gedeutet werden, grundlegend anders interpretiert. Vielmehr würden die Ablagerungen Hinweise auf Veränderungen im Erdmagnetfeld liefern, die innerhalb Tausender Jahre erfolgt seien.

"Dies sind nur weitere Daten, die zeigen, dass die Asteroidentheorie, so wie sie jetzt wieder propagiert wird, nicht haltbar ist", sagt der Geologe. Was Stinnesbeck an der aktuellen Arbeit stört, ist der Versuch, noch unklare Zusammenhänge aus der Zeit, als die Saurier von der Erdoberfläche verschwanden, nicht zuzulassen. "Man kann und sollte darüber weiter offen diskutieren". Er habe nichts dagegen, dass Daten zusammengefasst werden, doch sollte man alternative Erklärungen, die durch eindeutige geologische Belege gestützt sind, nicht außen vor lassen, fordert er.

"Unser Ziel ist es nicht, die Diskussion hiermit zu beenden" entgegnet Peter Schulte dem Vorwurf seines Doktorvaters. Es gebe noch sehr viel Forschungsbedarf – insbesondere was die Mechanismen angehe, die zum Aussterben der Dinosaurier geführt haben könnten. Wissenschaft sei keine Mehrheitsentscheidung, über die abgestimmt werden könne. Letztlich gilt auch für seine Arbeit: "Den absoluten Beweis für die Asteroidentheorie haben wir nicht", sagt Schulte. "Möglicherweise wird es den auch nie geben."

- Mithilfe von Google-Earth haben die Wissenschaftler ihre Theorie zum Asteriodeneinschlag und dessen Folgen visualisiert.