Symbol für die schwindende Artenvielfalt unserer Erde: Ein einsames Erdbbeerfröschchen (Oophaga pumilio) im Regenwald von Costa Rica © Yuri Cortez/AFP/Getty Images

Die sieben Redner auf dem kleinen Podium sitzen dicht gedrängt beieinander, so dicht, dass ihr Blick zwangsläufig ins Publikum wandert. Die Gesichter sind regungslos. Es scheint, dass niemand so richtig weiß, ob er angesichts der Präsentation des wohl wichtigsten Berichts zum Zustand des globalen Ökosystems in diesem Jahr, dem Jahr der Artenvielfalt der Vereinten Nationen (UN), lachen oder weinen soll. Thomas Lovejoy etwa, Biologe, Naturschützer und inzwischen Präsident des Heinz-Zentrums für Wissenschaft, Ökonomie und Umwelt in den USA. Während er dramatische Grafiken an die Wand wirft, spricht er vom Weltuntergang.

"Was wir heute sehen, sind die Vorboten des sechsten Massensterbens in der Geschichte der Erde", vergleicht Lovejoy die aktuelle Lage des Planeten mit dem Aussterben der Dinosaurier vor 65 Millionen Jahren. Seine kaum überraschende Bilanz: "Die Folgen für die Menschheit wären katastrophal." Dabei sollte der dritte Bericht zur globalen Biodiversität, der Global Biodiversity Outlook, eigentlich die Gelegenheit zum Feiern bieten. Vor acht Jahren hatten Regierungen eine Reihe von Zielen beschlossen, die bis 2010 zur Verminderung des Artensterbens und des Verlusts von Ökosystemen führen sollte. Doch das Ergebnis, wie Lovejoys Grafiken es zeigen, ist niederschmetternd: nicht eines der 21 Ziele ist erreicht worden. Bedrohte Tierarten werden immer bedrohter, seltene Ökosysteme werden immer seltener. Vernichtender könnte die Bilanz nicht ausfallen.

Der Pariser Ökologe Paul Leadley warnt besonders vor den sogenannten Tipping Points – plötzlichen, katastrophalen Ereignissen, dem sprichwörtlichen Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. "Es gibt viele, die sagen, dass wir uns von einem graduellem Artensterben hin zu Verlusten von katastrophalem Ausmaß bewegen", sagt Leadley. Vom Amazonas bis zu den Polen, von den Korallenriffen bis zu eutrophierten Süßwasserseen hat Leadley solche Tipping Points überall auf der Welt
ausgemacht. Sein Hauptproblem: "Wir wissen nicht, wann diese plötzlichen Ereignisse stattfinden, weil sie das Ergebnis sehr komplexer Zusammenspiele sind."

So zeigen Berechnungen der Biologen, dass das Überleben des Amazonas-Regenwalds von sich gegenseitig beeinflussenden Abholzungen, Buschfeuern und dem Klimawandel abhängt. "Jeder dieser drei Prozesse kann das System zum plötzlichen Zusammenbruch führen", erläutert Leadley. "Um das zu verhindern, müssen alle drei Probleme gelöst werden – nur eines oder zwei zu lösen, reicht nicht aus." Ohne eine Lösung, so hat Leadley berechnet, könnte bis 2030 eine riesige Fläche Urwald verloren gehen, die nicht nur das Klima in ganz Südamerika verändern würde. "Zugleich würde so viel Kohlenstoff freigesetzt, wie die Menschheit sonst in zwei Jahren produziert." Ein Drittel aller Baumarten würden zudem
wegen der Veränderungen im Ökosystem aussterben.

In ihrem Bericht fordern die Wissenschaftler einen radikalen Kurswechsel in der globalen Artenschutzdebatte. Lovejoy wettert, man müsse weg vom passiven Reagieren hin zu proaktivem Handeln. "Wir müssen uns natürlich um kurzfristige Probleme kümmern, aber auch um die treibenden Kräfte hinter ihnen", warnt der Amerikaner. Die Bevölkerungsexplosion müsse ebenso zur Debatte stehen wie Konsum- und Wirtschaftsmuster. "Es wird Zeit, dass wir die Auswirkungen in die Bilanz unseres ökonomischen Handelns integrieren." Lovejoy betont den engen Zusammenhang zwischen Biodiversitätsverlusten und dem Klimawandel. Der Bericht empfiehlt ein globales Programm zur Regenerierung von Ökosystemen, das den
Treibhauseffekt deutlich bremsen könnte.